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Elektromobilität Streetscooter-Erfinder hofft auf öffentliche Mittel für neuen Kleinstwagen

Mit dem E.go-Life hat der Elektroautopionier Günther Schuh einen serienreifen Kleinstwagen auf dem Markt. Doch der Start stockte. Nun sollen öffentliche Gelder einen Finanzengpass überbrücken helfen.
aus DER SPIEGEL 12/2020
E.go-Life-Modelle: Der Absatz lahmt noch

E.go-Life-Modelle: Der Absatz lahmt noch

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RUPERT OBERHÄUSER / ALAMY / MAURITIUS IMAGES

Am vorigen Samstag bleibt ein Spaziergänger an der Berliner Spree neugierig vor einem blau glänzenden Kleinwagen stehen. Der ältere Mann umrundet das Gefährt, linst durchs Fenster, legt den Kopf schief und sinniert über das unbekannte Markenlogo, ein stilisiertes "G" – nie gesehen, sieht ja nicht schlecht aus, was ist das bloß? Bestimmt aus China, sagt er noch zu einem anderen Interessenten, bevor er weiterzieht.

So geht es gerade einigen Autofreunden in der Republik, die den E.go Life als unbekanntes elektrisch betriebenes Fahrobjekt erstmals im Straßenverkehr sehen. Das Berliner Exemplar kam auf einem Sattelschlepper in die Hauptstadt. Nicht aus China allerdings, gebaut wurde es in einem Werk in Aachen. Sein Erfinder Günther Schuh, Professor an der dortigen RWTH und erprobter E-Auto-Erfinder, der schon den Lieferwagen "Streetscooter" vom Reißbrett auf die Straße brachte, ist mit seinem neuen Stadtflitzer gerade auf einer Art Roadshow unterwegs. Bisher gab es Probefahrten nur ab Werk in Nordrhein-Westfalen. Auf seiner E.go-Werbetour tritt er energetisch auf und versprüht Erfinderstolz und Zuversicht – trotz gravierender Startschwierigkeiten. 

Vor seinem jüngsten Produkt schwärmt Schuh über die Steifigkeit der Karosserie, die überlegene Sitzhöhe des Kleinstwagens und dessen Einsteigekomfort, über all die Detaileinfälle seines italienischen Autodesigners und vor allem über die Lebensdauer seiner Schöpfung: "Wir wollten das nachhaltigste Auto auf dem Markt bauen, das ist gelungen".  50 Jahre plus soll das Kurzstreckengefährt überdauern, die Batterie kommt mit acht Jahren Garantie.

Mehr als 5000 Autos sollen dieses Jahr verkauft werden

Die Lebensdauer des Neulings bleibt noch zu beweisen, genau wie eine andere, noch grundlegendere Frage – nämlich ob sich die Innovation aus Aachen erfolgreich auf dem Markt etablieren und behaupten kann.

Seit dem Start der Auslieferung der ersten Serien-E.gos im Mai vorigen Jahres, zu dem Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) schon von einer "Erfolgsgeschichte aus Nordrhein-Westfalen" sprach, gab es einige Rückschläge. Auch das bereits von 1000 auf 600 verkaufte Autos reduzierte Ziel für das vorige Jahr wurde mit 540 nicht ganz erreicht. Die Erhöhung des Umweltbonus, den zur Hälfte die Hersteller tragen, verhagelte den Aachenern zusätzlich ihre Finanzplanung. Kritiker bemängelten die geringe Reichweite von nur rund 100 Kilometern in den Basisversionen und ihre vergleichsweise sehr langen Batterie-Ladezeiten. 

E-Auto-Pionier Schuh: "Es gibt in den nächsten Jahren einen Markt von 400.000 E-Kleinwagen"

E-Auto-Pionier Schuh: "Es gibt in den nächsten Jahren einen Markt von 400.000 E-Kleinwagen"

Foto: Oliver Berg / DPA

Der selbstbewusste Zwei-Meter-Mann Schuh schaut in Berlin lieber nach vorn. Eine neue Finanzierungsrunde sei so gut wie abgeschlossen, sagt er – aktuell fehlten "noch wenige Millionen in der Finanzierung des laufenden Jahres". "Wir verhandeln mit zwei Investoren und haben die Aussicht, dass eine öffentliche Investitionsbank deren Investition verdoppelt".

Im laufenden Jahr sollten 5100 Fahrzeuge abgesetzt werden, doch derzeit scheint fraglich, ob dieses Ziel erreicht werden kann. Im Januar habe es wegen eines "Batteriestaus" einen knapp dreiwöchigen Produktionsstopp gegeben, erklärt Schuh. Man habe in dieser Zeit bereits produzierte Fahrzeuge, bei denen die Batterie fehlte, fertiggestellt. "Im schlechtesten Fall" würden 2021 nun wohl 3700 bis 4000 Autos verkauft.

Die Nachfrage entwickle sich indes "hervorragend", beteuert der Unternehmer, deshalb verhandle er auch gerade über eine weitere Produktionsstätte. "In dieser Woche haben wir in Gesprächen mit der Deutschen Post konkret unser Interesse an der Übernahme eines Streetscooter-Werks ab Mitte 2021 bekundet". Die Post hatte den E-Lieferwagen 2014 gekauft und unlängst angekündigt, die Produktion einzustellen. Schuh würde seine erste E-Auto-Gründung am liebsten komplett übernehmen, auch dafür überarbeite er gerade ein Angebot.

An den Plänen für zwei Sondermodelle des E.go, die im kommenden Jahr jeweils in Kleinserien auf den Markt kommen sollen, hält Schuh fest – eigentlich wollte er sie in diesen Tagen auf dem Genfer Autosalon präsentieren - doch die Messe wurde wegen des Coronavirus abgesagt.  Sowohl der höhergelegte und als "City Utility Vehicle" beworbene "Concept Cross" (1000 Fahrzeuge) als auch eine Sport-Variante (3000) haben stärkere Motoren und größere Batterien. Sie sind aber auch erheblich teurer als die E.go-Life-Basisvarianten (20/40/60) die ab 17.900 Euro kosten – von dem für die Käufer noch der Umweltbonus abgeht.

Corona ist für E.go nicht nur wegen des geplatzten Messeauftritts in der Schweiz ein schwieriges Thema.  Die Lieferketten des Aachener E-Auto-Herstellers reichen auch nach China und Italien. Ein neuer chinesischer Joint-Venture-Partner befindet sich noch teils unter Quarantäne. Damit verzögerten sich dessen Investition und die gemeinsamen Pläne für den chinesischen Markt. Schuh gibt sich dennoch unverdrossen: "Es gibt in den nächsten Jahren einen Markt von 400.000 E-Kleinwagen", sagt er. "Wer wie wir serienreife Modelle anbieten kann, hat mittelfristig nichts zu befürchten."

Zudem glaubt der Gründer noch ein echtes Ass im Ärmel zu haben - den lukrativen CO2-Zertifikatehandel. Für jedes seiner verkauften Null-Emissionsautos kann er ein Zertifikat an andere Hersteller verkaufen – für die ist das lukrativ, weil sie so Strafzahlungen für eigene Fahrzeuge vermeiden können, die die Grenzwerte überschreiten. Von März 2021 an könne der E.go Life nach aktueller Planung erstmals Gewinne erwirtschaften, von der Marge von 200 bis 300 Euro pro Wagen allein indes werde man "nicht satt", sagt Schuh. "In diesem Jahr könnten pro Zertifikat fünfstellige Summen zusammenkommen, dadurch können wir schneller substanziell profitabel werden."

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