Ein Jahr nach dem Kollaps "Lehman Brothers war wie eine Rakete"

Späte Reue eines Bankers: Ex-Lehman-Vizepräsident Lawrence McDonald spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über die dramatischen letzten Tage des Geldhauses und die "Kräfte des Bösen". Am fatalen Kollaps sei das Management schuld, sagt er - es habe zu Milliarden-Zockerei angestiftet.
Lehman-Zentrale im September 2008: "Die Führung hatte die Kontrolle verloren"

Lehman-Zentrale im September 2008: "Die Führung hatte die Kontrolle verloren"

Foto: AP

SPIEGEL ONLINE: An diesem Dienstag jährt sich der Lehman-Zusammenbruch zum ersten Mal. Sie treffen sich mit vielen Ex-Kollegen in Manhattan. Werden Tränen fließen?

McDonald: Ja, für uns geht es um Trauerbewältigung. Wir wollen mit diesem finsteren Kapitel abschließen und unsere Erinnerungen bewältigen. Viele Kollegen haben mittlerweile wieder Jobs, aber längst nicht alle.

SPIEGEL ONLINE: Nur wenige Leute haben Mitleid mit Ihnen. Für viele sind Wall-Street-Zocker verantwortlich für die Finanzkrise.

McDonald: Diese Leute wissen einfach nicht, wie es an der Wall Street zugeht. Die New Yorker Zentrale von Lehman Brothers hatte 31 Stockwerke. Wir Händler saßen im dritten Stock und haben einfach versucht, so viel Geld wie möglich für die Firma zu verdienen. Viele Abteilungen bei Lehman waren ja sehr profitabel. Aber dann gab es die Führungsspitze im 31. Stock, die sich völlig abkapselte vom Rest der Firma und die Kontrolle verloren hatte. Acht Leute dort haben ruiniert, was 24.992 Leute so lange am Leben hielten.

SPIEGEL ONLINE: An der Spitze stand Vorstandschef Richard Fuld.

McDonald: Sie meinen, der unsichtbare Mann? So haben wir ihn immer genannt. Weil er nie in den Händlerraum kam. Sein Fahrer hat jeden Morgen beim Empfang angerufen, dann hat ein Wächter extra den Aufzug für ihn aufgehalten, damit er gleich in den 31. Stock entschwinden konnte. Ich habe nie mit Fuld gesprochen und viele Kollegen auch nicht. Wer ihn kritisierte, wurde abgesägt oder mundtot gemacht. Dabei explodierten in den letzten Jahren Lehmans riskante Anlagen auf bis zu 800 Milliarden Dollar, immer mehr davon gebündelt in hochkomplizierten Anlagepaketen. Die durchschaute keiner mehr richtig, vor allem Fuld selbst nicht. Sie müssen sich Lehman wie eine Rakete vorstellen, mit modernster Technologie und guten Leuten in den unteren Stockwerken - und oben mit einer Kapsel voller Astronauten aus den sechziger Jahren, die keine Ahnung hatten, mit was sie da unterwegs sind.

SPIEGEL ONLINE: Es ist schwer zu glauben, dass so viele Mitarbeiter keine Ahnung hatten. Irgendjemand musste ja die komplizierten Anlagepakete schnüren.

McDonald: Die meisten von uns hatten mit den riskanten Hypotheken-Spekulationen nichts zu tun. Fuld hat vor allem die Immobilienabteilung zu immer riskanteren Geschäften gedrängt, weil er Ex-Kollegen wie Steve Schwarzman nacheifern wollte, der mit Immobiliendeals ein Milliardenvermögen aufgebaut hatten. Die Verkäufer dieser Hypotheken saßen in Kalifornien oder Colorado. Die wirkten auf mich eher wie Drückerkolonnen …

SPIEGEL ONLINE: … die Leuten teure Hypotheken aufschwatzten, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten.

McDonald: Wir wussten, dass der Hypothekenboom zu Ende gehen würde. Man musste nur auf die Statistiken schauen. Da nahm die Zahl der Leute, die schon ihre erste Rate nicht zahlen konnten, stetig zu, obwohl die Arbeitslosigkeit eigentlich sank und es dem Land immer besser ging. Da war klar: Das sind jetzt die ganz armen Schlucker. In meiner Abteilung haben wir von da an sogar gegen Hypothekenanbieter spekuliert.

SPIEGEL ONLINE: Viele Kollegen aber, die bei Lehman mit Hypotheken handelten, haben die Risiken ignoriert und munter weitergemacht.

McDonald: Es war eine kleine Gruppe, lassen Sie es tausend sein. Und es hat ja Warnungen gegeben. Führende Händler sind direkt zu Fuld gegangen, sie haben ihn auf die Risiken hingewiesen. Aber das wollte er nicht hören. Im 31. Stock kümmerte man sich zu der Zeit lieber um die schönen Dinge, um Kunst, Philantropie oder die Förderung von Minderheiten. Generell finde ich das auch gut, aber unser Budget dafür war viel größer als das für Risikoüberwachung.

SPIEGEL ONLINE: Ex-Finanzminister Henry Paulson hat ihn auch gewarnt. Sie schildern in Ihrem Buch, für das Sie mit 150 Lehman-Mitarbeitern gesprochen haben, Fulds schwieriges Verhältnis zu Paulson.

McDonald: Das war Fulds größter Fehler. Er hat Paulson unheimlich verärgert. Als die Krise sich abzuzeichnen begann, wollte der Finanzminister, dass die Investmentbanken das Geld aus Hedgefonds abziehen. Er wollte auch, dass Fuld sich um den Verkauf von Lehman kümmert. Doch Fuld hat das genaue Gegenteil getan, er hat immer mehr Geld reingepumpt und Verkaufsgespräche nur halbherzig geführt. Schließlich kam es zu einem Showdown, als Paulsons Warnungen immer dringlicher wurden und Fuld schnippisch entgegnete, er solle ihm nicht sagen, wie er seinen Job zu tun habe. Fuld war fast 15 Jahre Lehman-Chef, er hat sich wie ein unantastbarer Monarch gefühlt.

SPIEGEL ONLINE: Schließlich wollte die US-Regierung nichts mehr mit Lehman zu tun haben. Washington ließ die Bank untergehen, was heute oft als Fehler dargestellt wird.

McDonald: Finanzminister Timothy Geithner, damals noch Chef der New Yorker Notenbank, hat am Tag vor dem Kollaps fieberhaft mit der Spitze verhandelt. Aber irgendwann ging nur noch seine Mailbox dran, er antwortete nicht mehr. Seine Stellvertreterin sagte nur noch: Das ist jetzt Ihr Problem. Die Lehman-Oberen versuchten dann gar noch den Chef der Vermögensverwaltung, George Walker, im Weißen Haus anrufen zu lassen - er ist ein Cousin von George W. Bush. Doch der Präsident war für ihn nicht zu sprechen. Jetzt werden die Kräfte des Bösen auf die Weltwirtschaft losgelassen, raunte man bei Lehman an dem Tag. Und so war es dann ja auch.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre Lehre ein Jahr danach? Müsste man nicht das Bonus-System an der Wall Street einschränken - damit sich riskante Zockerei nicht mehr sofort auszahlt?

McDonald: Ich finde eher, es müsste auch Bonus-Zahlungen für die Leute in den Aufsichtsbehörden geben. Wir haben bei Lehman immer über die gelacht. Die staatlichen Aufseher verdienen 110.000 Dollar, manche Banker verdienen das in einer Woche. Wenn diese Beamtenjobs mehr Anreize bieten, gehen da auch gute Leute hin.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz, Washington
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