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07. Dezember 2009, 13:58 Uhr

Durchsuchung bei LBBW

Staatsanwaltschaft knöpft sich Top-Management vor

Zocker-Vorwurf gegen Vorstände der LBBW: Mehrere Manager sollen 2006 dreistellige Millionenbeträge in hochriskante US-Hypothekenanleihen investiert haben. Dabei stand der Markt damals unmittelbar vor dem Zusammenbruch. 240 Ermittler haben Büros der Bank und Privatwohnungen durchsucht.

Stuttgart - Bei den Ermittlungen gegen die LBBW werden die Hintergründe bekannt: Sieben ehemalige und amtierende Vorstände der größten deutschen Landesbank sollen bei Investitionen unkalkulierbare Risiken eingegangen sein. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Stuttgart besteht der Verdacht, dass die Manager Ende 2006 unter Verletzung ihrer Pflichten Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe in hochriskante Finanzgeschäfte tätigten oder ermöglichten. Dabei stand im Zusammenhang mit der US-Immobilienkrise der Markt für Hypothekenanleihen damals unmittelbar vor dem Zusammenbruch. Entsprechend hätten solche Investitionen ein unkalkulierbares Risiko geborgen.

Die Höhe des tatsächlich entstandenen Schadens durch die Geschäfte stehe noch nicht fest, hieß es weiter. Der Staatsanwaltschaft zufolge dürfte er jedoch in Millionenhöhe liegen. Vorermittlungen zu den Geschäften mit US-Hypothekenanleihen hatte die Behörde bereits Ende 2008 aufgenommen. Vor wenigen Wochen wurde schließlich ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

An diesem Montag haben neben Staatsanwälten 240 Ermittler des Landeskriminalamts und der Polizei die Zentrale der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) in Stuttgart und zehn Privatwohnungen in einem Überraschungseinsatz durchsucht. Der Verdacht: schwere Untreue.

Auch Ex-Chef Jaschinski betroffen

Bei sechs der Beschuldigten handelt es sich nach Informationen der Nachrichtenagentur ddp um amtierende Vorstandsmitglieder. Zudem ist der frühere Institutschef Siegfried Jaschinski betroffen, der im Frühjahr ausgeschieden war, nachdem die Gesellschafter seinen Vertrag wegen der Krise der Bank nicht mehr verlängert hatten.

Haftbefehle gegen die Beschuldigten wurden nicht beantragt. Nach Angaben einer Sprecherin der Staatsanwaltschaft befinden sich alle Betroffenen auf freiem Fuß. Gegen den LBBW-Vorstandsvorsitzenden Hans-Jörg Vetter wird dem Vernehmen nach nicht ermittelt. Sollte sich der Verdacht der Untreue in einem besonders schweren Fall erhärten, drohen den Beschuldigten bis zu zehn Jahre Haft.

Das Institut selbst wollte sich zu Fragen von SPIEGEL ONLINE zu den erhobenen Vorwürfen und dem Umfang der Durchsuchungen, die am Montagmittag noch andauerten, nicht äußern. Eine Sprecherin sagte nur, die LBBW unterstütze die Ermittlungen "vollumfänglich, um zu einer raschen Aufklärung des Sachverhaltes beizutragen".

Die LBBW hatte sich in der Finanzkrise massiv verspekuliert und musste von den Eignern - neben dem Land auch die baden-württembergischen Sparkassen und die Stadt Stuttgart - mit einer Kapitalspritze von fünf Milliarden Euro und Garantien für Risikopapiere in Höhe von 12,7 Milliarden Euro gestützt werden. Daraufhin kündigte die größte deutsche Landesbank einen massiven Stellenabbau an.

Auch im laufenden Geschäftsjahr ist die größte deutsche Landesbank tief in den roten Zahlen. Nach den ersten neun Monaten steht unter dem Strich ein Minus von 620 Millionen Euro in den Büchern. Belastet hat die Bilanz vor allem die wegen der Wirtschaftskrise notwendige hohe Absicherung gegen die zunehmende Gefahr von Kreditausfällen. Außerdem schlugen sich die Kosten für den Umbau der angeschlagenen Bank nieder.

LBBW-Chef Vetter rechnet damit, dass dies dem Branchenprimus auch im Schlussquartal zusetzen wird. Für das Gesamtjahr 2009 geht er von einem deutlichen Verlust aus; nach dpa-Informationen werden es knapp zwei Milliarden Euro sein.

böl/fro/ddp/Dow Jones/AP/dpa

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