Einigung mit Arbeitnehmern ThyssenKrupp verkauft Edelstahlsparte

Deutschlands größter Stahlhersteller ThyssenKrupp gibt nach 100 Jahren die Produktion von Edelstahl auf. Der Traditionskonzern verkauft seine Sparte Inoxum an den finnischen Wettbewerber Outokumpu. Die Arbeitnehmer hatten sich lange gegen das Geschäft gewehrt.

Proteste in Bochum: Das Werk soll nun doch weitergeführt werden
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Proteste in Bochum: Das Werk soll nun doch weitergeführt werden


Essen - Der Essener ThyssenKrupp-Konzern kann seine Edelstahlsparte Inoxum an den finnischen Konkurrenten Outokumpu verkaufen. Die Arbeitnehmervertreter machten am Dienstagmorgen den Weg für den geplanten Deal frei. Im Gegenzug sicherten ihnen die beiden Unternehmen einen grundsätzlichen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2015 zu.

Inoxum werde in ein Gemeinschaftsunternehmen eingebracht, teilten die Unternehmen mit. ThyssenKrupp solle daran 29,9 Prozent halten. Die Edelstahlsparte wird dabei mit 2,7 Milliarden Euro bewertet. Outokumpu zahle zudem einen signifikanten Betrag, um Schulden von Inoxum abzulösen.

Die ThyssenKrupp Chart zeigen-Aktie legte am Vormittag um 2,9 Prozent zu und war damit größter Gewinner im Dax. Die Outokumpu-Titel gaben an der Börse in Helsinki 2,2 Prozent nach.

Mit einem Brief zur Villa Hügel

Die Arbeitnehmervertreter hatten gedroht, die Verkaufspläne im Aufsichtsrat abzulehnen, wenn sie nicht entsprechende Zugeständnisse erhielten. Die Beschäftigten der Edelstahlsparte hatten sich in den vergangenen Tagen mit Demonstrationen und Briefen an die ThyssenKrupp-Spitze gegen den Verkauf gewehrt. Gewerkschafter brachten sogar persönlich einen Brief an Berthold Beitz zur Villa Hügel. Der 98-jährige Chef der mächtigen Krupp-Stiftung residiert im früheren Wohnsitz der Industriedynastie. Beitz ist auch Ehrenvorsitzender des ThyssenKrupp-Aufsichtsrats.

"Bitte zeigen Sie sich solidarisch mit den Beschäftigten des Edelstahlbereiches, so wie die Beschäftigten sich ihrerseits seit Jahrhunderten loyal zu ThyssenKrupp verhalten haben", heißt es in dem Schreiben, das laut IG Metall von Hunderten Beschäftigten unterzeichnet wurde. "Wenn jetzt ThyssenKrupp Mitarbeiter entlassen werden sollen, weil sich Manager in Brasilien und Amerika verrannt haben ist das eine schreiende Ungerechtigkeit", schrieben die Beschäftigten. "Dies passt nicht zur Krupp-Philosophie, die wir so lange aktiv erlebt und geschätzt haben."

Sie baten Beitz, eine 30-Prozent-Beteiligung von ThyssenKrupp an dem neuen Edelstahl-Riesen zu sichern, damit der Essener Konzern weiter Einfluss hat. "Sorgen Sie mit dafür, dass betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen sind", appellierten die Arbeiter an Beitz.

Der 98-Jährige hat bei ThyssenKrupp großen Einfluss. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er den maroden Krupp-Konzern als Generalbevollmächtigter saniert. Er war auch entscheidend an der Fusion mit Thyssen beteiligt, wodurch 1999 die ThyssenKrupp AG entstand.

Die Kartellbehörden müssen noch zustimmen

Mit dem Verkauf verschafft sich ThyssenKrupp Freiräume für neues Wachstum. Der seit einem Jahr amtierende Konzernchef Heinrich Hiesinger kann nun nicht nur die Schulden senken, sondern erhält zudem Mittel für Investitionen in Wachstumsgeschäfte wie die Technologiesparte. Nach den Milliardenabschreibungen auf die neuen Stahlwerke in Übersee will er das Technologiegeschäft stärken, in dem ThyssenKrupp unter anderem Aufzüge, Maschinen und U-Boote herstellt.

Zugleich wird der Weg frei für die lange erwartete Konsolidierung der Stahlbranche: Outokumpu und ThyssenKrupp schmieden den größten Edelstahlhersteller Europas. Zu den Wettbewerbern gehören die ArcelorMittal-Abspaltung Aperam und die spanische Acerinox. Der Deal muss noch von den Kartellbehörden genehmigt werden.

Die Vereinbarung der Unternehmen mit den Arbeitnehmern schließt betriebsbedingte Kündigungen bei der Edelstahlfirma für vier Jahre aus. Jedoch mussten die Beschäftigten auch Zugeständnisse machen: Die Edelstahlproduktion in Krefeld wird bis Ende 2013 geschlossen, allerdings soll die Weiterverarbeitung in einem Kaltwalzwerk am selben Standort erhalten werden, wie die IG Metall mitteilte."Wir haben kein Ergebnis erreicht, das zum Jubeln Anlass bietet", sagte IG Metall-Vorstandsmitglied Bertin Eichler, der auch stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats von ThyssenKrupp ist.

Inoxum beschäftigt rund 11.000 Mitarbeiter, davon etwa die Hälfte in Deutschland. Ein großer Standort ist neben Krefeld auch Bochum. Diesem Werk drohte in den Verhandlungen das Aus. Die Stahlproduktion soll hier der Vereinbarung zufolge nun aber mindestens bis Ende 2016 fortgeführt werden.

stk/mmq/Reuters/dpa-AFX/dapd



insgesamt 2 Beiträge
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pepe_sargnagel 31.01.2012
1. Hemmungslose Verschuldungsmentalität
Leider ist das so, dass sich Manager ihre Konzerne hemmungslos verschuldet haben und nun natürlich Probleme haben. E.On und RWE haben über 40mrd Euro an Verbindlichkeiten angehäuft. Natürlich müssen die was verkaufen - und was verkauft sich am besten? Die Ladenhüter bzw. schlechten Geschäftsfelder sind es nicht! Also ist der Verkauf von Zugpferden mit Sicherheit auch eine Seite der exorbitanten Verschuldungsorgie der letzten Jahre. Nicht nur die Staaten, auch die Privatpersonen und Konzerne haben sich hemmungslos verschuldet! Nun wandert der Besitz eben an andere, die z.T. nicht so hemmungslos und ungeniert waren. Das ist nur gerecht, denn für Fehler muss man nunmal auch bezahlen.
Phoenix2006 01.02.2012
2. Einigung mit Arbeitnehmern: ThyssenKrupp verkauft Edelstahlsparte
Zitat von sysopDeutschlands größter Stahlhersteller ThyssenKrupp gibt nach 100 Jahren die Produktion von Edelstahl auf. Der Traditionskonzern verkauft seine Sparte Inoxum an den finnischen Wettbewerber Outokumpu. Die Arbeitnehmer hatten sich lange gegen das Geschäft gewehrt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,812448,00.html
Vorbemerkung: I. Verkauf einer der modernsten Koksereien nach China (Tipp WDR Dokumentarfilm) II. Bau eines neuen Stahlwerkes in Brasilien Warum könnten die Facharbeiter/in es als Beleidigung Ihrer Intelligenz auffassen, wenn Sie diese Informationen einer kritischen Systemanalyse (siehe Vorbemerkung) unterziehen!?
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