Energiekrise treibt die Preise »Ohne Gas keine Milch, keine Butter, kein Joghurt«

Lebensmittel in Deutschland könnten laut einer Umfrage des Ifo-Instituts unter Einzelhändlern noch teurer werden. Der Bauernverband äußert angesichts der hohen Energiekosten bereits grundlegende Sorgen.
Ein Landwirt bringt Stickstoffdünger aus: Für die Herstellung wird Gas benötigt

Ein Landwirt bringt Stickstoffdünger aus: Für die Herstellung wird Gas benötigt

Foto: Philipp Schulze / DPA

Der Preiskampf am Kühlregal droht sich weiter zuzuspitzen: Die Menschen in Deutschland müssen für Lebensmittel in den kommenden Monaten voraussichtlich noch tiefer in die Tasche greifen. Das ergab eine Umfrage des Münchner Ifo-Instituts. Fast jeder Anbieter im Einzelhandel plant demnach höhere Preise.

Die Preiserwartungen der Einzelhändler für Nahrungs- und Genussmittel lagen laut Ifo bei 98,9 Punkten. Die Punkte geben an, wie viel Prozent der Unternehmen ihre Preise erhöhen wollen. Der Saldo ergibt sich, indem vom prozentualen Anteil der Unternehmen, die ihre Preise anheben wollen, der Anteil derer abgezogen wird, die ihre Preise senken wollen. Übersetzt heißt das: Wenn alle befragten Unternehmen ihre Preise erhöhen wollten, läge der Saldo bei hundert Punkten, wenn alle sie senken wollten, bei minus hundert Punkten.

Die höheren Preiserwartungen gelten auch für die übrigen Sparten des Einzelhandels, wie das Ifo-Institut mitteilte. Die Preiserwartungen stiegen dort auf 78,6 Punkte. »Damit dürften die Inflationsraten vorerst weiter hoch bleiben«, teilte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser mit.

Bezogen auf die Eurozone hat die Inflation im Juni mit 8,6 Prozent im Jahresvergleich einen neuen Rekord erreicht. Nach Angaben der Statistikbehörde Eurostat wird die Teuerung weiter von den hohen Energie- und Nahrungsmittelpreisen infolge des Ukrainekriegs angetrieben. Für Deutschland gab Eurostat eine Inflation von 8,2 Prozent an – diese wird etwas anders berechnet, als es das Statistische Bundesamt tut. Die Behörde hatte die Teuerung in Deutschland im Juni am Mittwoch mit voraussichtlich 7,6 Prozent angegeben.

Außer Energie verteuerten sich besonders Nahrungsmittel stark – um 12,7 Prozent. Der Hintergrund ist, dass auch die Bäuerinnen und Bauern und andere Hersteller von Lebensmitteln unter den hohen Kosten für Energie und Düngemittel leiden.

Erträge könnten um 30 bis 40 Prozent einbrechen

Bauernpräsident Joachim Rukwied sorgt sich dementsprechend um die Folgen eines Gasmangels und warnte für diesen Fall vor einer Lebensmittelknappheit: »Ohne Gas keine Milch, keine Butter, kein Joghurt«, sagte er der »Rheinischen Post«. »Wir brauchen eine Priorisierung beim Gas für den gesamten Landwirtschafts- und Ernährungssektor.«

Die Ausrufung der Alarmstufe des Notfallplans Gas macht Rukwied große Sorgen. Für stabile Ernten sei die Verfügbarkeit von Düngemitteln essenziell, und für Stickstoffdünger werde Gas benötigt. Sollte Dünger nur noch eingeschränkt verfügbar sein oder wegfallen, »würden die Erträge sofort um 30 bis 40 Prozent einbrechen«.

Was die Preise für Lebensmittel in Europa angeht, unterscheidet sich das Niveau teils deutlich. Ausreißer sind laut Statistischem Bundesamt beispielsweise beim Fleisch zu beobachten: Das kostet etwa in der Schweiz doppelt so viel wie in Deutschland (plus 101 Prozent), in Norwegen sind es 25 Prozent, in Luxemburg 17 Prozent. Günstiger als hierzulande ist Fleisch in Kroatien (minus 30 Prozent), Spanien (minus 24 Prozent) und Portugal (minus 23 Prozent).

Allerdings gibt es laut Ifo-Institut auch erste Anzeichen dafür, dass die Inflationsrate im späteren Jahresverlauf »allmählich wieder sinken« könnte. Die Preiserwartungen in einigen Wirtschaftszweigen, deren Produktion dem Konsum vorgelagert ist, sanken demnach schon das zweite Mal in Folge. Dazu zählen etwa die Industrie, das Baugewerbe und der Großhandel.

apr/AFP
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