US-Bedenken gegen EADS/BAE-Fusion Strenge Regeln für große Jungs

Die geplante Fusion von EADS und BAE stößt in Deutschland auf Widerstand - die vielleicht größte Hürde aber wartet jenseits des Atlantiks. Die Amerikaner fürchten um Rüstungsgeheimnisse. Dabei müssen sich europäische Militärausrüster in den USA zum Teil bizarren Sicherheitsritualen unterwerfen.

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Hamburg - Es ist keine normale Firma, die da auf knapp 20 Seiten beschrieben wird. Das zeigt sich schon daran, dass sie von Managern zweier Klassen geführt wird.

Zum einen gibt es "Outside Directors". Sie müssen US-Amerikaner sein, ohne jede vorherige Beziehung zum Unternehmen. Dafür haben sie einen Sicherheitscheck des amerikanischen Verteidigungsministeriums absolviert und versichern dem Pentagon einmal im Jahr schriftlich ihre Treue.

Und dann es gibt die "Inside Directors". Sie vertreten den Mutterkonzern, haben aber ausdrücklich keinen Zugang zu vertraulichen Informationen ihres eigenen Unternehmens. Will ein Vertreter der Mutterfirma zu Besuch kommen, so muss er das sogar eine Woche im Voraus schriftlich ankündigen - und kann selbstverständlich abgewiesen werden.

Die Regeln sind Teil eines "Special Security Agreement", kurz SSA, wie es das US-Verteidigungsministerium als Musterschreiben veröffentlicht hat. Mit solchen Abkommen kontrolliert die amerikanische Regierung die Töchter ausländischer Rüstungskonzerne, die in den USA produzieren. Konzerne also wie die deutsch-französische EADS Chart zeigen und die britische BAE Chart zeigen, die derzeit einen Zusammenschluss ausloten.

In Deutschland deutet sich erheblicher Widerstand gegen die Fusionspläne an. Die Politik fürchtet um ihren Einfluss auf die Unternehmensstrategie, Arbeitsplätze sowie die mühsam austarierte Machtbalance mit Frankreich. Doch selbst wenn solche Bedenken ausgeräumt werden, könnte der Deal am Ende scheitern - aus Sorge um Rüstungsaufträge aus den USA.

Für BAE sind diese Aufträge besonders wichtig. Im vergangenen Jahr machte das Nordamerika-Geschäft 41 Prozent des Betriebsgewinns aus, bei EADS waren es nur zwölf Prozent. Die Briten profitieren dabei von einem besonders engen Verhältnis zur US-Regierung. So sitzen im Verwaltungsrat des amerikanischen BAE-Ablegers gleich drei Ex-Generäle der US-Armee, ein pensionierter Admiral, ein ehemaliger Vizechef der CIA und als Vorsitzender der ehemalige Minister für Innere Sicherheit, Michael Chertoff. BAE-Chef Ian King gehört als Brite und Nichtmilitär in dem Gremium eindeutig zu einer Minderheit.

Jahrhundertealte Wurzeln

"Die Amerikaner nehmen ihre Sicherheitsbeziehungen sehr, sehr ernst", sagt die britische Rüstungsexpertin Alexandra Ashbourne-Walmsley. Britische Firmen aber genießen einen Vertrauensvorschuss, schließlich ist man der einstigen Kolonialmacht militärisch eng verbunden. Die Wurzeln von BAE reichen dabei weit zurück. Schon die britischen Raketen, deren "rot blendendes Licht" in der ersten Strophe der US-Nationalhymne besungen wird, sollen von der Firma Royal Ordnance stammen - mittlerweile eine BAE-Tochter.

Das Vertrauen in die Festlandeuropäer ist geringer. Nach Informationen der "Financial Times" ("FT") hat das SSA von EADS strengere Auflagen als jenes von BAE. Im Fall eines Zusammenschlusses fürchten nun auch die Briten härtere Regeln - und drohen für diesen Fall bereits, die Verhandlungen platzen zu lassen.

Doch solche Auflagen sind wahrscheinlich. In der SSA-Vorlage heißt es ausdrücklich, dass im Fall einer Übernahme Vorschriften wie die strengen Besuchsregeln sofort auf die neu erworbene Firma übergehen. Der frühere US-Handelsstaatssekretär Mario Mancuso geht laut "FT" ebenfalls von einer Verschärfung aus - auch deshalb, weil Frankreich selbst hohe Hürden für ausländische Investitionen in seinen Rüstungssektor errichtet hat.

EADS-Chef Tom Enders will solchen staatlichen Einfluss zurückdrängen. Vor dem Wirtschaftsausschuss des Bundestags warb er am Mittwoch für sogenannte goldene Aktien. Diese würden den Regierungen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien ein Vetorecht für wichtige Fragen wie eine mögliche Übernahme einräumen. Ihr Einfluss auf das tägliche Geschäft wäre aber begrenzt.

Die Militärexpertin Ashbourne-Walmsley hält es jedoch für unwahrscheinlich, dass die französische Regierung das Hineinregieren bei EADS aufgibt: "So wurden französische Rüstungsunternehmen schon immer geführt und so wird es wohl auch bleiben." Schon eher könne es die US-Regierung besänftigen, wenn sich BAE im Vorfeld der Fusion von besonders heiklen Unternehmensteilen trenne. "Was helfen könnte, wäre eine Abspaltung der Kriegsschiffsparte." Diese entwickelt zusammen mit US-Unternehmen Atom-U-Boote.

Mit Veränderungen seiner Struktur hat BAE allerdings zweifelhafte Erfahrungen gemacht. Seit den achtziger Jahren kaufte sich das Unternehmen in vielen unterschiedlichen Sektoren wie Autobau, Telekommunikation und Bauindustrie ein. Aus der zivilen Luftfahrt stieg BAE dagegen 2006 mit dem Verkauf eines 20-prozentigen Anteils an der EADS-Tochter Airbus aus. Die geplante Fusion mit EADS bedeutet nun auch das Eingeständnis, dass die Diversifikation nicht geglückt ist.

"Einige Leute im Pentagon waren nicht glücklich"

Schon der Fusionsplan könnte BAE zudem Sympathien in Washington kosten. "Einige Leute im Pentagon waren nicht glücklich über die Ankündigung", sagt Ashbourne-Walmsley. "BAE könnte sich damit Feinde gemacht haben." Schließlich dienen sich die Briten jetzt anderen Europäern als Juniorpartner an. Bislang hätten sie dagegen stets den Eindruck erweckt, auf Augenhöhe "mit den großen amerikanischen Jungs zu spielen".

Nachdem BAE sein Heil nun in einem Zusammenschluss sucht, ist auch ein Szenario wieder aufgetaucht, über das schon früher spekuliert wurde und das mit einem Schlag alle Bedenken der Amerikaner ausräumen könnte. Demnach wird BAE am Ende nicht von EADS übernommen - sondern von den US-Konkurrenten Boeing Chart zeigen oder Lockheed-Martin.



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
kuschl 29.09.2012
1. Daimler, Bmw, etc
Zitat von sysopAPDie geplante Fusion von EADS und BAE stößt in Deutschland auf Widerstand - die vielleicht größte Hürde aber wartet jenseits des Atlantiks. Die Amerikaner fürchten um Rüstungsgeheimnisse. Dabei müssen sich europäische Militärausrüster in den USA zum Teil bizarren Sicherheitsritualen unterwerfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/eads-und-bae-warum-die-fusion-an-den-usa-scheitern-koennte-a-858204.html
Wieder so ein Ausflug in den globalen Größenwahn, wie ihn schon einige eitle Deutsche "Firmenlenker" versucht haben und Milliarden dafür bezahlen mußten. Lernt eigentlich niemand dazu?
siliconsidewinder 29.09.2012
2. das alte entweder oder Spiel
und in der Vergangenheit hat sich England ja immer für Amerika entschieden
privado 29.09.2012
3. Man sehe sich einmal den...
Zitat von sysopAPDie geplante Fusion von EADS und BAE stößt in Deutschland auf Widerstand - die vielleicht größte Hürde aber wartet jenseits des Atlantiks. Die Amerikaner fürchten um Rüstungsgeheimnisse. Dabei müssen sich europäische Militärausrüster in den USA zum Teil bizarren Sicherheitsritualen unterwerfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/eads-und-bae-warum-die-fusion-an-den-usa-scheitern-koennte-a-858204.html
...Aktienkurs der EADS seit der Bekanntgabe der Fusionspläne an. Von rund 32 EUR auf rund 25 EUR gefallen. Herr Enders sollte seinen Größenwahn zügeln und stattdessen die deutsch-französische Zusammenarbeit im EADS Konzern verbessern.
mitbestimmender wähler 29.09.2012
4. Jeder europäische Staat weiss.....
Wenn er einen US Kampfjet / Kampfhubschrauber im Einsatz hat stehen rund um die Uhr etwa 4 Angestellte des US Konzern auf dem Flugfeld. Weil an gewissen Elektronik.Bauteile/Software/Bordcomputer nur der US Bürger, angestellt von Hersteller als Langzeit Zeitarbeitnehmer bei der fremden Armee in Europa darf........ Seit Jahrzehnten ist das so. Dies ist bei F-16, F-18 etc. Apaches, Drohnen etc. der Fall. All diese gekauften US HighTech Geräte könnten nie gegen die USA zum Einsatz kommen weil sie dann Dank Bordcomputer nicht gehorchen würden ;-) Die Amis haben immer den Finger auf dem Knopf
Atheist_Crusader 29.09.2012
5.
Zitat von sysopAPDie geplante Fusion von EADS und BAE stößt in Deutschland auf Widerstand - die vielleicht größte Hürde aber wartet jenseits des Atlantiks. Die Amerikaner fürchten um Rüstungsgeheimnisse. Dabei müssen sich europäische Militärausrüster in den USA zum Teil bizarren Sicherheitsritualen unterwerfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/eads-und-bae-warum-die-fusion-an-den-usa-scheitern-koennte-a-858204.html
Die Amerikaner fürchten um Konkurrenz.
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