Längere Laufzeit wegen Energiekrise wahrscheinlicher Atomkraftwerke könnten auch 2023 noch am Netz bleiben

Wirtschaftsminister Habeck ebnet offensichtlich den Weg für den Weiterbetrieb der deutschen AKW. Dafür werden die Bedingungen der Stresstests geändert – eine Rolle soll dabei nach SPIEGEL-Informationen der Preiseffekt spielen.
Atomkraftwerk Isar 2 bei Landshut

Atomkraftwerk Isar 2 bei Landshut

Foto:

Armin Weigel / dpa

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Im Bundeswirtschaftsministerium zeichnet sich ein Kurswechsel bei der Frage ab, ob die drei verbliebenen Atomkraftwerke weiterlaufen sollen. Nach SPIEGEL-Informationen hat das Ministerium von Robert Habeck (Grüne) die Rahmenbedingungen des Stresstests so verändert, dass damit der Weiterbetrieb über das Jahresende hinaus sinnvoll erscheinen dürfte.

Die vier Übertragungsnetzbetreiber, die für den sicheren und stabilen Stromaustausch verantwortlich sind, sollen neben der Versorgungssicherheit auch abschätzen, ob der Weiterbetrieb dabei hilft, die Preise an den Strommärkten zu senken. Derzeit klettern dort die Preise in ungekannte Höhen. Zu erwarten ist, dass es einen kostensenkenden Effekt gibt, auch wenn dieser klein ist.

Brennstäbe sollen bis Juni reichen

Nach SPIEGEL-Informationen stellt man im Bundeswirtschaftsministerium erste Überlegungen für einen Gesetzentwurf, mit dem der Weiterbetrieb rechtlich geregelt würde. Derzeit sieht das Atomausstiegsgesetz das Ende der Stromlieferungen aus den drei Atomkraftwerken am 31.12. dieses Jahres vor. Die Ergebnisse des Stresstests haben die Übertragungsnetzbetreiber bislang noch nicht an das Ministerium übermittelt.

Anfang des Monats hat der Bund bei den drei Betreibern RWE, EnBW und E.on abgefragt, wie lange die noch vorhandenen Brennstäbe weiter Strom produzieren können. RWE meldete nach SPIEGEL-Informationen, dass ein sogenannter Streckbetrieb des AKW in Lingen mit rund 70 Prozent Leistung bis April möglich wäre, gleiches gilt für Neckarwestheim. Für das bayerische AKW Isar 2 sollen die Brennstäbe bis Juni reichen. Was das Wirtschaftsministerium nicht bei den Betreibern abgefragt hat, ist, ob sie neue Brennstäbe besorgen können und wie lange das dauert.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Auf Anfrage des SPIEGEL bestritt eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums eine Entscheidung in der AKW-Frage und wollte eine Veränderung des Stresstest-Designs nicht bestätigen. Der Test soll laut Bundeskanzler Olaf Scholz bis spätestens Anfang September fertig sein. Er soll verschiedene Szenarien enthalten, welche Auswirkungen eine Verlängerung der Laufzeiten für den Strommarkt hat. Es liegt dann an Bundeswirtschaftsminister Habeck, welches Szenario er für seine Entscheidung heranzieht.

Die Regierung streitet trotz Energiekrise seit Monaten über eine Verlängerung der Laufzeiten für die noch am Netz befindlichen Atomkraftwerke. Die Grünen hadern mit solch einem Streckbetrieb oder gar damit, bereits stillgelegte AKW wieder ans Netz gehen zu lassen. Auch Minister Habeck hat den Streckbetrieb der AKW bislang unter anderem mit Hinweis auf die Sicherheit abgelehnt.

In der Bevölkerung hat sich angesichts der knapper und teurer werdenden Energie die Haltung zum für Ende 2022 geplanten Atomausstieg inzwischen gewandelt (Lesen Sie hier: Atomkraft? Ja bitte!). In der Nähe des Kraftwerks Isar 2 hat man ohnehin weniger Berührungsängste zur Kernenergie, die hier für Arbeitsplätze und gute kommunale Finanzen sorgt .

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.