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08. November 2018, 10:24 Uhr

Neues Energiewende-Konzept

Ein Pizzakarton Strom

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Eine Hamburger Firma will am Strom, den sie liefert, nichts mehr verdienen. Und sie will die milliardenschwere Förderung von Ökostrom überflüssig machen. Wenn das Konzept aufgeht, könnte es die Energiewende grundlegend verändern.

Das Zeitalter der milliardenteuren Ökostromförderung ist nach Ansicht von Heiko von Tschischwitz, 50, vorbei. Der Politik könnte man seiner Ansicht nach Folgendes sagen: "Vielen Dank für Eure Hilfe. Ihr habt die erneuerbaren Energien erwachsen gemacht. Jetzt könnt ihr euch wieder hinlegen."

Tschischwitz ist nicht irgendjemand. Er wird von vielen in der Energiebranche als Pionier angesehen. Im Jahr 1998 hat er die Firma Lichtblick mitgegründet, die inzwischen Deutschlands größter Ökostromversorger ist. 2016 dann hat er mit der Firma Enyway ein Energie-Start-up gegründet, das als eines der ersten voll auf die Digitalisierung setzt.

Am Donnerstag will die Hamburger Firma ein neues Produkt vorstellen, das jegliche staatliche Förderung von Ökostrom überflüssig macht und die jährlichen Stromkosten deutlich drücken soll.

Das Produkt, das vollmundig "Change" genannt wird und das gleich ein ganzes Bündel an technischen und ökonomischen Trends kombiniert, funktioniert so:

Ein Stromlieferant, der an seinem Strom nichts verdienen will

Der Strom, den die Solar-Parzellen liefern, reicht bei Weitem nicht aus, um den Bedarf der Pächter zu decken. Ein Pizzakarton Solarenergie könnte nach Angaben des Unternehmens gerade den heimischen Laptop übers Jahr mit Strom versorgen.

Den übrigen Strom, den die Pächter brauchen, liefert ebenfalls Enyway. Und zwar zum Preis, zu dem die Firma ihn selbst einkauft. Der Stromversorger will an seinem Strom also nichts mehr verdienen. Nur bei den "Pizzakartons" und "Tischtennisplatten" streicht Enyway eine kleine Marge ein, hinzu kommt eine Grundgebühr von 2,99 Euro im Monat.

Die Kunden sollen dadurch im Vergleich zu einem eher günstigen Anbieter wie YelloStrom jährlich zwischen 80 und 200 Euro an Kosten sparen - je nach Wohnort und Verbrauch.

Hinter dem weitgehenden Gewinnverzicht stecken zwei weitere ökonomische Zukunftsmodelle. Erstens: die Null-Grenzkosten-Theorie nach Jeremy Rifkin, laut der die Digitalisierung die Kosten von Dienstleistungen gen null drückt - wodurch dann auch die Preise sinken. Zweitens: die Theorie der sogenannten Plattform-Ökonomie.

"Das Zeitalter, in dem Stromkonzerne mit dicken Margen abgesahnt haben, ist ebenso vorbei wie die Ära der Ökostromförderung", sagt Tschischwitz dazu. "Strom wird in der digitalen Welt über Plattformen zum Selbstkostenpreis verkauft. Geschäftsmodelle basieren dann auf Zusatzprodukten, die man den Kunden anbietet."

Im Energiesektor könnten das zum Beispiel intelligente Stromzähler sein. Oder auch Beratungen und Hilfsmittel, durch die Kunden ihren eigenen Stromverbrauch senken. Denn wenn der Versorger am Strom, den er liefert, nichts mehr verdient, dann tut es ihm auch nicht mehr weh, wenn seine Kunden weniger davon verbrauchen.

Weitreichende Potenziale

Enyway ist längst nicht der einzige Anbieter, der den Energiesektor mit digitalen Geschäftsmodellen weiterentwickeln will. Sollten sich Produkte wie diese durchsetzen, dann könnte sich bald eine Menge verändern:

Nun ist noch lange nicht gesagt, dass sich Tschischwitz mit seinem Produkt durchsetzt. Experten sehen in seinem Modell auch kritische Punkte. Zum einen müsse sich erst herausstellen, wie wettbewerbsfähig Enyway wirklich ist, sagt Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW. "Es gibt es auf dem Markt deutlich günstigere Anbieter als YelloStrom, mit dem sich Enyway vergleicht."

"Zum anderen ist das Produkt für Laien nicht gerade leicht zu verstehen", fährt Sieverding fort. Es müsse sich erst zeigen, ob Kunden dem neuen Geschäftsmodell vertrauen. In jedem Fall aber sei es positiv, dass ein Unternehmen mit neuen Geschäftsmodellen für den Energiesektor experimentiere, sagt Sieverding.

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