Druckabfall bei Nord-Stream-Pipelines Bundesregierung schließt Anschlag nicht aus

Die Regierung sorgt sich nach Druckabfall bei den Ostseepipelines um die europäische Gasinfrastruktur. Die Sicherheitskonzepte auch anderer Anlagen werden überprüft.
Anlandestation von Nord Stream 1 in Lubmin: Aktuell kommt hier kein Gas aus Russland an

Anlandestation von Nord Stream 1 in Lubmin: Aktuell kommt hier kein Gas aus Russland an

Foto: Odd Andersen / AFP

In der Bundesregierung herrscht nach dem plötzlichen Druckabfall in den Gaspipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 die Sorge, dass es sich um einen gezielten Anschlag auf die europäische Gasinfrastruktur und die Gasmärkte handeln könnte.

Drei von vier Strängen der Ostseepipelines seien beschädigt, sagte ein Insider dem SPIEGEL. Man glaube nicht an Zufall.

Es könnte sich um einen Anschlag handeln, um Verunsicherung auf den europäischen Gasmärkten zu provozieren. Nach SPIEGEL-Informationen würden nun mit Hochdruck die Sicherheitskonzepte auch anderer Pipelines und Gasversorgungsanlagen überprüft.

Während die Nord-Stream-2-Pipeline nach ihrer Fertigstellung nie in Betrieb genommen wurde, sondern nur einmalig mit Gas befüllt wurde, floss durch die Nord-Stream-1-Pipeline bis Anfang September Gas nach Deutschland. Der Betreiber von Nord Stream 1 hatte nach Bekanntwerden des Lecks an Nord Stream 2 ebenfalls einen Druckabfall gemeldet.

Beide Röhren waren laut einem Sprecher betroffen. Die Kapazität sank ungeplant auf null, heißt es in einer für Netzbetreiber verpflichtenden Marktinformation.

Sicherheitsexperten schließen Sabotage nicht aus

Bei der dänischen Marine hieß es, es spreche einiges für Sabotage. Sollte es sich um einen Anschlag handeln, würde angesichts des technischen Aufwands eigentlich nur ein staatlicher Akteur infrage kommen.

Polen vermutet eine russische Provokation hinter den mysteriösen Pipelinelecks. »Leider verfolgt unser östlicher Nachbar eine aggressive Politik«, sagte Polens Vizeaußenminister Marcin Przydacz. Wenn er in der Ukraine dazu fähig sei, »ist es offensichtlich, dass keine Provokationen ausgeschlossen werden können, auch nicht in den Abschnitten, die in Westeuropa liegen«.

Auch Russland stellte das Wort Sabotage in den Raum. »Jetzt kann keine Variante ausgeschlossen werden«, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow auf die Frage, ob Sabotage der Grund sein könne für den Druckabfall.

Wegen der Lecks hat die zuständige dänische Schifffahrtsbehörde nahe der dänischen Insel Bornholm Sperrzonen für den Schiffsverkehr eingerichtet. Dänische Behörden haben an den Gaspipelines insgesamt drei Lecks entdeckt. Es sei die Rede von zwei Lecks an Nord Stream 1 nordöstlich der Ostseeinsel Bornholm sowie einem an Nord Stream 2 südöstlich der Insel, teilte die dänische Energiebehörde mit. Im Falle von Nord Stream 1 befinde sich das eine Leck in dänischen und das andere in schwedischen Gewässern. Das Leck von Nord Stream 2 liege in dänischen Gewässern. Sowohl in Dänemark als auch in Schweden wurden inzwischen Krisenstäbe einberufen.

Man veranlasse derzeit Untersuchungen, sagte ein Sprecher der Nord Stream AG, die für Nord Stream 1 zuständig ist. Zum Ausmaß etwaiger Schäden könne man noch keine Angaben machen. Im Bereich um Bornholm liegen die Leitungen seiner Aussage nach etwa 70 Meter unter der Wasseroberfläche. Laut Nord-Stream-2-Sprecher Ulrich Lissek sind die Leitungen so verlegt, dass eine gleichzeitige Beschädigung mehrerer Leitungen etwa durch einen einzelnen Schiffsunfall höchst unwahrscheinlich ist. Zur Frage, ob ihm ähnliche Vorfälle im Zusammenhang mit Offshore-Pipelines bekannt seien, sagte er: »Hab’ ich nie gehört.«

Auch ein Experte für Unterwasserroboter verwies auf die extrem hohen Sicherheitsstandards und die sehr robuste Bauweise der Leitungen. Aus seiner Sicht kommt nur eine bewusste Manipulation infrage. Nach seiner Einschätzung werden Behörden nun mit Tauchrobotern Erkundungen vornehmen.

Die Gasversorgung ist sicher, das Ökosystem nicht

Wie die dänische Zeitung »Jyllands-Posten« berichtet, wurde das Leck an Nord Stream 2 am Montag von dänischen F-16-Kampfjets entdeckt. Sie wurden demnach von Bornholm aus in die Luft geschickt, um das Gebiet zu fotografieren. Sie hätten dabei entdeckt, dass an einem Punkt südöstlich der Insel Blasen aus dem Wasser aufgestiegen seien.

Nach Angaben der dänischen Energiebehörde können Schiffe den Auftrieb verlieren, wenn sie in das Gebiet hineinfahren. Zudem bestehe möglicherweise Entzündungsgefahr. Außerhalb der Zone gebe es keine Gefahr, auch nicht für die Einwohner von Bornholm und der kleinen Nachbarinsel Christiansø.

Deutsche und dänische Behörden wiesen darauf hin, dass die Vorfälle keine Auswirkung auf die Gasversorgung hätten, da die Leitungen zuletzt nicht für den Gasimport benutzt worden seien.

Während über die Pipeline Nord Stream 1 bis vor einigen Wochen noch Gas aus Russland nach Deutschland geflossen war – wenn auch mit gedrosselter Kapazität – war die Genehmigung für den Import über Nord Stream 2 kurz vor dem russischen Angriff auf die Ukraine von der Bundesregierung auf Eis gelegt worden. Danach hatte sie wegen des Krieges eine Nutzung ausgeschlossen.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) schätzt die möglichen kurzfristigen Auswirkungen der Lecks an den Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 auf die Umwelt als lokal begrenzt ein. »Dort entsteht für die Tiere allerdings die Gefahr, zu ersticken«, sagte Nadja Ziebarth, Leiterin des BUND-Meeresschutzbüros. »Das betrifft besonders die Tiere, die nicht schnell flüchten können.«

Wie schon die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sieht auch der BUND vor allem eine Klimagefahr durch das entweichende Methan. Dieses sei 25-mal schädlicher als CO2. Reines Methan, das sich im Meer löst, ist den Angaben zufolge zwar ungiftig. Die Zusammensetzung des in den Nord-Stream-Röhren befindlichen Gases sei allerdings nicht bekannt.

An Europas Gasbörsen zogen die Preise nach einer wochenlangen Abwärtsbewegung am Dienstag wieder spürbar an. 192,50 Euro kostete eine Megawattstunde Erdgas zur Lieferung im Oktober gegen 14.00 Uhr am niederländischen Referenzmarkt TTF: rund zehn Prozent mehr als tags zuvor.

gt/apr/ssu/dpa-AFX/Reuters
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