Fusionspläne Warum der Tengelmann-Chef mit Stellenabbau droht

Ob die Fusion von Kaiser's Tengelmann und Edeka noch kommt, ist unklarer denn je. Tengelmann-Eigentümer Haub denkt angeblich darüber nach, Tausende Stellen zu streichen.

Tragetaschen von Kaisers's Tengelmann und Edeka
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Tragetaschen von Kaisers's Tengelmann und Edeka

Von manager-magazin-Redakteurin und


Karl-Erivan Haub ist es leid. Monat für Monat kosten ihn die noch verbliebenen Tengelmann-Supermärkte Millionen. Und noch immer ist unklar, wie es mit den 450 Märkten und den rund 16.000 Mitarbeitern weitergeht. Die bereits vor fast zwei Jahren angekündigte Übernahme der Tengelmann-Märkte durch Edeka ist zu einer einzigen Hängepartie geworden.

"Ende Juli ist eine Deadline, an der ich wissen will, ob es vorangeht", hatte der Konzernlenker Anfang Juli bereits bei der Bilanzpräsentation verkündet. Auch die ist mittlerweile verstrichen. Und die finanzielle Lage scheint sich seitdem noch einmal verschlechtert zu haben.

Auf zehn Millionen Euro monatlich sollen sich Gerüchten zufolge die Verluste der Supermarktkette mittlerweile summieren. Eine Zahl, die von verschiedenen Branchenkennern aktuell für durchaus realistisch gehalten wird. Und die laut dem Berliner Betriebsratsvorsitzenden von Tengelmann, Volker Bohne, auch nicht neu ist.

Und wenig erstaunlich. "Hier wird seit Monaten nicht mehr investiert, weniger Werbung geschaltet, und die Wettbewerber versuchen stetig, uns zu unterbieten", beschreibt Bohne die Situation.

Laut "WAZ" will Haub deshalb nun offenbar die Reißleine ziehen und mit der Schließung besonders schlecht laufender Filialen beginnen - was das Aus für mehrere Tausend Jobs bedeuten könnte. Von 5000 bis 8000 ist in verschiedenen Quellen die Rede. Auf einer außerordentlich einberufenen Aufsichtsratssitzung am 23. September soll der entsprechende Plan verkündet werden, heißt es.

Tengelmann selbst bestätigt zwar den Termin. Will den Bericht als Ganzes aber nicht kommentieren.

Tatsächlich ist die jetzt kolportierte Dimension von gefährdeten Arbeitsplätzen nicht neu. "Das sind die Zahlen, mit denen Haub seit Langem versucht, die Fusion durchzusetzen", sagt Katharina Dröge, wettbewerbspolitische Sprecherin der Grünen. Auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) nannte sie Mitte Juli, als er ankündigte, notfalls bis zum Bundesgerichtshof (BGH) gegen das Düsseldorfer Urteil vorzugehen.

Warum Haub gerade jetzt an einen Verkauf denkt

Warum gerade jetzt - wenige Monate vor einer womöglich endgültigen OLG-Entscheidung, in die allerdings auch der BGH noch reinfunken könnte - offenbar Fakten geschaffen werden? Für Handelsexperten ist das wenig überraschend.

Während die Grünen-Expertin Dröge Haubs Vorgehen als Drohung Richtung BGH wertet, nicht zu lange mit einer Entscheidung zu warten, sehen mehrere Handelsexperten Haubs Schritt als logische Konsequenz aus der aktuellen Situation.

"Haub kann eigentlich gar nicht anders handeln", sagt Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein. "Schon aus Schadensbegrenzung. Zieht er jetzt nicht die Reißleine, droht der Gesamtkonzern Schaden zu nehmen." Und so könne Haub zumindest für Teile des Geschäftes noch einen guten Preis erzielen.

Auch Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg sieht eine baldmögliche Abwicklung als unausweichliche Konsequenz. "Haub hat sich wohl verschätzt. Jetzt steigen die Verluste - und eine vorgezogene Zerschlagung ist möglicherweise billiger, als noch lange herumzuprozessieren", sagt der Wirtschaftswissenschaftler mit Schwerpunkt Handel. "Ein alternatives Zusammengehen mit Rewe hat Haub ja ausgeschlossen."

Dass Wirtschaftsminister Gabriel und Edeka mit der Fusion tatsächlich noch durchkommen können, glaubt keiner der beiden. "Das konnte von Anfang an jeder Blinde mit einem Krückstock erkennen, dass das kartellrechtlich nicht durchgehen kann", meint Roeb. "Es sei denn, von der Politik ist im Vorfeld etwas anderes suggeriert worden."

Vor allem aber dürfte es in der aktuellen Diskussion darum gehen, wem letztlich die Schuld an dem möglichen Desaster zugewiesen wird, das Tausende Beschäftigte den Job kosten könnte. "Das ist Storytelling, das gerade stattfindet", sagt Jörg Funder, geschäftsführender Direktor des Instituts für Internationales Handels- und Distributionsmanagements (IIHD) an der Hochschule Worms - auch mit Blick auf den anstehenden Bundestagswahlkampf.

Jetzt geht es um die Schuldfrage

"Es geht darum, wer den Schwarzen Peter zugeschanzt bekommt: Edeka, Rewe, Tengelmann, die Gerichte, das Kartellamt oder Gabriel." Für letzteren, so Funder, wie für die SPD sei das Ganze nichts anderes als ein Super-GAU.

Den Preis müssen aber am Ende wieder die Beschäftigten zahlen, die schon unter 22 Monaten Hängepartie leiden mussten.

Dass in etwas mehr als einer Woche schon dass Aus für Tausende Kollegen beschlossen werden könnte, will Betriebsrat Bohne noch nicht glauben. Schließlich sei den Beschäftigten versprochen worden, sie - anders als bei der Übernahme - diesmal rechtzeitig und nicht nur wenige Minuten vorher über neue Entscheidungen zu informieren.

Ganz will Bohne den Traum von einer Übernahme durch Edeka daher noch nicht begraben. "Wir hoffen weiter", sagt er. Er steht mittlerweile ziemlich alleine da.



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