Skandal um verunreinigtes Öl Putins Probleme mit der Pipeline

Russland pumpt wieder Öl durch die Pipeline "Druschba" nach Westeuropa. Die Exporte waren gestoppt worden, weil der Rohstoff verunreinigt war. Auch Präsident Putin hat sich in den Skandal eingeschaltet, es geht um viel.

"Druschba"-Pipeline (in Ungarn)
Zsolt Szigetvary/ EPA/ DPA

"Druschba"-Pipeline (in Ungarn)

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Als Russland verkündet, dass wieder sauberes Öl durch die Pipeline "Druschba" ("Freundschaft") Richtung Europa fließt, lässt die Reaktion aus dem benachbarten Belarus nicht lange auf sich warten. Es werde noch bis zu sechs Monate "harter Arbeit" brauchen, bis die Leitung wieder voll nutzbar sei.

Während das russische Energieministerium erklärt, das saubere Rohöl werde die Mosyr-Raffinerie in Belarus spätestens am Freitag erreichen, nennt der dortige staatliche Energiekonzern Belneftechim den Samstag als frühesten Termin. Es ist nicht die einzige Unstimmigkeit im Skandal um verunreinigtes russisches Erdöl.

Tonnenweise war das Erdöl über die "Druschba"-Pipeline nach Europa geliefert worden, bis Abzweigungen der Leitung geschlossen wurden. Dies betraf vor allem die Rohre der Pipeline ab Mosyr in Belarus: Richtung Norden nach Plock und Danzig in Polen und Schwedt und Leuna in Deutschland; Richtung Süden in die Ukraine, Slowakei, nach Tschechien und Ungarn. Immer mehr Raffinerien weigerten sich nach und nach, das kontaminierte Öl anzunehmen.

Über "Druschba" läuft rund ein Drittel der deutschen Rohölversorgung. Nach den Meldungen über das mangelhafte Öl war der Spritpreis in Deutschland merklich angestiegen, allerdings nur kurzfristig. Mineralölwirtschaft, Raffineriebetreiber und das Bundeswirtschaftsministerium betonten, dass es genügend Reserven und keinerlei Versorgungsprobleme gebe.

Chloride, die die Leitungen angreifen

Öffentlich Alarm geschlagen hatte ausgerechnet Belarus - ein Bruderstaat Russlands, der aber wieder einmal heftig mit Moskau über Ölexporte streitet. Am 19. April hatte Belneftechim gemeldet, es gebe Qualitätsmängel beim gelieferten russischen Öl. Von einer deutlich erhöhten Konzentration von Chloriden war die Rede, russische und belarussische Medien berichteten von Werten, die bis zu 100 Mal höher lagen als gesetzlich erlaubt.

Die Salze werden vor allem bei älteren Feldern verwendet, die fast vollständig ausgebeutet sind, um den Ertrag zu steigern. Jahrelang war die Verwendung von Chloriden in Russland verboten, 2012 war sie wieder erlaubt worden. Allerdings müssen die Chloride aus dem Öl wieder herausgefiltert werden, bevor es verarbeitet werden kann. In Kontakt mit Wasser kann sonst eine Salzsäurelösung entstehen, die Rohre angreift und die Ausrüstung der Raffinerien beschädigt.

Genau das ist nach Angaben von Belneftechim in der Mosyr-Ölraffinerie passiert: Rohre eines Kühlers wurden nach Angaben eines Sprechers beschädigt. Wie hoch der Schaden ist, sagte der Staatskonzern nicht.

"So etwas hat es bisher nicht gegeben"

Die Meldungen sind für den Kreml ein Problem: Öl ist Russlands wichtigstes Exportgut, jedes Jahr liefert das Land Erdöl und verarbeitete Ölprodukte im Wert von 200 Milliarden Dollar ins Ausland. (Zum Vergleich: Die Gasexporte des Landes haben einen Wert von 40 Milliarden Dollar.) Die "Druschba"-Leitung, noch zu Sowjetzeiten von Westsibirien Richtung Westeuropa gebaut, um die sowjetischen Länder mit Öl zu versorgen, ist eine der längsten Pipelines der Welt. Bis zu 15 Prozent des geförderten Rohstoffs transportiert Russland über die Rohre der "Druschba".

Der kremlkritische Energieexperte Michail Krutichin beobachtet den russischen Ölmarkt seit 20 Jahren, aber: "So etwas hat es bisher in diesem Ausmaß nicht gegeben." Zwar gab es immer mal wieder Meldungen über kleinere Verunreinigungen, aber dieses Mal ist die Kontamination sehr viel gravierender.

Wie viele Tonnen verunreinigtes Öl letztendlich in die Pipeline gelangten, ist nicht bekannt. Belneftechim meldete allein 120.000 Tonnen in Belarus, etwa 50.000 Tonnen in Russland. Das Öl soll nun abgelassen und gelagert werden. Wie die russische Ausgabe von "Forbes" berichtete, wurde kontaminiertes Öl im Wert von 2,6 Milliarden Dollar westwärts gepumpt.

Kontrollen von den Firmen bisher selbst

Auch wenn Raffinerien noch über Lagerbestände verfügen, ist der tagelange Ausfall der Lieferungen für den Kreml heikel. "Es geht um das Ansehen Russlands, um Vertrauen in die russische Ölwirtschaft", sagt Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik, Forschungsgruppe Osteuropa und Eurasien.

Nicht nur der Betreiber der "Druschba"-Pipeline, der staatliche Konzern Transneft, reagierte umgehend, um den Schaden zu begrenzen . Auch Präsident Wladimir Putin meldete sich gleich mehrmals zu Wort. Zuletzt strahlte das Staatsfernsehen am Dienstag ein Gespräch Putins mit dem Transneft-Chef Nikolaj Tokarjew aus - dem Tag, als "Druschba" wieder lieferte.

Gespräch zwischen Wladimir Putin und Transneft-Chef Nikolaj Tokarjew
Alexei Druzhinin/ DPA

Gespräch zwischen Wladimir Putin und Transneft-Chef Nikolaj Tokarjew

"Für uns ist das ein enormer materieller und vor allem ein Imageschaden", zeigte sich Putin entrüstet. Er forderte bessere Sicherheitkontrollen. Bisher sind alle Erdöllieferanten laut Gesetz selbst verantwortlich, die Qualität des Rohstoffs zu prüfen, den sie einspeisen. "Selbstkontrolle reicht nicht aus, das heißt, wir müssen das System ändern", so Putin.

Tokarjew blieb nur, schnelle Änderungen zu versprechen. Er betonte, es habe sich um "reinsten Betrug und einen Verstoß gegen alle Auflagen" gehandelt. Man wolle das verunreinigte Öl nun per Bahn aus Belarus abtransportieren und später mit sauberen Rohöl vermischen, kündigte er an.

Wer ist schuld?

Schnell waren die russische Staatsanwaltschaft und der Geheimdienst FSB eingeschaltet worden. In Moskau war anfangs gar die Rede von einer möglichen Sabotageaktion. Dafür gibt es bisher kaum Anzeichen, Analyst Krutichin glaubt eher an "Nachlässigkeit".

Transneft-Chef Tokarjew beschuldigte bereits ein privates Unternehmen in der Region Samara an der Wolga, das von kleineren Firmen in der Region und aus Orenburg und Ulyanowsk Öl bezieht. Namen nannte Tokarjew nicht. In den russischen Medien wurde das Unternehmen Samaratransneft-Terminal genannt, das aber die Vorwürfe zurückwies. Das Terminal, von dem das verschmutzte Öl in Umlauf gebracht worden sein soll, habe man längst an eine andere Firma verkauft, welche die Anlage einem dritten Unternehmen überschrieben habe. Man selbst befinde sich im Konkursverfahren.

"Das hört sich wie ein typisches russisches Geflecht aus Firmen und Überschreibungen an. Am Ende ist nicht klar, wer verantwortlich ist", sagt Experte Kluge. Er erwartet, dass nun der Druck besonders auf die privaten Ölfirmen steigen wird.

Neue Verhandlungsoptionen für Minsk

Für Belarus kommt der Skandal zeitlich nicht ungelegen. Ein Sprecher des staatlichen Energiekonzerns Belneftechim bezifferte den Schaden durch den Produktionsausfall bereits auf rund hundert Millionen Dollar - eine Summe, die Minsk im Ölstreit taktisch einsetzen wird.

Moskau hat angekündigt, bis 2024 die Exportzölle zu senken und stattdessen die Ölförderung direkt zu besteuern. Dadurch sollen sich die Preise für Rohöl im Inland an den Weltmarkt angleichen. Für Belarus würde das bedeuten, dass sich der zollfreie Einkauf von Öl in Russland nicht mehr lohnt. Außerdem wäre eine Weiterverarbeitung dann nicht mehr lukrativ. Mit dem Export von Erdöl und Verarbeitungsprodukten verdiente das Land allein im vergangenen Jahr sieben Milliarden Euro. Geld, mit dem Belarus seine staatlich dominierte Wirtschaft subventioniert und auch Sozialleistungen für die eigene Bevölkerung bezahlt.

Die geplanten Reformen Moskaus erhöhen den Druck auf Minsk. Beobachter sehen darin auch eine Möglichkeit, eine stärkere Integration der beiden Länder zu vollziehen, so wie sie bereits im Unionsvertrag 1999 geplant war. Immer wieder gibt es Einschätzungen von Experten, dass der Vorsitz über einen Unionsstaat Russland mit Belarus nach 2024 eine Möglichkeit für Putin wäre, weiter an der Macht zu bleiben - nach der russischen Verfassung sind nur zwei Amtszeiten als Staatschef erlaubt. Belarus' Präsident Alexander Lukaschenko, so hieß es unter anderem, könne dann die Funktion eines Premiers übernehmen.

Wird Benzin jetzt wieder billiger?

Noch aber ist er Staatschef und macht nicht den Eindruck, so schnell klein beigeben zu wollen. Lukaschenko forderte bereits 250 Millionen Dollar Entschädigung im Falle der Reformen. Belarus kündigte zudem an, die Zölle für das Durchleiten des russischen Öls durch den belarussischen Teil der "Druschba"-Pipeline um 23 Prozent erhöhen zu wollen.

Die "Druschba"-Pipeline dürfte bei dem Poker noch eine andere Rolle spielen: Lukaschenko wies auf das Alter der Anlage hin. Sie ist schließlich 55 Jahre in Betrieb und müsse dringend modernisiert werden. Dafür aber müsse der Öldurchfluss gestoppt werden. Das aber habe man aus Rücksicht auf Moskau noch nicht getan, denn man wisse ja, dass dies Russland schmerzen würde.

Mitarbeit: Tatiana Chukholimna



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drbm 02.05.2019
1. Aus Chloriden entsteht Salzsäure?
Chloride selbst wirken korrodierend auf Edelstahl (Lochfraß). Salzsäure entsteht ohne Anwesenheit einer stärkeren Säure kaum.
spiegel_pit 02.05.2019
2. Was ist Belarus?
Woher kommt dieser alberne Trend Weissrussland nur noch Belarus zu nennen? Wozu soll das gut sein? Und warum nennen wir dann Russland nicht konsequenterweise Rossia? Ich verstehe es nicht?
juba39 02.05.2019
3. Konzertierte Aktion?
Die Meldung ist mind. 2Wochen alt, und alle Fakten konnte schon in anderen Medien mehrmals nachgelesen werden. Warum also heut dieser große Aufmacher. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, daß der US-Nergiemunister Perry z.Zt in Brüssel weilt, und langsam seine (Erprssungs)Ernte einfährt. So kann man zwar nicht hier, aber bei der ARD nachlesen: "Der amerikanische Druck wirkt offenbar: Nach einem Deal mit US-Präsident Trump im Handelsstreit hat die Europäische Union ihren Import an US-Flüssiggas in den vergangenen neun Monaten um 272 Prozent gesteigert." (https://www.tagesschau.de/wirtschaft/fluessiggas-eu-101.html) Und nicht nur das. Bis 2023 soll diese Zahl nochmal verdoppelt werden. Dafür forderte Perry nicht nur den Stopp von Nordstream-2, sondern auch von Türkstream! Und daß Deutschland (Altmeier) dabei jedes Prinzip der Marktwirtschaft (staatliche Subventionierung des US-LNG bis zur Zwangseinspeisung ins deutsche Netz) vergewaltigt, ist hier kein Thema. Dabei gleich noch milliardenschwere Schadensersatzklagen von NS-2 beschwört, ist dann auch schon egal. Ähnlich wie bei Boeing/Airbuss wird das dann auch bei US-LNG/NS-2 Gas ausgehen. Nur daß eben hier NUR das LNG unzulässig, sogar nach EU-Regeln, subventioniert wird. Und wer zahlt die ganze Zeche am heimischen Gasherd? Die Umlage auf den Gaspreis hat doch Altmeier schon angekündigt. Noch so ein Tabuthema.
abc-xyz 02.05.2019
4.
Zitat von juba39Die Meldung ist mind. 2Wochen alt, und alle Fakten konnte schon in anderen Medien mehrmals nachgelesen werden. Warum also heut dieser große Aufmacher. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, daß der US-Nergiemunister Perry z.Zt in Brüssel weilt, und langsam seine (Erprssungs)Ernte einfährt. So kann man zwar nicht hier, aber bei der ARD nachlesen: "Der amerikanische Druck wirkt offenbar: Nach einem Deal mit US-Präsident Trump im Handelsstreit hat die Europäische Union ihren Import an US-Flüssiggas in den vergangenen neun Monaten um 272 Prozent gesteigert." (https://www.tagesschau.de/wirtschaft/fluessiggas-eu-101.html) Und nicht nur das. Bis 2023 soll diese Zahl nochmal verdoppelt werden. Dafür forderte Perry nicht nur den Stopp von Nordstream-2, sondern auch von Türkstream! Und daß Deutschland (Altmeier) dabei jedes Prinzip der Marktwirtschaft (staatliche Subventionierung des US-LNG bis zur Zwangseinspeisung ins deutsche Netz) vergewaltigt, ist hier kein Thema. Dabei gleich noch milliardenschwere Schadensersatzklagen von NS-2 beschwört, ist dann auch schon egal. Ähnlich wie bei Boeing/Airbuss wird das dann auch bei US-LNG/NS-2 Gas ausgehen. Nur daß eben hier NUR das LNG unzulässig, sogar nach EU-Regeln, subventioniert wird. Und wer zahlt die ganze Zeche am heimischen Gasherd? Die Umlage auf den Gaspreis hat doch Altmeier schon angekündigt. Noch so ein Tabuthema.
Zum Fakt, dass uns Russland uns Dreck andrehen wollte, verlieren Sie kein Wort. Damit hat Ihr Beitrag die selbe Qualität wie das russische Öl. Zum Thema: Alle Pipelines nach Russland abschalten! Wir brauchen keine Monopole.
pethof 02.05.2019
5. Freitag oder Samstag?
Welch eine gewaltige Unstimmigkeit in den russischen und weißrussischen Aussagen, die von Frau Hebel unbedingt hervorgehoben und deutlich gemacht werden muss! Wichtigere Informationen scheint sie nicht zu haben. Ob es sich bei dem Problem um einen Unglücksfall, eine Unachtsamkeit oder gar um einen vorsätzlichen Sabotageakt handelt, wird gegenwärtig untersucht. Für Frau Hebel ist es jetzt schon klar: es ist ein Skandal. Welch ein Omen, dass Russlands engster Verbündete Weißrussland die Sache als erster entdeckt hat. Welch eine erstaunliche Information. Frau Hebel hat wohl vergessen, dass das verschmutze Öl zuerst in Weißrussland eintraf, bevor es auch deutschen Boden in Schwedt erreichte. Erstaunlich wäre gewesen, wenn das PCK Schwedt als erstes Alarm geschlagen hätte! Dass die Druschba-Leitung nach jahrzehntelangem Betrieb störanfällig und überholungsbedürftig ist, wissen sie Russen selbst. Dazu brauchen sie keine Information aus dem Westen. Das gleiche gilt aber auch für die Erdgas-Transitleitungen durch die Ukraine. Kommt es dort zu einer ernsten Störung der Erdgas- Transits, wird ohne Nord-Stream-2 die Energieversorgung Deutschlands nicht mehr gesichert sein.
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