Trotz Energiewende Stromproduktion aus Braunkohle erreicht Rekordwert

Klimaschädliche Kohlekraftwerke sollen durch die Energiewende zurückgedrängt werden. Doch laut neuen Zahlen produzieren sie so viel Strom wie zuletzt vor mehr als 20 Jahren. Forscher führen das auf günstige Verschmutzungszertifikate zurück - und verlangen dringend eine Reform des Systems.
Nach wie vor Renditebringer: Braunkohlekraftwerk in Brandenburg

Nach wie vor Renditebringer: Braunkohlekraftwerk in Brandenburg

Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / dpa

Hamburg - Im Jahr 1990 erzeugten Deutschlands Braunkohlekraftwerke knapp 171 Milliarden Kilowattstunden Strom. Damals liefen jedoch viele alte DDR-Meiler noch. Mittlerweile sollen die klimaschädlichen Kraftwerke dank der Energiewende eigentlich zurückgedrängt werden. Doch davon ist bislang wenig zu spüren - im Gegenteil: Mit 162 Milliarden Kilowattstunden kletterte die Stromproduktion aus Braunkohle 2013 auf den höchsten Wert seit der Wiedervereinigung.

Die Entwicklung geht aus vorläufigen Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen hervor, einem Zusammenschluss von Branchenverbänden und Forschungsinstituten. Demnach habe sich die Stromerzeugung aus Braunkohle 2013 noch einmal um 0,8 Prozent erhöht, sagte Jochen Diekmann vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Dadurch wird trotz eines Ökostromanteils von inzwischen knapp 25 Prozent mit einem erneut gestiegenen CO2-Ausstoß in Deutschland gerechnet.

Grund für die Entwicklung ist Diekmann zufolge zum einen der sehr niedrige Preis für CO2-Verschmutzungsrechte im EU-Emissionshandel. Zum anderen seien allein 2012 neue Kraftwerksblöcke mit einer Leistung von 2743 Megawatt hinzugekommen, während alte Blöcke mit einer Leistung von 1321 Megawatt vom Netz gingen. Besonders im Rheinland und in der Lausitz wird Strom aus Braunkohle produziert.

Die Grünen forderten von Union und SPD, dem Trend rasch entgegenzuwirken. "Wer es mit dem Klimaschutz ernst meint, muss dafür sorgen, dass immer weniger Strom aus der Braunkohle kommt", sagte die Umweltpolitikerin Bärbel Höhn. Der CO2-Ausstoß brauche einen entsprechenden Preis, damit sich klimaschonendere Gaskraftwerke durchsetzen könnten. "Die Braunkohlekraftwerke sind nach den Atomkraftwerken die entscheidenden Renditebringer von RWE und Co. Da werden auch die ganz alten Kraftwerke nicht abgeschaltet", so Höhn.

Auch die Stromproduktion in Steinkohlekraftwerken stieg um 8 Milliarden auf mehr als 124 Milliarden Kilowattstunden, während die Stromproduktion in Gaskraftwerken um 10 auf 66 Milliarden Kilowattstunden zurückging. Damit fangen vor allem Kohlekraftwerke den Wegfall von acht Atomkraftwerken auf, während sich CO2-ärmere, aber im Betrieb teurere Gaskraftwerke derzeit kaum rechnen.

Das Energiewende-Paradox

Insgesamt beförderte die Zunahme beim Kohlestrom auch einen neuen Rekord beim Export von Strom - dieser lag bei rund 33 Milliarden Kilowattstunden. "Deutschland hat 2013 an acht von zehn Tagen mehr Strom exportiert als importiert. Das ist zu einem Großteil Strom aus Braun- und Steinkohlekraftwerken", sagte der Strommarktfachmann Patrick Graichen von der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende. "Diese verdrängen damit Gaskraftwerke nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland - insbesondere in den Niederlanden."

Energieexperte Graichen sprach vom "Energiewende-Paradox": Steigende Kohlendioxidausstöße trotz des Ausbaus von Solar- und Windparks. Rund 23,5 Milliarden Euro an Förderung für erneuerbare Energien werden 2014 über die Strompreise abgewälzt, ein Vier-Personen-Haushalt muss mit knapp 220 Euro Ökostromumlage in diesem Jahr rechnen.

Die Ursache ist auch Graichen zufolge, dass der CO2-Ausstoß derzeit kaum etwas kostet. "Der europäische Markt für Emissionsrechtezertifikate muss dringend repariert werden, um das zu ändern." Die Menge an Emissionsrechten müsse reduziert werden, um den CO2-Preis zu erhöhen.

Gerald Neubauer von Greenpeace sagte an die Adresse von Energieminister Sigmar Gabriel (SPD): "Er muss den schockierenden Kohleboom stoppen." In keinem anderen Land werde so viel Braunkohle abgebaut. "Der Kohleboom gefährdet inzwischen auch international die Glaubwürdigkeit Deutschlands bei Klimaschutz und Energiewende", so Neubauer. "Wir vermissen gerade bei der SPD eine kritischere Haltung."

dab/dpa
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