Elon Musk verkauft seine Immobilien Not oder Wahnsinn

Tesla-Gründer Elon Musk will sein Werk trotz Behördenverbot wieder hochfahren und sich notfalls "festnehmen lassen". Zudem verkauft er auch seine Immobilien. Ist das wieder nur ein Spleen des Unternehmers, oder braucht er dringend Geld?
Aus Washington berichtet Ines Zöttl
Multi-Gründer Musk: "Ich brauche das Geld nicht. Ich widme mich dem Mars und der Erde."

Multi-Gründer Musk: "Ich brauche das Geld nicht. Ich widme mich dem Mars und der Erde."

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Kiichiro Sato/ dpa

Im Reichenviertel Bel Air in Los Angeles steht seit ein paar Tagen eine hübsche Villa zum Verkauf: 260 Quadratmeter Wohnfläche, Pool, separates Gästehaus auf dem weitläufigen Grundstück mit viel Baumbestand. Der Schauspieler Gene Wilder lebte einst in der im Stil einer Ranch gebauten Immobilie. Verkaufspreis: 9,5 Millionen Dollar. Verkäufer: Elon Musk.

"Ich verkaufe fast allen physischen Besitz. Werde kein Haus mehr besitzen", hatte der Tesla-Chef am 1. Mai auf Twitter angekündigt – und gleich darauf Ernst gemacht. Drei seiner Häuser in Kalifornien sind für insgesamt 75 Millionen Dollar auf dem Markt. Vier weitere würden in Kürze folgen, schrieb Musk in einer E-Mail an das "Wall Street Journal". Wo er danach unterkommen wird, weiß der frischgebackene Vater eines Babys mit dem besondern Namen X Æ A-12 Musk nach eigenem Bekunden noch nicht: "Wahrscheinlich werde ich irgendwo ein kleines Haus mieten."

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Der Milliardär hat durchblicken lassen, dass seine Partnerin, die Künstlerin Grimes, den abrupten Wechsel hin zu einem asketischen Lebenswandel nicht besonders lustig findet ("Meine Freundin @Grimezsz ist wütend auf mich"). Aufhalten konnte ihn das offensichtlich nicht, auch wenn er nach jüngstem Bekunden über den Verlust der Immobilien selbst "ein bisschen traurig" ist. Seine Verkaufsentscheidung begründet Musk damit, dass Besitz eine Belastung sei. "Ich brauche das Geld nicht. Ich widme mich dem Mars und der Erde."

Das "Wall Street Journal" deutet eine andere Erklärung für den Verzicht des 48-Jährigen auf irdische Güter an: Der Unternehmer sei zwar auf dem Papier reich, aber trotzdem knapp bei Kasse. Denn Musks Vermögen von geschätzt 39 Milliarden Dollar besteht vor allem aus seiner Beteiligung an Tesla und der Weltraumfirma SpaceX. Seine rund 20 Prozent Tesla-Aktien sind der entscheidende Hebel, um die Kontrolle über den E-Autobauer zu behalten.

Gegen die Regeln

Erst am Montagabend ließ er einen Streit mit dem Bundesstaat Kalifornien eskalieren. Er will das Hauptwerk umgehend wieder hochfahren und werde selbst an der Produktionslinie sein, schrieb Musk am Montag bei Twitter. "Wenn jemand festgenommen wird, werde ich darum bitten, dass es nur ich bin."

Im Alameda County, in dem sich das Tesla-Werk in Fremont befindet, gelten weiterhin Ausgehbeschränkungen, die eine Ausbreitung des Coronavirus verhindern sollen. Tesla hatte am Wochenende eine Klage dagegen eingereicht - und Musk hatte gedroht, den Firmensitz des Elektroauto-Herstellers von Kalifornien zum Beispiel nach Texas oder Nevada zu verlegen. Kaliforniens Gouverneur Gavon Newsom hatte kurz vor Musks Tweet eine Wiederaufnahme der Produktion möglicherweise in der kommenden Woche in Aussicht gestellt.

Musk hatte die Coronavirus-Gefahr von Anfang an heruntergespielt und vergangene Woche die Ausgehbeschränkungen im Alameda County als "faschistisch" bezeichnet. In Fremont werden die mit Abstand meisten Fahrzeuge von Tesla gebaut, während die Produktion in dem neuen zweiten Werk in China gerade erst hochgefahren wird.

Leben auf Pump

Musk hat in der Vergangenheit erklärt, er werde seine Anteile nie verkaufen. Weil er aber als Vorstandschef kein Gehalt bekommt, gerät er laut "Wall Street Journal" in Liquiditätsengpässe. In einem Gerichtsprozess vergangenes Jahr habe einer von Musks Anwälten seinen Mandaten als "finanziell illiquide" beschrieben. Und als sein jüngerer Bruder ihn vor ein paar Jahren anpumpen wollte, habe der Tesla-Chef das mit dem Hinweis abgelehnt, dass er selbst nicht flüssig sei. "Ich muss mir Geld leihen", zitierte ihn die Zeitung aus Gerichtsakten.

Seine Ausgaben finanziert Musk offenbar, indem er seine Firmenanteile beleiht. Dem "Wall Street Journal" zufolge hat er Ende vergangenes Jahr 54 Prozent seiner Tesla-Aktien als Sicherheit für Kredite gestellt, 14 Prozentpunkte mehr als ein Jahr zuvor. Allein bei drei Großbanken stehe er mit mehr als 500 Millionen Dollar in der Kreide. Das Kreditmodell birgt ein Risiko: Wenn die Aktien an der Börse unter ein bestimmtes Niveau fallen, hat der Schuldner eine Nachschusspflicht, es greift dann der berühmt-berüchtigte "margin call", der schon manchen Spekulanten die Existenz gekostet hat. Denn dann muss auf den Schlag Geld her.

Noch scheint ein solcher Showdown wenig wahrscheinlich. Im Gegenteil: Die Tesla-Aktie ist gefragt wie selten zuvor. Im Februar erreichte sie mit 917 Dollar einen Rekord, nachdem sich der Wert innerhalb weniger Monate verdreifacht hatte. Die Coronakrise sorgte dann zwar für eine steile Talfahrt, doch bis vergangenen Freitag berappelte sich der Kurs wieder auf 819 Dollar. Der E-Autobauer aus Kalifornien ist an der Börse damit mehr wert als die Rivalen Volkswagen, Ford, General Motors und Fiat Chrysler zusammen. 

Hält dieser Aufwärtstrend in den kommenden Jahren an, wäre Musk auf absehbare Zeit seine Geldsorgen los. Denn statt eines Gehalts hat er den Bezug von 20 Millionen Aktienoptionen ausgehandelt – abhängig allerdings von der Erreichung ehrgeiziger Ziele bei Ergebnissen und Börsenwert. Läuft alles nach Plan – der Aktienkurs müsste dazu bei bisherigem Bestand auf mehr als 3600 Dollar steigen – wäre Musk in acht Jahren der wahrscheinlich reichste Mensch der Welt, noch vor Amazon-Gründer Jeff Bezos. Den ersten Meilenstein hat er gerade erreicht: Weil die Tesla-Marktkapitalisierung in den vergangenen sechs Monaten im Schnitt über 100 Milliarden Dollar lag, hat er nun das Recht, 1,69 Millionen Aktien zum Preis von je 350 Dollar zu kaufen. Sein Gewinn (auf dem Papier): rund 700 Millionen Dollar. 

Kursgewinne nicht rational erklärbar

Musks Anhänger halten die optimistische Aktienbewertung für gerechtfertigt. Schließlich hat das kalifornische Unternehmen gerade zum dritten Mal in Folge einen Quartalsgewinn gemeldet, und es wurden fast 90.000 Fahrzeuge ausgeliefert. Kritiker allerdings verweisen darauf, dass der Quartalsgewinn vor allem dem Verkauf von Treibhausgas-Emissionsrechten zu verdanken sei und dass Tesla im operativen Geschäft weiterhin Geld verbrennt. Selbst Musk scheint der Ansturm auf die Aktie ein bisschen unheimlich. "Teslas Aktienpreis ist zu hoch", twitterte er Anfang Mai, einer von einem Dutzend Tweets binnen 75 Minuten. Prompt ging es an der Börse an diesem Tag zehn Prozent bergab. Schon übers Wochenende allerdings kehrte die Zuversicht seiner Fans zurück. Teslas Aktienpreis sei "ein emotionales, nicht finanzielles Konstrukt", urteilt der "Bloomberg"-Kolumnist Liam Denning.

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Wie Tesla durch die Wirtschaftskrise kommen wird, ist indes völlig offen. Seine Umsatzerwartungen für 2020 hat das Unternehmen bisher nicht korrigiert. Stattdessen tritt der exzentrische Gründer als die lauteste Stimme im Unternehmerlager gegen den Lockdown auf. "BEFREIT AMERIKA JETZT", twitterte er schon Ende April in trumpscher Diktion. Und auch in der Analystenkonferenz zu den Quartalszahlen wütete der Tesla-Chef gegen die staatlichen Auflagen für die Bürger, die eine Ausbreitung des Virus verhindern sollen. Er nannte es "faschistisch", die Menschen zu zwingen, zu Hause zu bleiben. "Gebt den Leuten ihre verdammte Freiheit zurück", forderte Musk. 

Am Wochenende schließlich reichte Tesla Klage gegen den Bezirk Alameda ein, der die Wiederöffnung der seit 23. März wegen Corona geschlossenen Tesla-Fabrik in Freemont untersagt hatte. Gewohnt kämpferisch drohte Musk gleich noch damit, das Hauptquartier des Unternehmens nach Texas oder Nevada zu verlegen. Natürlich auf Twitter.

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Für ihn ist das soziale Medium eine "Kriegszone", wie er selbst sagt.

Und Musk lässt keinen Zweifel daran, dass er das Crescendo aus Feuer und Gegenfeuer genießt. "Man darf es nicht persönlich nehmen", sagte er vergangene Woche in einem zweistündigen Interview mit dem Comedian Joe Rogan. Weitere Schlachten sind programmiert.