Stromverbrauch E.on will Kühlschränke und Fernseher ausspähen

Warum schluckt der Fernseher so viel Energie? Oder sorgt die alte Waschmaschine für die hohe Stromrechnung? E.on arbeitet an einer Box, die den Verbrauch einzelner Geräte misst. Datenschützer reagieren skeptisch.
Waschmaschinen: Volle Kontrolle per App?

Waschmaschinen: Volle Kontrolle per App?

Foto: Tobias Hase/ bsh-group

Deutschlands größter Energiekonzern drängt in die Häuser und Wohnungen seiner Kunden. E.on wird demnächst eine Box auf den Markt bringen, die den Verbrauch einzelner Haushaltsgeräte detailliert messen kann.

Die Box müsse einmalig an den Sicherungskasten des Kunden angeschlossen werden. Anschließend könne sie mittels Algorithmen Haushaltsgegenstände selbstständig erkennen und ihren Energieverbrauch visualisieren, teilte E.on Energie Deutschland, die Vertriebstochter des Konzerns, SPIEGEL ONLINE mit. Einzelne Geräte lassen sich gut unterscheiden, weil sich die Strommengen, die sie in einem bestimmten Zeitraum verbrauchen, deutlich unterscheiden.

Der Verbrauch der Geräte soll dann an eine App übermittelt werden. Diese könne den Nutzer beispielsweise warnen, wenn seine Waschmaschine verkalkt und plötzlich mehr Strom verbraucht als vorher. Auch der Vergleich des eigenen Stromverbrauchs mit dem des Nachbarn wäre technisch möglich. Generell sollen Nutzer mehr "Einblick in ihren Energiehaushalt" bekommen, sagt Robert Hienz, Chef von E.on Energie Deutschland.

Wann genau die Box erscheint und was sie kosten soll, sagt E.on nicht. Nur dass das Gerät in jedem Fall noch im laufenden Jahr auf den Markt kommen werde. Die App läuft derzeit unter dem Namen SmartCheck.

SmartCheck-App von E.on: Tiefer Einblick in den Energiehaushalt der Nutzer

SmartCheck-App von E.on: Tiefer Einblick in den Energiehaushalt der Nutzer

Foto: E.on

Mit dem geplanten System zielt E.on auf einen lukrativen Zukunftsmarkt: das vernetzte Zuhause, auch Smart Home genannt. Laut einer Prognose der Beratungsgesellschaft Deloitte & Touche dürfte dieser Markt allein in Europa bis 2017 ein Volumen von 4,1 Milliarden Euro erreichen.

E.on ist nicht das einzige Unternehmen, das versucht, in diesem neuen Segment Fuß zu fassen. Neben den üblichen Konkurrenten RWE   und EnBW arbeiten auch Hunderte Start-ups an dem Thema. Und die sind nach Einschätzung von Branchenexperten teils innovativer als die großen Versorger.

"E.ons Idee ist nicht neu", sagt Martin Jendrischik, Geschäftsführer von Cleantech Media, einer Beratungsfirma für deutsche Energiewende-Start-ups. Die Technik werde beispielsweise auch von der Berliner Firma yetu verfolgt. E.on habe aber einen entscheidenden Vorteil: Größe.

Fragt sich nur, ob der Konzern auf die richtige Strategie setzt. "Grundsätzlich gibt es zwei Typen von Smart-Home-Systemen", sagt Jendrischik. Es gebe einerseits Firmen, die darauf setzen, jedes Haushaltsgerät einzeln mit einem Sensor auszustatten und andererseits Firmen, die - wie nun auch E.on - auf sensorlose Systeme setzen. Ohne Sensoren kann man vorerst nur den Verbrauch messen, aber keine Geräte von unterwegs an- oder abschalten.

E.ons App könnte einem Kunden, der sich gerade schlafen legt, also nur sagen: "Dein Fernseher im Wohnzimmer ist noch an. Geh doch bitte noch mal rüber und mach ihn aus." Bequem vom Bett mit dem Handy abschalten ließe er sich nicht.

Wirklich attraktiv werden solche sensorlosen Systeme erst mit den Haushaltsgeräten der nächsten Generation, die dürften die nötige Steuerungstechnik inklusive WLAN-Schnittstelle ab Werk installiert haben. Bis solche Geräte in genug Haushalten stehen, dürften noch Jahre vergehen. Systeme mit Sensoren sind schon jetzt voll einsatzfähig.

Screenshot der E.on-App: Bedenkliche Vermessung des Verbrauchers

Screenshot der E.on-App: Bedenkliche Vermessung des Verbrauchers

Foto: E.on

E.ons Geschäftsidee ruft außerdem - wie viele andere Smart-Home-Lösungen - die Datenschützer auf den Plan. Denn die neue Technik gewährt nicht nur dem Nutzer tiefe Einblicke, sondern auch dem Energiekonzern.

Aus dem Stromverbrauch lässt sich so einiges ableiten. Schon 2011 konnte zum Beispiel bei einer Analyse  ein typisches Verbrauchmuster des Fernsehers, das durch helle und dunkle Abschnitte im TV-Programm entsteht, bestimmten Bildern zugeordnet werden. Die Forscher wussten hinterher zum Teil, welchen Film sich ein Haushalt gerade ansah.

E.on will nach eigenen Angaben die erhobenen Kundendaten auf externe Server übertragen. Laut einem Sprecher sind die Daten "sicher verschlüsselt", und die Server "stehen allesamt auf deutschem Boden". Datenschützern reicht das nicht.

"Wenn ein Kunde nur Feedback über seinen Strom erhalten soll, dann müssten eigentlich gar keine Daten an E.ons Server gesendet werden", sagt Marit Hansen, stellvertretende Datenschutzbeauftragte des Landes Schleswig-Holstein. "Es würde reichen, wenn die Daten auf der Box selbst verbleiben und von dort ans Handy des Kunden übermittelt werden."

Ein gutes Beispiel dafür sind die Firmen alphaEOS und Codeatelier: zwei deutsche Anbieter, bei deren Smart-Home-Systemen möglichst wenig Daten die Wohnung des Nutzers überhaupt erst verlassen.


Zusammengefasst: E.on will noch 2015 eine Box herausbringen, die den Stromverbrauch einzelner Geräte per Algorithmus ermitteln kann. Kunden könnten dadurch zum Beispiel irgendwann die Waschmaschine von unterwegs mit dem Handy steuern. Datenschützer warnen indes, der Konzern könne mit einer solchen Technik seine Kunden eng vermessen.