Eine Idee, viele Mitmacher Wie Firmengründer im Netz Geld sammeln

Junge Unternehmen haben es oft schwer, Kapital zu bekommen. Das Internet bietet da eine Lösung: das sogenannte Crowdfunding. Dabei finden sich online viele kleine Geldgeber zusammen, um eine bestimmte Geschäftsidee zu unterstützen. Gerade im sozialen Bereich könnte das Modell gut funktionieren.
Von Alexander Heintze
Crowdfunding-Plattform Seedlounge: Eine Geschäftsidee, viele Geldgeber

Crowdfunding-Plattform Seedlounge: Eine Geschäftsidee, viele Geldgeber

Sylvie Chin braucht Geld, denn ihre Firma Clearkarma.org  steht noch am Anfang. Sie entwickelt in Wien Anwendungen für das Handy, mit denen Verbraucher die angegebenen Inhaltsstoffe auf Lebensmittelverpackungen prüfen können. Wer also zum Beispiel allergisch auf Milch reagiert oder keine tierischen Stoffe zu sich nehmen will, soll mit einem schnellen Check Gewissheit haben, dass das gewählte Produkt frei von den unerwünschten Substanzen ist. Um die Firma weiterzuentwickeln, fehlt Chin frisches Kapital. Doch wie bei so vielen anderen Gründern, die meist nicht mehr als eine Geschäftsidee haben, ist es für sie schwierig, an Kapital heranzukommen.

Chin setzt bei der Finanzierung ihrer Idee nicht nur auf Kredite von Banken oder Privatpersonen: Sie will viele kleine Geldgeber davon überzeugen, dass ihr Geschäftsmodell erfolgreich sein wird. Die Chance dafür bekam sie von Seedlounge : Die deutsche Crowdfunding-Plattform veranstaltete im Januar in München ihre erste Live-Veranstaltung.

Es war ein bisschen "Deutschland sucht den Superstar" für Gründer. Über 100 Unternehmensgründer hatten sich im Vorfeld beworben; 40 hatten die erste Casting-Runde überstanden, nur sechs kamen in die Show. Dabei präsentierten sie sich und ihre Geschäftsideen keiner lästernden Dieter-Bohlen-Jury, sondern seriösen Herren und Damen aus dem Investment- und Venture-Capital-Bereich. Auch Sylvie Chin gehörte zu den Finalisten. Nervös rieb sie sich immer wieder die Hände, strich den Rock glatt, nahm ihr Laptop und steckte es noch mal an die Steckdose. Es durfte nichts schiefgehen, denn nur die Finalisten an diesem Abend bekamen anschließend von den anwesenden Investoren finanzielle Unterstützung.

Eigentlich ist Nahrungsmittelsicherheit nicht erst seit dem jüngsten Dioxin-Skandal bei allen Verbrauchern ein wichtiges Thema. Als die rund 200 anwesenden Teilnehmer jedoch nach den Präsentationen ihren Favoriten wählen konnten, fehlten Chin wenige Stimmen, um in die finale Finanzierungsrunde zu kommen. Die Jury ließ sie aufgrund des knappen Ergebnisses trotzdem zur Endausscheidung zu. Rund 40 Investoren erklärten sich dann per SMS bereit, Geld in die Geschäfte der drei Finalisten zu investieren. Fast 11.000 Euro kamen insgesamt zusammen - weit weniger allerdings, als sich Gründer und Veranstalter erhofft hatten.

"Das Problem waren die hohen Bewertungen der Jungunternehmen", nennt Initiator Christian Kutschka von Seedlounge als Grund. Aus diesen Bewertungen ergibt sich der Wert der einzelnen Anteile und damit die Mindestinvestitionshöhe für die Geldgeber. Anscheinend waren viele Gründer mit großem Optimismus ausgestattet - sie bewerteten ihr Unternehmen hoch. Die potenziellen Investoren jedoch teilten diese Einschätzungen nicht. Die Vorstellungen seien schlicht überzogen gewesen, sagt ein erfahrener Investor und sogenannter Business Angel. Seedlounge-Gründer Kutschka sieht im Rückblick die erste Crowdfunding-Veranstaltung dennoch positiv. "Aus den Fehlern werden wir lernen", sagt er.

Geld sammeln bei den drei F: Friends, Family and Fools

Das ist zu hoffen: Gäbe es einen Preis für die beste Finanzierungsform des Jahres, die Idee des Crowdfunding hätte gute Chancen, ihn zu gewinnen. Internet-Plattformen wie Seedlounge oder Seedmatch  in Dresden haben das Zeug dazu, über die Präsentation von Jungunternehmen auf ihren Websites Deutschlands Gründer sowie Mikroinvestoren zusammenzubringen und damit das Hauptproblem der meisten Start-ups zu lösen: Die Geschäftsideen sind zwar oft gut, doch die Initiatoren wissen nicht, wie sie zum Beispiel Banken davon überzeugen sollen. Nicht wenige sammeln das Geld zunächst mühsam bei den drei F ein: Friends, Family and Fools - Freunde, Familie und Verrückte. Sind diese Quellen aber erschöpft, wird es eng: Mangels Finanzierung "verhungern viele Start-ups unterwegs quasi oder wandern nach London oder in die USA ab", sagt Gründungsberater und Investor Christian Leeb, der zusammen mit Kutschka und weiteren Partnern bei Seedlounge aktiv ist.

Bislang fiel die Aufgabe der sogenannten Frühphasenfinanzierung (Seed-Phase) einigen wenigen vermögenden Privatleuten, den Business Angels, zu. "Wir haben in Deutschland aber keine ausgeprägte Business-Angel-Kultur", sagt Jens-Uwe Sauer, Geschäftsführer von Seedmatch. Auch einige professionelle Venture-Capital-Fonds finanzieren vielversprechende Projekte, nicht zuletzt in der Hoffnung, das nächste Google oder Facebook zu entdecken und ihr Geld zu vervielfachen. Doch die Zahl dieser Fonds ist gering, der Fokus nicht selten einseitig auf Technologieunternehmen ausgerichtet, zudem sind die Auswahlhürden hoch.

Jeder kann über das Internet in ein Unternehmen investieren

Beim Crowdfunding unterstützen dagegen viele Geldgeber eine Geschäftsidee mit jeweils einem geringen Einsatz. Ab 100 Euro kann quasi jeder über das Internet in ein Unternehmen investieren, dessen Geschäftsidee vielversprechend klingt. Finden sich genug Investoren, kann der Gründer starten. Maximal 100.000 Euro können die Jungunternehmer auf diese Weise einsammeln. Mehr ist aus rechtlichen Gründen über eine solche Plattform in Deutschland nicht möglich, ohne ins Visier der Bankenaufsicht zu geraten. In den meisten Fällen ist diese Obergrenze aber erstmal völlig ausreichend. Die KfW Bank ermittelte in ihrem Gründungsmonitor 2010, dass rund drei Viertel der Gründer einen Bedarf von unter 25.000 Euro haben.

Für Steffen Wagner, Geschäftsführer des Schweizer Unternehmens Verve Capital und Mitinitiator des Portals www.investiere.ch , ist Crowdfunding "die Demokratisierung des Venture Capitals": Anstatt die Anlageentscheidung einem Fondsmanager oder der Bank zu überlassen, können Anleger ihr Geld direkt in junge Firmen investieren. Als Investor muss man allerdings eine gehörige Portion Mut mitbringen, denn risikoreicher lässt sich Geld kaum anlegen.

Das Engagement erfolgt typischerweise in Form einer stillen Beteiligung. Das bedeutet, man ist irgendwann einmal an den möglichen Gewinnen des Unternehmens beteiligt und profitiert vom Wertzuwachs bei einem Verkauf der Firma. Oft ist dieses Engagement mit der Verpflichtung verbunden, das Geld ein paar Jahre in dem Unternehmen zu lassen. Doch nur ein Bruchteil der jungen Firmen, die so finanziert werden, weisen ein erfolgreiches Geschäftsmodell vor. Die meisten verschwinden bald wieder vom Markt - und mit ihnen das Geld der Anleger.

Während Crowdfunding im Ausland bereits etabliert ist, steht die Bewegung in Deutschland noch am Anfang. Seedlounge startete mit der Live-Show im Januar werbewirksam das Geldeinsammeln. Seedmatch steht noch in den Startlöchern und will in den kommenden Wochen erste Unternehmen auf seiner Internetseite vorstellen. Auf beiden Plattformen stellen sich bisher vornehmlich junge Technologieunternehmen zur Wahl. Man sei aber offen für andere Branchen, betonen die Anbieter. "Wir hätten uns für die Live-Show mehr Unternehmen aus den Bereichen Green-Tech und Nachhaltigkeit gewünscht", ermutigt Kutschka Bewerber.

Auch wenn ihr die Show nicht das erhoffte Geld gebracht hat: Unternehmerin Chin ist überzeugt, dass Crowdfunding der Weg ist, um Clearkarma voranzubringen. Sie konnte Visitenkarten von einigen Venture-Capital-Investoren einsammeln und hofft nun, dass ihr Konzept möglichst viele Unterstützer beim Crowdfunding über das Internet findet.

Der Artikel stammt aus dem Magazin "enorm" (siehe linke Spalte).