Henrik Müller

Probleme der Industrie Deutschland braucht den Neustart

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Gebeutelt von Coronapandemie und Energiekrise taumelt die deutsche Wirtschaft bergab. Doch im Niedergang schlummert eine große Chance. So lassen wir sie nicht ungenutzt verstreichen.
Containerhafen in Hamburg: Tief greifender Strukturwandel

Containerhafen in Hamburg: Tief greifender Strukturwandel

Foto: Nikada / Getty Images

Deutschland steckt in einer handfesten Strukturkrise. In keiner anderen Euro-Volkswirtschaft läuft die Konjunktur derzeit so schlecht . Deutschland ist wieder das Land mit der roten Laterne, wie vor 20 Jahren. Vieles spricht dafür, dass dies keine vorübergehende Delle sein wird, sondern der Beginn einer längeren Schwächephase.

Das bisherige deutsche Wirtschaftsmodell verliert an Schwung, es ist dringend Zeit für eine Kurskorrektur. Das Land braucht neue Unternehmen – und neue Unternehmer.

Der Fokus der öffentlichen Debatte liegt derweil auf Umverteilungsmaßnahmen wie dem Bürgergeld . Das ist notwendig, aber nicht genug. Denn der Staat kann weder Dynamik noch Innovation, Wachstum oder Wertschöpfung verordnen. Allenfalls schafft er die Bedingungen, unter denen sich unternehmerischer Drive wohlstandsmehrend entfalten kann – oder eben nicht.

Leider ist es mit der Gründungsdynamik in Deutschland  nicht weit her. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der Neueröffnungen in Relation zur Bevölkerung fast halbiert; zuletzt lag die Gründungsquote  bei 119 Unternehmen pro 10.000 Erwerbstätige. In den ersten drei Quartalen 2022 ist die Zahl der Neugründungen abermals gesunken, wie das Statistische Bundesamt  vermeldet. Vor allem ambitioniertere Firmengründungen, die direkt einige Arbeitsplätze schaffen, sind rückläufig. Gegenüber dem Vorjahr sank ihre Zahl um mehr als sieben Prozent. Ein Alarmsignal.

Bislang war der Mangel an Entrepreneuren kein großes Problem, denn die etablierte Wirtschaft florierte ja. Nun aber droht eine Situation, in der es zu wenige junge Unternehmen gibt, um die wegbröckelnde hochproduktive Substanz ersetzen zu können.

Deutschland, wir haben ein Problem!

Schon zu Beginn der Coronakrise zeichnete sich ab, dass die Pandemie von einem tief greifenden Strukturwandel begleitet würde. Seither haben der Ukrainekrieg und die geopolitischen Verwerfungen diese Einschätzung mit einem dicken Stift unterstrichen.

Vor allem drei Faktoren setzen die deutsche Wirtschaft unter Handlungsdruck: Die hohen Energiekosten infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine machen der hiesigen Industrie zu schaffen. Manches Unternehmen weicht nun auf Standorte aus, an denen die Kosten für Strom und Gas niedriger sind. Dazu kommen Lieferengpässe: Angespannte internationale Wertschöpfungsketten behindern immer noch die Produktion. Vor allem aber: Die weltweite Nachfrage nach Maschinen, Anlagen, Fahrzeugen, Autoteilen und chemischen Vorprodukten, immer noch die Säulen des deutschen Geschäftsmodells, geht strukturell zurück, weil in wichtigen Abnehmerländern die Phase der raschen Industrialisierung vorbei ist. China und andere Volkswirtschaften haben inzwischen jede Menge neue Fabriken, Stadtviertel und Verkehrstrassen in die Landschaft gesetzt. Allmählich zeigen sich Sättigungstendenzen.

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Längst sind in den Schwellenländern selbst fähige Wettbewerber herangewachsen. Was an höherwertiger Technik bisher importiert werden musste, können viele inzwischen selbst, und zwar billiger. Westliche Unternehmen wiederum produzieren verstärkt vor Ort. Für global aufgestellte Großkonzerne wie Volkswagen oder Daimler ist China inzwischen der mit Abstand wichtigste Markt, den sie zunehmend mit örtlicher Wertschöpfung bedienen.

Deutschland, die Nation, die sich immer noch gern als Exportweltmeister sieht (obwohl das schon lange nicht mehr zutrifft), hat ein Problem.

Die erstaunliche Beharrlichkeit der Industrie

Bis heute trägt das produzierende Gewerbe (ohne Bau) rund ein Fünftel zur Wirtschaftsleistung bei, deutlich mehr als in den meisten vergleichbaren Ländern. Das war lange ein Vorteil: Deutschland hatte im Angebot, was die Schwellen- und Transformationsländer für ihre nachholende Entwicklung brauchten. Manch produzierender Mittelständler exportiert inzwischen 80 Prozent seiner Wertschöpfung, den größten Teil davon außerhalb der EU. Ausdruck dieser Erfolge ist der gigantische außenwirtschaftliche Überschuss, den Deutschland viele Jahre lang eingefahren hat.

Es ist erstaunlich, wie lange sich die deutsche Industrie gegen den Trend der bröckelnden Globalisierung stemmen konnte, der nach der Finanzkrise von 2008 einsetzte. In den 2010er-Jahren stieg die hiesige Industrieproduktion immer noch weiter an, während die weltweite Handelsintensität bereits wegbrach. 2018 jedoch erreichte der Output des deutschen verarbeitenden Gewerbes ein Maximum. Seitdem geht es abwärts. Was jetzt?

Neue Firmen, neue Impulse

Deutschland verfügt über ein leistungsfähiges Wissenschaftssystem. Wirtschaft und Staat gaben zusammen zuletzt 3,1 Prozent der Wirtschaftsleistung für Forschung und Entwicklung (F&E) aus – ein hoher Wert verglichen mit anderen Ländern. Aber auch hier ist die Position in der Spitzengruppe bedroht.

Entsprechend sollte der Staat mehr Geld für die Forschung in die Hand nehmen, insbesondere für die Grundlagenforschung. Das ist relativ billig und verspricht enorm positive Ausstrahleffekte in die Gesamtwirtschaft. Wenige Milliarden Euro mehr oder weniger können einen spürbaren Unterschied machen (siehe meine Kolumne  im aktuellen manager magazin).

Aus diesem Wissensrohstoff muss die Privatwirtschaft dann ökonomisch verwertbare Produkte formen. Dabei kommt es gerade auf junge Unternehmen an. Die Stärke von etablierten Konzernen liegt darin, vorhandene Technologien weiterzuentwickeln und in großem Maßstab zu vermarkten. Schwerer tun sie sich damit, radikal neue Wege zu beschreiten. Siehe die Autoindustrie, wo das einstige Start-up Tesla ein neues E-Auto-Geschäftsmodell etablierte hat, dem nun traditionsreiche Konzerne nacheifern. Oder die Pharmabranche, die von mRNA-Spezialisten wie Biontech (Deutschland) und Moderna (USA) neue Impulse bekommt.

Das Kapital im 21. Jahrhundert

Bislang gibt es vor allem zwei hohe Hürden für technologieorientierte Start-ups: Kapital und kluge Köpfe. Der Kapitalmarkt  in Deutschland und im übrigen Europa ist vor allem auf etablierte Unternehmen ausgerichtet. Echte Innovationen jedoch lassen sich schwerlich durch Bankkredite finanzieren. Es braucht Beteiligungskapital, das unternehmerische Hilfestellung beim Wachsen leistet. Und: Talentierte und gut ausgebildete junge Leute in neue Unternehmen zu locken, ist bislang schwierig, weil florierende Großkonzerne sicherere und anscheinend attraktivere Chancen bieten – hohe Einstiegsgehälter, absehbare Karriereperspektiven.

Die zweite Hürde dürfte im Zuge des Strukturwandels sinken. Wenn etablierte Firmen hierzulande schrumpfen, schaffen sie Raum für Neues. Junge und unsicherere Arbeitgeber wirken plötzlich relativ attraktiver. Daneben wäre es ein sinnvolles europäisches Projekt, einen zentralen Finanzplatz für Wachstumskapital zu schaffen, vermutlich in Paris, wo bereits eine Vielzahl von Börsengängen stattfindet.

Klar, die Zeiten sind unsicher. Die Zinsen steigen, die Unternehmensbewertungen sind unter Druck. Doch Krisen bieten auch Chancen. Der Strukturwandel beschleunigt sich. Bedürfnisse und Bedarfe verändern sich. Bislang kaum genutzte Technologien setzen sich durch. Es entsteht Platz für Neues. Der Raum der Möglichkeiten erweitert sich. So gesehen, sollten wir diese Krise nicht ungenutzt verstreichen lassen.

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