EnBW-Chef Mastiaux "Selbst wenn wir wollten, dürfen wir Kraftwerke nicht abschalten"

EnBW-Chef Frank Mastiaux will das Geschäft mit Atom- und Kohlemeilern bis 2020 um 80 Prozent zurückfahren, doch er bekommt Probleme. "Selbst wenn wir wollten, dürfen wir Kraftwerke nicht abschalten", sagt er SPIEGEL ONLINE. Hauptgrund ist der stockende Ausbau der Stromnetze.

EnBW-Chef Mastiaux: "Kommerzielle Not"
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EnBW-Chef Mastiaux: "Kommerzielle Not"

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Frank Mastiaux ist seit Oktober 2012 Chef von EnBW. Der Diplom-Chemiker, der zuvor unter anderem die Abteilung Erneuerbare Energien bei E.on aufbaute, will den Konzern radikal umbauen. Bis 2020 soll Deutschlands drittgrößter Energieversorger sein Geld hauptsächlich mit erneuerbaren Energien und kleinen Anlagen verdienen; die Erlöse der Atom- und Kohlemeiler sollen um 80 Prozent sinken. Nur: Abschalten kann Mastiaux die alten Meiler nicht. Denn der Ausbau der Stromnetze stockt. Ohne die neuen Leitungen aber wird fast jedes seiner Kraftwerke gebraucht, um die Stromversorgung zu sichern.

SPIEGEL ONLINE: Herr Mastiaux, was sagen Sie zu den Energiewende-Plänen der künftigen Regierung?

Mastiaux: Die Richtung stimmt, nur springen einige Regelungen zu kurz.

SPIEGEL ONLINE: Was fehlt Ihnen?

Mastiaux: Man hätte nicht erst in 2017 eine verbindliche Direktvermarktung von erneuerbaren Energien einführen sollen, sondern sofort. Auch wird die kommerzielle Not beim Betrieb konventioneller Kraftwerke nicht ausreichend berücksichtigt.

SPIEGEL ONLINE: Wird sie doch. Der Anteil von Ökostrom an der Versorgung wird bis 2025 auf maximal 45 Prozent gedeckelt. Für Kohle- und Gaskraftwerke bleibt so mehr Platz im Netz.

Mastiaux: Hier geht es nicht um Platz für die eine oder andere Technologie, sondern darum, dass Kohle- und Gaskraftwerke demnächst aus betriebswirtschaftlicher Sicht reihenweise abgeschaltet werden müssten. Das ginge dann auf Kosten der Versorgungssicherheit.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ein Strom-Überangebot in Deutschland. Man kann Kraftwerke abschalten, ohne dass der Blackout droht. Die verbleibenden würden dann auch wieder mehr Gewinn machen.

Mastiaux: Es geht nicht um Blackouts, und ich bin auch nicht dagegen, Kraftwerke abzuschalten. Nur darf man das in vielen Fällen gar nicht. Die Stromversorgung muss stets und jederzeit sicher sein, auch ohne Sonne und Wind. Südlich des Mains wird derzeit fast jedes Kohle- und Gaskraftwerk dazu gebraucht. Drei Viertel der EnBW-Kraftwerkstandorte stehen in dieser Region. Selbst wenn wir wollten: Ohne Genehmigung der Bundesnetzagentur dürfen wir diese Kraftwerke nicht abschalten. Auch dann nicht, wenn sie Verluste machen.

SPIEGEL ONLINE: Das Gesetz sichert Ihnen doch eine Entschädigung zu, wenn Sie ein Kraftwerk gegen Ihren Willen weiterbetreiben müssen.

Mastiaux: Schon. Nur deckt diese nicht einmal die Betriebskosten.

SPIEGEL ONLINE: Was fordern Sie?

Mastiaux: Eine angemessene und marktorientierte Vergütung für Kraftwerke, die wir als Reserve für die Versorgungssicherheit vorhalten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte auch sagen: eine Prämie fürs Nichtstun.

Mastiaux: Eine Leistung vorhalten ist für mich alles andere als Nichtstun. Wenn Ihnen Samstag um zwei Uhr nachts ein Rohr platzt und Ihnen der Keller vollläuft: Welchem Handwerker zahlen Sie dann mehr? Dem, der sofort kommt und Ihnen hilft? Oder dem, dessen Anrufbeantworter Sie freundlich bittet, es am Montag noch einmal zu probieren? Kohle- und Gaskraftwerke stehen bei Engpässen so zuverlässig bereit wie manch Handwerker nachts. Das muss der Markt honorieren.

SPIEGEL ONLINE: Die EU-Kommission hält nicht viel davon. Sie glaubt, dass eine entsprechende Prämie innovativere Ansätze abwürgt, die die Versorgung ebenso gut sichern können: den Ausbau von Speichern; die Anpassung des Stromverbrauchs an die Produktion; den Ausbau einer EU-weiten Stromversorgung.

Mastiaux: Dies sind langfristig gesehen alles richtige Maßnahmen, die wir voll unterstützen. Aber in einer Übergangszeit brauchen wir Kohle- und Gaskraftwerke als Brücke.

SPIEGEL ONLINE: Konventionelle Kraftwerke erwirtschaften in Deutschland derzeit rund 25 Milliarden Euro; 2020 dürfte es weniger als die Hälfte sein. Selbst wenn Sie ein paar Kohlemeiler etwas länger über die Runden bringen, wird Sie das nicht retten.

Mastiaux: Wir werden rasch neue Erlösquellen erschließen. Chancen gibt es genug: Ausbau der Netze, Windparks auf See und an Land, Energieeffizienz, dezentrale Kraftwerke, die Anpassung von Produktion und Verbrauch, intelligente Informationstechnologie für Stromnetze und Haushalte, Elektromobilität …

SPIEGEL ONLINE: … leichter gesagt als getan. Bei den erneuerbaren Energien sind Ihnen Mittelständler weit voraus, bei dezentralen Anlagen Firmen wie Lichtblick und VW. Beim Aufrüsten der Stromnetze mit IT konkurrieren Sie mit Google und der Telekom. Und dann laufen Ihnen auch noch die Großkunden weg: Immer mehr Industriebetriebe produzieren ihren eigenen Strom.

Mastiaux: Unser Wettbewerbsvorteil ist: Wir haben große Kompetenzen, die die gesamte Wertschöpfungskette der Energiebranche abdecken. Das kann keiner der von Ihnen genannten Marktteilnehmer bieten. Das schließt nicht aus, dass wir gemeinsam mit anderen Unternehmen Partnerschaften zum Beispiel für neue Energie-Produkte eingehen oder künftig Geld mit Bau, Betrieb und Wartung dezentraler Kraftwerke für Großkunden verdienen.

SPIEGEL ONLINE: Die neue Energiewelt erfordert Schnelligkeit und Kundennähe - beides nicht gerade Eigenschaften, die man EnBW zutraut. Oder einem anderen Großkonzern in Ihrer Branche. Woher rührt eigentlich diese Behäbigkeit?

Mastiaux: Die Energiekonzerne waren viele Jahrzehnte Gebietsmonopolisten unter staatlichem Einfluss. Sie sind erst seit relativ kurzer Zeit einem ernstzunehmenden Wettbewerb ausgesetzt. Was andere nach und nach gelernt haben, muss die Branche jetzt in Rekordzeit nachholen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das schaffen?

Mastiaux: Durch eine neue Unternehmenskultur, die den Wandel zum Programm macht und auf Gründer- und Pioniergeist fußt. Speziell im Kundengeschäft setzen wir künftig auf kleine, wendige Teams. Innovationszyklen und Entscheidungsprozesse beschleunigen wir stark.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Mastiaux: Im ersten Schritt sammeln wir möglichst viele aussichtsreiche Ideen für Geschäftsmodelle. Mitarbeiter können ihre Ideen auf speziellen Veranstaltungen vorstellen. Im zweiten Schritt fokussieren wir uns wieder und schätzen die Potentiale neuer Geschäftsmodelle ab. Nur die auf dem Markt aussichtsreichsten Ideen bekommen einen Etat. Man muss da schon einen gewissen darwinistischen Druck aufbauen.

SPIEGEL ONLINE: Apropos Darwinismus. Energieversorger wie EnBW sind in der Existenzkrise, weil sie lieber alte Pfründe verteidigt haben statt sich an den absehbaren Wandel des Energiemarkts anzupassen. Kommt Ihre Start-up-Revolution zu spät?

Mastiaux: Rückblickend mag das so sein. Ich bin aber überzeugt, dass für die EnBW und ihre Kompetenzen Raum in der Energiewende ist - und den werden wir uns erkämpfen.

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