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01. Dezember 2014, 17:42 Uhr

Abspaltung von Kohle, Gas und Atom

Wie sich E.on neu erfindet

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Alles neu bei E.on: Das Unternehmen stößt sein altes Kerngeschäft ab. Was genau plant der größte deutsche Stromkonzern? Wo bleiben die Atomrückstellungen? Und was erwartet die Mitarbeiter? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Hamburg/Düsseldorf - Der größte deutsche Energiekonzern E.on zerschlägt sich selbst und ordnet seine Geschäfte neu. Seit einem Jahr feilt das Management an dem Plan und weihte unter anderem Betriebsrat, Gewerkschaften und Bundesregierung ein. Dennoch drang nichts von dem Vorhaben vorab nach außen.

Bei E.on wird kaum etwas so bleiben, wie es bislang war. Doch was plant das Management im Detail? Was bedeutet der Konzernumbau für Mitarbeiter, Aktionäre und Konkurrenten? Was wird aus den Atom-Altlasten? Antworten auf die wichtigsten Fragen:


Was hat E.on genau vor?

Aus dem bislang größten deutschen Energiekonzern soll binnen zwei Jahren zwei Unternehmen werden.


Warum erfindet E.on sich komplett neu?

Der Energiekonzern reagiert auf die Umwälzungen im Zuge der Energiewende: Durch den Siegeszug der erneuerbaren Energien gibt es bei den konventionellen Kraftwerken inzwischen erhebliche Überkapazitäten. In der Folge stürzt der Großhandelspreis für Strom regelrecht ab. Allein seit Anfang 2013 ist dieser um etwa 25 Prozent gefallen. Der Trend hält aller Voraussicht nach an: Erwirtschafteten konventionelle Kraftwerke in Deutschland derzeit noch insgesamt rund 25 Milliarden Euro Gewinn im Jahr, dürfte es im Jahr 2020 weniger als die Hälfte sein.

Allerdings ist nicht allein die Energiewende Grund für die Schieflage des Konzerns. Derzeit lasten 31 Milliarden Euro Schulden auf E.on. Unter anderem in Südeuropa hat der Konzern Milliarden durch Fehlinvestitionen verloren. Allein in diesem Geschäftsjahr muss E.on 4,5 Milliarden Euro abschreiben und wird voraussichtlich einen hohen Verlust ausweisen.


Gibt es Auswirkungen auf Mitarbeiter und Arbeitsplätze?

E.on sichert zu, dass durch die Abspaltung keine zusätzlichen Stellen gestrichen werden. Mit den rund 20.000 Mitarbeitern gingen auch deren Pensionsansprüche auf die Abspaltung über. Auch die Gewerkschaft Ver.di erwartet keine Nachteile für die Beschäftigten. Man habe mit dem E.on-Management vereinbart, dass es weder einen neuen Personalabbau noch ein neues Sparprogramm geben werde, sagte Ver.di-Vertreter und E.on-Aufsichtsratsvize Erhard Ott.


Welche Aussichten bestehen für den abgespaltenen Teil?

Zwar beteuerte Konzernchef Johannes Teyssen bei der Vorstellung der Pläne an diesem Montag, auch das konventionelle Geschäft mit Atom, Kohle und Gas sei zukunftsträchtig: "Es ist noch nicht gesagt, wer in fünf Jahren der Erfolgreichere ist - E.on oder die neue Gesellschaft." Diese starte schuldenfrei, zudem würden Großkraftwerke noch lange Zeit als Rückgrat der Energieversorgung gebraucht. Der Grund für die strikte Trennung sei, dass sich die Geschäftsmodelle immer stärker unterschieden.

Doch im Frühjahr hatte Teyssen im Interview mit SPIEGEL ONLINE erstaunlich offen festgestellt: "Ich gehe nicht davon aus, dass mit der konventionellen Stromerzeugung künftig noch nennenswert viel Geld verdient werden kann." Stattdessen würden künftig mit spezialisierten Dienstleistungen Profite eingefahren.

Mitentscheidend für den Erfolg der Abspaltung wird sein, inwieweit die Bundesregierung dem Drängen der Energiekonzerne nachgibt. Die wollen dafür bezahlt werden, dass sie konventionelle Kohle- oder Gaskraftwerke vorhalten, auch wenn diese keine Gewinne abwerfen. Nur so sei die Versorgungssicherheit auch bei bedecktem Himmel oder Flaute aufrecht zu erhalten, argumentieren E.on und Co.

Grundsätzlich Hoffnung machen allerdings zwei weitere Beispiele für Spin-Offs problematischer Geschäftsbereiche: Der Chemiekonzern Lanxess - 2005 von Bayer abgespalten - und der von Siemens 2013 an die Börse gebrachte Beleuchtungsspezialist Osram beglückten ihre Aktionäre mit mehr (Lanxess) oder weniger (Osram) hohen Kurszuwächsen.


Was geschieht mit den Atom-Rückstellungen?

Die Atomrückstellungen - rund 14,5 Milliarden Euro - sollen mit den sieben Atomkraftwerken selbst in die abzuspaltende Firma übertragen werden. Ob sie ausreichen, galt bisher schon als unsicher. Zwar teilte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) mit, die Regierung passe auf, dass die Rückstellungen gesichert blieben - umging so aber eine Antwort darauf, ob sie hoch genug seien.

Die Grünen befürchten aber, dass am Ende der Steuerzahler einspringen müsse, weil die neue Gesellschaft nicht die benötigten Gewinne für Abriss und Entsorgung der AKW erwirtschaften könne. "In der neuen Gesellschaft sind hauptsächlich die absterbenden Geschäftsteile von E.on gebündelt", sagt etwa die Bundestagsabgeordnete Bärbel Höhn.


Fungiert E.on als Blaupause für andere Energiekonzerne?

Zumindest setzt E.on von den vier großen Energiekonzernen in Deutschland den notwendigen Strategiewechsel nun am konsequentesten um. EnBW-Chef Frank Mastiaux trimmt den Konzern seit Ende 2012 ebenfalls auf die Bereiche erneuerbare Energien, Netze und Dienstleistungen, will das konventionelle Geschäft jedoch nicht ausgliedern.

Der schwedische Staatskonzern Vattenfall peilt in Deutschland ebenfalls einen kompletten oder teilweisen Rückzug aus dem Braunkohle-Geschäft an. Man befinde sich selbst in einer Phase der Veränderung, in den vergangenen drei bis vier Jahren habe man alle Investitionsentscheidungen zugunsten erneuerbarer Energien getroffen, sagte ein Vattenfall-Sprecher.

Lediglich RWE - hinter E.on knapp die Nummer zwei und mit ähnlich hoher Schuldenlast - hält an seinem Geschäftsmodell fest. "Wir wollen unseren Konzern weiterhin entlang der gesamten Wertschöpfungskette aufstellen", sagte eine RWE-Sprecherin am Montag.

Mit Material von Reuters und dpa

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