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Elizabeth Holmes: Selfmade-Milliardärin vor Gericht

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Elizabeth Holmes vor Gericht Der Kaiserin neue Kleider

Mit innovativen Bluttests und ihrem Medizin-Start-up Theranos soll Elizabeth Holmes Hunderttausende US-Bürger getäuscht haben. Während sie auf ihren Prozess wartet, hat sie ein neues Leben begonnen.

Als Elizabeth Holmes am Montag vor Gericht im kalifornischen San Jose erscheint, trägt sie keinen schwarzen Rollkragenpullover, sondern eine hellblaue Bluse. Als Chefin von Theranos war der Pullover ihr Markenzeichen, übernommen von Apple-Gründer Steve Jobs. Wie ihr Idol wollte Holmes mit ihrer Erfindung den Alltag revolutionieren. Ihr Blutanalysesystem bezeichnete sie gern als "iPod des Gesundheitswesens".

15 Jahre nach der Gründung ihres Start-ups Theranos, das automatisierte Bluttests im Miniaturformat anbot, wartet die inzwischen 35-Jährige auf ihren Prozess. Die Bundesanwälte werfen ihr und dem ehemaligen Geschäftsführer der Firma, Holmes' Ex-Partner Ramesh "Sunny" Balwani, Betrug an Investoren, Ärzten und Patienten vor. Sie sollen fälschlicherweise behauptet haben, dass sie bereits mit wenigen Tropfen Blut - Theranos warb mit einem Stich in den Finger - zahlreiche medizinische Tests vornehmen könnten. Darunter waren Proben auf Enzyme, bestimmte Antikörper oder Drogen im Blut, aber auch auf Herpesviren und Krebsmarker.

Bei einer Verurteilung drohen beiden bis zu 20 Jahre Gefängnis und Geldstrafen in Höhe von mehr als zwei Millionen Dollar. Auch Behörden und Laborinspektoren soll Theranos getäuscht haben. Holmes zahlte 2018 in einem Vergleich bereits 500.000 Dollar an die US-Börsenaufsicht SEC und darf in den kommenden zehn Jahren kein börsennotiertes Unternehmen leiten.

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Elizabeth Holmes: Selfmade-Milliardärin vor Gericht

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Innerhalb weniger Monate stürzte Holmes vom gefeierten Wunderkind des Silicon Valley zur Persona non grata ab. Investoren klagen, Patienten fordern Schadensersatz, Medien verfolgen sie beim Joggen. Theranos soll vollständig abgewickelt werden. Holmes, die sich sonst häufig in der Presse äußerte, schweigt zu alledem.

Dabei hatte ihre Idee ursprünglich Begeisterung ausgelöst: Mit nur einem Bluttropfen sollte ein kleines Analysegerät in Stunden statt wie üblich in Tagen Testresultate bringen, die akkurater seien als die der Konkurrenz. Ein Wunder  - geschaffen von einer ehrgeizigen, 19-jährigen Stanford-Abbrecherin. Das Blut sollten sich die Patienten selbst aus dem Finger entnehmen und in ein winziges Plastikgefäß füllen.

"Hunger nach weiblicher Unternehmerpersönlichkeit"

Vor allem mächtige und wohlhabende alte Männer glaubten an Holmes' Erfolg. Im Aufsichtsrat saßen unter anderem US-Staatsmann Henry Kissinger, Ex-Außenminister George Shultz und General James Mattis, der von 2017 bis 2018 unter US-Präsident Donald Trump Verteidigungsminister war. Sogar Medienmogul Rupert Murdoch investierte. Holmes wurde zur weltweit jüngsten Selfmade-Milliardärin.

Das "Time"-Magazin kürte sie 2015 zu einer der 100 einflussreichsten Personen der Welt; sie zierte die Titelseiten von Forbes, Fortune und anderen Medien. Holmes habe "den Hunger der Öffentlichkeit nach einer weiblichen Unternehmerpersönlichkeit" in der von Männern dominierten Tech-Welt gestillt, schreibt Journalist John Carreyrou in seinem Buch "Bad Blood". Er war es, der die Jungunternehmerin mit mehreren Artikeln im "Wall Street Journal" zu Fall brachte.

Im Video: Wie Theranos seine Idee präsentierte

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Denn die Realität sah offenbar ganz anders aus, als Holmes sie beschrieb: Kunden konnten in der Drogeriekette Walgreens mit dem Theranos-Gerät eine Blutprobe aus dem Finger abgeben, die für eine Auswahl aus angeblich 80 Tests zu Theranos geschickt wurde. Bei den dortigen Analysen soll jedoch getrickst worden sein - so erzählten es Carreyrou zahlreiche Zeugen, darunter der ehemalige Theranos-Labordirektor Alan Beam.

Demnach führten die Labormitarbeiter nur rund ein Dutzend Tests mit dem selbst entwickelten Gerät durch - das fehlerhafte Ergebnisse geliefert habe. Die übrigen 60 bis 70 Proben seien auf manipulierten Siemens-Geräten analysiert worden. Der Kunde habe davon nichts mitbekommen.

Seit mehr als drei Jahren beschäftigt sich Carreyrou mit dem Fall. In einem Interview mit dem "Wall Street Journal"  sagt er über die Gründerin: "Sie teilte mit Steve Jobs eine Eigenschaft: Die Fähigkeit, die Zweifel der Menschen zu zerstreuen." Carreyrou nennt es ihr "Realitätsverzerrungsfeld"; als sei Holmes ein Wesen aus einer anderen Welt mit übermenschlichen Fähigkeiten.

Ihr Charisma hat Menschen in den Bann gezogen - genau wie ihr Erscheinungsbild, das immer Teil der öffentlichen Diskussion war. Die großen Augen, das krause blonde Haar, die schwarzen Pullover und ihre auffällig tiefe Stimme.

Das nächste große Ding

Das Unternehmen wurde zeitweise mit neun Milliarden Dollar bewertet. "Theranos-Investoren haben ihre Förderung nicht mit der angemessenen Sorgfalt geprüft", sagt Carreyrou. Zu der Zeit seien "enorme Geldmengen in das Ökosystem des Silicon Valley geflossen und den Start-ups hinterhergeschmissen worden". Es galt, das nächste große Ding nicht zu verpassen. Nun existiert Theranos nicht mehr, die Förderer sind mehr als 600 Millionen Dollar los  und Holmes könnte einen großen Teil ihres Lebens in Haft verbringen.

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Theranos-Investoren: Diese Superreichen hat das Desaster des Bluttest-Start-ups ein Vermögen gekostet

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Dabei kämpfte sie bis zum Schluss. Detailliert beschreibt Carreyrou in seinem Buch "Bad Blood", wie Holmes mit einer Horde Rechtsanwälte versuchte, die Veröffentlichung des ersten Artikels im "Wall Street Journal" zu stoppen. Die Juristen hätten massiven Druck auf Informanten ausgeübt, schreibt der Enthüller.

So hätten die Juristen etwa Whistleblower Tyler Shultz, den Enkel des Theranos-Aufsichtsrats, im Haus des Großvaters getroffen und zwei Tage lang zu Unterschriften auf diversen eidesstattlichen Erklärungen gedrängt - erfolglos. Informantin Erika Cheung soll sich den Schilderungen zufolge nach einem Drohbrief der Anwälte ein Wochenende lang nicht mehr aus dem Haus getraut haben.

Schon länger habe Holmes eine "Kultur der Angst" bei Theranos etabliert, so Autor Carreyrou. Er spricht von strenger Überwachung, eingeschränkter Kommunikation zwischen Entwicklerteams und zahlreichen Entlassungen.

Trotzdem zogen die ehemaligen Mitarbeiter ihre Aussagen nicht zurück, der Artikel wurde gedruckt. Holmes reagierte umgehend und wies die Vorwürfe selbstbewusst zurück. Im Fernsehen sagte sie: "Das ist, was passiert, wenn man daran arbeitet, Dinge zu ändern. Erst denken sie, du seist verrückt, dann bekämpfen sie dich - und dann veränderst du plötzlich die Welt."

Hat Theranos Patienten geschadet?

Doch als schließlich auch die Behörden einschritten und Investoren anfingen, vor Gericht zu ziehen, fiel Theranos. Zehn Patienten reichten Klage wegen Verbraucherbetrugs und Körperverletzung ein. Einer argumentiert, sein Herzanfall wäre vermeidbar gewesen, wenn der Theranos-Test seine Herzerkrankung erkannt hätte.

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Carreyrou, John

Bad Blood: Die wahre Geschichte des größten Betrugs im Silicon Valley - Ein SPIEGEL-Buch

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Seitenzahl: 400
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Haben Holmes und Geschäftspartner Balwani bewusst die Unwahrheit gesagt? Diese Frage muss im Prozess geklärt werden, sollten sie wie erwartet auf unschuldig plädieren. Holmes' Anwälte spielen seit Juni vergangenen Jahres auf Zeit, müssen sich aber auch durch Millionen Dokumentenseiten wälzen. Am vergangenen Montag überzeugten sie den zuständigen Richter am Gericht in San Jose erneut, die Ansetzung des Verfahrens zu vertagen. Dem "Wall Street Journal" zufolge diskutierte Richter Edward J. Davila einen Prozessbeginn im April kommenden Jahres, schob seine Entscheidung aber auf Juli.

Film mit Jennifer Lawrence

Unterdessen ist das Interesse der Öffentlichkeit ungebrochen. Vor dem Gerichtsgebäude warteten zahlreiche Kameras auf Holmes. Neben Carreyrous Buch hat HBO eine Dokumentation mit dem Titel "The Inventor: Out for Blood in Silicon Valley" veröffentlicht. ABC Radio sprach für den Podcast "The Dropout" mit zahlreichen Protagonisten des Buches, auf dieser Basis soll eine Miniserie mit Schauspielerin Kate McKinnon entstehen. Jennifer Lawrence soll Elizabeth Holmes in einer weiteren Verfilmung des Falls spielen.

Holmes scheint trotz des Medieninteresses ein neues Leben zu genießen. Nach ihrer Trennung von Balwani - eine Beziehung, die sie all die Jahre vor dem Aufsichtsrat geheim hielt - lebt sie mit ihrem jetzigen Verlobten, dem Hotelerben William "Billy" Evans, in einer Luxuswohnung in San Francisco. Fotos in den sozialen Netzwerken zeigen das Paar mit ihrem Husky "Balto" oder zu zweit auf Veranstaltungen, im Auto oder in Verkleidung.

"Sie wurden auf dem Burning-Man-Festival gesehen, an dem Tag, an dem die Firma aufgelöst wurde", sagt Carreyrou im Interview mit CNBC . Holmes verhalte sich, als sei nichts passiert. "Sie hat sich an keinem Punkt bei Patienten, Investoren oder der Öffentlichkeit wegen der falschen Behauptungen und unzuverlässigen Bluttests entschuldigt."