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Neues Geschäft für Entsorger: Strom aus Biomüll

Foto: Arne Dedert/ picture alliance / dpa

Energiequelle Biomüll Aus dem Mist kommt die Kraft

Biomüll stinkt, suppt, schimmelt - aber die Entsorger lieben ihn. Denn aus dem Ökoabfall können sie Gas gewinnen, um damit Strom zu erzeugen. In ganz Deutschland bauen die Müllfirmen deshalb kleine Kraftwerke. Das ist gut fürs Klima, außerdem sollen die Gebührenzahler entlastet werden.

Strom

Hamburg - Orang-Utan-Männchen Pablo, Lama Zorro, Elefantendame Mangala und all die anderen Bewohner des Münchner Tierparks Hellabrunn liefern einen Stoff, in dem viel Energie steckt: Mist. Die Stadtwerke München machen daraus und Wärme. Dazu vergären sie die tierischen Hinterlassenschaften zusammen mit anderem organischen Abfall zu Biogas. Das wird dann vor Ort in einem kleinen Blockheizkraftwerk verbrannt. Aus jährlich 2000 Tonnen Biomüll entsteht so Ökostrom für 120 Haushalte. Und mit der anfallenden Wärme heizt der Zoo sein Affen-, Elefanten- und Giraffenhaus.

Kaninchenstreu, Kartoffelschalen, Kohlrabiblätter: Die mehr als acht Millionen Tonnen Biomüll, die jedes Jahr in den deutschen Haushalten anfallen, stinken zwar zum Himmel - für die Abfallentsorger sind sie jedoch ein attraktiver Rohstoff. Meist machen sie daraus in Kompostierwerken nährstoffreiche Blumenerde. Auch die Betreiber von Müllverbrennungsanlagen freuen sich über die faulige Masse, die aus den braunen Biotonnen kommt. Denn da der organische Abfall sehr feucht ist, hält er die Temperaturen in der Brennkammer niedrig. Das schont die Feuerungstechnik.

Doch in Biomüll steckt noch mehr: eine Menge Energie. Ermutigt von Pilotprojekten wie dem im Münchner Tierpark nehmen Deutschlands Entsorger nun neue Anlagen in Betrieb, die Ökoabfall zu Biogas vergären. "Die Zahl der Anlagen hat sich innerhalb kurzer Zeit von etwa 60 auf knapp 120 fast verdoppelt", sagt Michael Kern, Geschäftsführer des Witzenhausen-Instituts für Abfall, Umwelt und Energie.

Das ist verglichen mit den mehr als 4000 landwirtschaftlichen Biogasanlagen, die mit Mais, Gras oder Gülle gefüttert werden, nicht viel. Die Energiegewinnung aus Abfall wird jedoch stark zulegen, erwartet Kern: "Sehr viele Entsorger denken darüber nach, hier zu investieren." In einigen Jahren werde ein Drittel bis die Hälfte des gesamten Biomüllaufkommens zu Biogas vergärt, meint der Experte.

Insgesamt sollen die erneuerbaren Energien bis 2020 mindestens 30 Prozent des deutschen Stromverbrauchs abdecken. Das erwartet das Bundesumweltministerium. Drei Prozent davon könne der Biomüll beitragen, prognostiziert das Witzenhausen-Institut für Abfall, Umwelt und Energie GmbH - immerhin ein Fünftel dessen, was die Photovoltaik leisten soll. Aus einer winzigen Nische wird so ein echter Markt: Die Entsorger werden 2016 laut einer Studie der Analysten von Frost & Sullivan europaweit drei Milliarden Euro mit der Energieerzeugung aus Biomüll umsetzen.

Bakterien

Für die Abfallwirtschaft ist die Vergärung von Biomüll aus drei Gründen interessant: Zum einen müssen die Betriebe in den kommenden Jahren so oder so in neue Anlagen investieren, denn viele Kompostierwerke entsprechen nicht mehr den akuellen Emissionsrichtlinien. Zum anderen können sie die Gärreste verkaufen, nachdem die ihr Werk getan haben - übrig bleibt hochwertige Blumenerde. Und zum dritten verdienen sie am Strom, den sie aus dem Biogas erzeugen. Denn den können sie zu den - recht hohen - Vergütungssätzen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes ins öffentliche Netz einspeisen.

Höhere Müllgebühren für die Kunden lassen sich vermeiden

Finden die Entsorger einen Abnehmer für die Wärme, die bei der Verbrennung des Biogases entsteht, erzielen sie sogar noch zusätzliche Einkünfte. Das passiert jedoch selten, weil der Biomüll meist fernab potentieller Wärmekunden vergärt wird. Deshalb nutzen die meisten Betreiber die Wärme selbst: Sie heizen damit die Anlage oder trocknen die Gärreste.

Den Erlösen durch den Verkauf von Strom und Kompost stehen allerdings die nicht geringen Investitionen in die Gärtechnik und das Blockheizkraftwerk gegenüber. Reich werden die Entsorger mit der Biogasproduktion deshalb nicht. "Abhängig von den Gegebenheiten vor Ort ist es zumindest möglich, eine schwarze Null zu schreiben", sagt Rüdiger Siechau, Vorstandsvorsitzender des Verbands kommunale Abfallwirtschaft und Stadtreinigung. Immerhin lassen sich so höhere Müllgebühren vermeiden, die durch die anstehende Modernisierung der Kompostwerke fällig würden.

Und selbst wenn es schiefgeht - allzu teuer dürfte es für die Gebührenzahler nicht werden. "Im ungünstigsten Fall kostet die Vergärung den Bürger nur ein oder zwei Euro im Jahr mehr", erklärt Kern.

Vor allem Kommunalbetriebe investieren in die Vergärung von Biomüll. Meist sind es ökologische Gründe, die den Ausschlag für den Bau einer Biogasanlage geben. "Entscheidend für das stark wachsende Interesse an dieser Technologie ist, dass der Klimaschutz ins Bewusstsein der kommunalen Politiker gerückt ist", sagt Verbandschef Siechau.

In der Tat ist die Ökobilanz der Anlagen gut: "Die Bioabfallvergärung spart im Vergleich zur Kompostierung pro Tonne Bioabfall mehr als 150 Kilogramm CO2-Emissionen ein", hat Professor Frank Baur von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken ausgerechnet. Zudem sei Biogas grundlastfähig, das heißt: Anders als Wind oder Sonne steht die Energie rund um die Uhr zur Verfügung. Damit, sagt Baur, könne der Müll-Strom zu einem wichtigen Pfeiler der Energieversorgung werden.

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