Energieversorgung Atom-Comeback bremst Windkraftwende

Deutschlands Stromkonzerne hoffen nach der Wahl auf längere Laufzeiten für ihre Atommeiler - und auf üppige Gewinne. Doch Experten warnen: Ein Kernkraft-Comeback könnte den Ausbau teurer Windkraftanlagen auf Jahre verzögern.
Windpark von RWE Innogy vor der Küste von Nordwales: "Konflikt innerhalb der Konzerne"

Windpark von RWE Innogy vor der Küste von Nordwales: "Konflikt innerhalb der Konzerne"

Foto: A9999 RWE/ dpa

Hamburg - Es ist ein gigantischer Plan: Vor der deutschen Küste sollen riesige Windräder ins Meer gepflanzt werden, mit Spannweiten, größer als Fußballplätze breit sind. 2500 Anlagen sind nach Angaben des Verkehrsministeriums bereits beantragt oder genehmigt, der noch zuständige Minister Wolfgang Tiefensee (SPD) will damit 30.000 Arbeitsplätze in Norddeutschland schaffen. Viele Millionen Euro von Unternehmen und Steuerzahlern stecken bereits in Maßnahmen zum Ausbau von Häfen, Gewerbegebieten und Infrastruktur.

Schaffen sollen diese Anlagen irgendwann 12.000 Megawatt, genug für zwölf Millionen Haushalte. Für dieselbe Strommenge bräuchte es zwölf mittlere Atomkraftwerke - und genau das könnte zum Problem werden. Denn die Kosten für ein einziges Riesen-Windrad können rund zehn Millionen Euro betragen, die Installation und Wartung auf See ist extrem aufwendig. Solche Projekte können sich lediglich Großunternehmen leisten, die Hunderte Millionen Euro investieren - und damit kommen nur die großen Stromkonzerne in Deutschland in Frage, die auch Atomkraftwerke betreiben: E.on   , RWE   , Vattenfall   und EnBW  . Rund zwei Drittel der vorgesehenen Fläche sollen sich die Riesen gesichert haben.

Offshore

Noch ist von dem -Aufbruch bis auf wenige Ausnahmen noch nicht viel zu sehen, lediglich der Test-Windpark Alpha Ventus von E.on, Vattenfall und dem Oldenburger Energiekonzern EWE steht bereits. Und wenn die neue Regierung den Atomausstieg tatsächlich verschiebt, wird das auch so bleiben, argwöhnen Umweltschützer und Experten aus der Erneuerbare-Energien-Branche.

Konflikt innerhalb der großen Konzerne

Atomkraftwerke

"Es gibt einen Konflikt innerhalb der großen Konzerne", sagt Ulf Gerder vom Bundesverband Windenergie. Denn diese setzten sowohl auf neue Kohlekraftwerke und längere Laufzeiten für als auch auf den Ökostrom vom Meer. Würde der Offshore-Ausbau aber zu schnell voranschreiten, könnten sich die Konzerne mit den zusätzlichen Kapazitäten den Strompreis selbst kaputtmachen.

Dass es die Stromkonzerne deshalb nicht besonders eilig haben, zeigt laut Gerder schon der mangelnde Fortschritt bei der Infrastruktur. Beim geplanten Ausbau der Offshore-Anlagen gebe es sofort Probleme, weil der Strom über eine begrenzte Anzahl von Leitungen transportiert werden müsse - und die sind für so viel Strom nicht ausgelegt. Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz hat der Strom aus Windkraft allerdings Vorrang, je weniger es davon gibt, desto mehr Platz bleibt für konventionelle Energie - und damit für höhere Gewinne.

"Die werden nicht ohne Not ihre eigenen Bilanzen ruinieren", fürchtet deshalb auch Grünen-Fraktionsvizechefin Bärbel Höhn. Ihr Verdacht: Solange die Atomkraftwerke noch jede Menge Strom produzieren, haben die Energieunternehmen kein Interesse am schnellen Aufbau teurer Offshore-Anlagen. Schließlich, so die Politikerin, seien die Renditen mit zehn bis 15 Prozent bei Offshore-Anlagen fünfmal geringer als bei Atomkraftwerken.

E.on

Vattenfall

RWE

Der Verdacht wird auch von Mitarbeitern des Bundesumweltministeriums genährt. Dort heißt es, dass genehmigte Windkraft-Großprojekte von und schon seit längerem keine großen Fortschritte mehr machten. Ähnliches wird auch vorgeworfen.

"Kein Ausbau in absehbarer Zeit"

Wenn die Stromriesen es ernst meinten mit der Offshore-Offensive, müssten parallel die Stromnetze ausgebaut werden. "Das findet bisher nicht statt", sagt Gerder. Dass es auch anders geht, zeige das Beispiel Großbritannien. Dort habe RWE großes Interesse, vor der Küste Windkraftanlagen aufzubauen und so in den dortigen Strommarkt einzusteigen. "In Deutschland hingegen würde der Konzern mit einem starken erneuerbaren Engagement seinem fossilen Geschäft Konkurrenz machen."

"Wenn die AKW-Laufzeiten verlängert werden, dann wird es in absehbarer Zeit keinen nennenswerten Ausbau der Windkraft auf dem Meer geben", sagt auch Atomkritikerin Bärbel Höhn. Im Norden Deutschlands drohten dann Fehlinvestitionen in Milliardenhöhe. Bremerhaven, Emden, Cuxhaven, Rostock und Wismar hoffen auf den Bau-Boom vor der Küste, haben in Häfen investiert und Fördermittel locker gemacht. Stockt der Ausbau der Offshore-Anlagen, würden viele tausend Arbeitsplätze, auf die die strukturschwachen Regionen hoffen, gar nicht erst entstehen.

Bei den Energiekonzernen sieht man das allerdings anders: EnBW, RWE und Vattenfall weisen den Verdacht zurück, dass sie den Offshore-Ausbau in Deutschland verschleppen würden. Alle Offshore-Wind-Projekte lägen in Planung und Bau im Zeitplan, teilt RWE Innogy dazu mit. Auch über verlängerte Laufzeiten von Atomkraftwerken will man bei RWE nicht öffentlich spekulieren, sondern das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen abwarten. Unabhängig davon werde man weiter eine Milliarde Euro jährlich in erneuerbare Energien investieren. Für neue Windkraftanlagen würde man außerdem alte Kraftwerke abschalten. Doch bisher mussten die Konzerne auch mit dem Abschalten ihrer Atommeiler rechnen.

Jetzt aber läuft in der künftigen Koalition von Union und FDP anscheinend alles auf eine zeitlich unbegrenzte Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke hinaus. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Montag von Teilnehmern der Koalitionsverhandlungen. Danach soll zunächst ein umfassendes Energiekonzept erarbeitet werden, was bis ins nächste Jahr hinein dauern dürfte. An die einzelnen Atommeiler sollen strengste Sicherheitsstandards angelegt werden.

Geschlossene Atomlobby ist Geschichte

Dabei wären die Energiekonzerne sich bei einer Laufzeitverlängerung längst nicht mehr so einig wie bisher. Denn während E.on vor allem jüngere Kraftwerke betreibt, die noch eine ganze Weile am Netz bleiben könnten, muss EnBW wohl zwei seiner vier Meiler aufgrund der strengen Auflagen aufwendig nachrüsten oder wie geplant stilllegen. Vattenfall droht gar der Atomausfall: Die beiden Meiler des Konzerns, Brunsbüttel und Krümmel, laufen derzeit nicht und gelten als fehleranfällig. Striktere Auflagen könnten das Aus für beide Reaktoren bedeuten.

Das heißt: Zwar erwirtschaften bestehende Atomkraftwerke laut Felix Matthes vom Freiburger Öko-Institut jeden Tag einen Zusatzprofit von 1 bis 2,2 Millionen Euro. Doch von diesem neuen Geldsegen könnten zwei Konzerne weitaus weniger profitieren - und hätten wiederum Anreize, verstärkt auf die Windenergie zu setzen.

Zusätzlich könnten die Konzerne im Gegenzug für verlängerte Laufzeiten zu verstärkten Investitionen in erneuerbare Energien und ihre Windparks gezwungen werden. So will Baden-Württembergs Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) die Atomkonzerne zur Abgabe von mindestens 50 Prozent ihrer Erträge aus der Verlängerung der Reaktorlaufzeiten zwingen. "Es gibt keine Laufzeitverlängerung zum Nulltarif", sagte sie.

EnBW

Doch welchen Anteil die Atombranche bereit ist zu zahlen, zeigt ein Ausspruch von -Chef Hans-Peter Villis. Der sicherte zwei Tage nach der Bundestagswahl dem Staat laut "Stuttgarter Zeitung" als Gegenleistung für verlängerte Laufzeiten einen "Obolus" zu. Ein kleines Geschenk - mehr nicht.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.