Fragwürdige Rohstoffquellen Die Schattenseite des Ökobooms

Woher kommen die Rohstoffe für Windräder und Solaranlagen? Deutsche Ökostromfirmen können laut einer Umfrage nicht komplett ausschließen, dass sie aus ökologisch und menschenrechtlich fragwürdigen Quellen stammen.
Offshore-Windpark vor der Insel Sylt

Offshore-Windpark vor der Insel Sylt

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Die Energiewende, so scheint es, produziert derzeit erfreulich viele Erfolgsmeldungen. Vergangene Woche prognostizierte Wirtschaftsminister Peter Altmaier, dass es schon in vier bis fünf Jahren keine Subventionen für Ökostrom mehr geben werde. Die erneuerbaren Energien würden dann "voll wettbewerbsfähig" sein.

Am Donnerstag legte der schwedische Energiekonzern Vattenfall nach. Dessen Chef Magnus Hall verkündete, in den Niederlanden erstmals weltweit eine Offshore-Windfarm komplett ohne Subventionen bauen zu wollen. "Die Kosten für erneuerbare Energien gehen weiter zurück", sagte er. Wenn die Bedingungen gut seien, könne man schon jetzt Windparks zu Marktkonditionen bauen.

Laut dem Bischöflichen Hilfswerk Misereor haben solche Erfolgsnachrichten allerdings einen schalen Beigeschmack. Denn die Kosten für Windräder und Solaranlagen könnten womöglich nur deshalb so stark fallen, weil die für den Bau dieser Anlagen nötigen Materialien teils unter umweltschädlichen und menschenrechtlich bedenklichen Umständen gewonnen werden.

Das zumindest legt eine Umfrage nahe, deren Ergebnisse das Hilfswerk der römisch-katholischen Kirche am Freitag veröffentlichen will und die dem SPIEGEL vorab vorlag.

Kupfer aus Peru, Bauxit aus Guinea

Der Erhebung zufolge werden für die Herstellung von Windrädern und Photovoltaikanlagen hohe Mengen an Eisenerz aus Brasilien, Kupfer aus Peru und Chile, Silber aus Mexiko und Argentinien, Bauxit aus Guinea sowie Seltene Erden aus China benötigt. Und beim Abbau dieser Rohstoffe kommt es regelmäßig zu Problemen.

"Durch die Verschmutzung von Luft, Wasser und Böden werden Anwohnerinnen und Anwohnern die Lebensgrundlagen entzogen", sagt Pirmin Spiegel, der Hauptgeschäftsführer von Misereor. "Bei Entscheidungen über Bergbauprojekte werden Mitbestimmungsrechte indigener und bäuerlicher Gemeinschaften verletzt. Umweltschützer und Menschenrechtsverteidiger werden oft kriminalisiert, verfolgt und manchmal ermordet."

Beweise, dass unter solchen Umständen gewonnene Materialien letztlich auch in Wind- und Photovoltaikanlagen verbaut werden, kann Misereor nicht vorlegen. Das Hilfswerk hat für seine Erhebung 21 Unternehmen aus der Branche der erneuerbaren Energien dazu befragt, was sie tun, um genau dies zu verhindern. Lediglich neun Firmen haben geantwortet.

Aus diesen Antworten ergebe sich, dass nur die wenigsten Firmen einen kompletten Überblick über ihre gesamte Produktions- und Lieferkette hätten; dass nur die wenigsten also komplett ausschließen können, nicht irgendwie doch Rohstoffe aus menschenrechtlich oder ökologisch bedenklichen Quellen zu beziehen. Der Verdacht, dass dies so sei, liege daher nahe, mutmaßt Misereor.

Globalisierte Ausbeutung

"Ziel der Studie ist nicht, die Energiewende in irgendeiner Form infrage zu stellen", schreibt das Hilfswerk weiter. "Wind, Sonne und Wasser sind definitiv die besseren Alternativen zur der für das Klima höchst schädlichen Verbrennung von Kohle." Nur könnte eben auch grünes Wachstum seine Schattenseiten haben.

Es wäre, allgemein formuliert, wie bei fast allen globalisierten Wirtschaftsprozessen: Die nachhaltig orientierten Energieverbraucher des Westens bekämen ihren Ökostrom demnach auch deshalb so kostengünstig, weil in Schwellen- und Entwicklungsländern Natur und Menschen ausgebeutet werden. Sie hätten auch deshalb ein reines grünes Gewissen, weil die hässlichen Folgen ihrer Energiewende auf der anderen Seite der Erdkugel stattfänden.

Und das Ausmaß der Ausbeutung würde rasch größer werden, denn der Bedarf an entsprechenden Rohstoffen steigt rasant. Die globale Kapazität an Photovoltaikanlagen zum Beispiel lag 2004 erst bei knapp 4 Gigawatt; 2016 waren es schon knapp 296 Gigawatt.

Entsprechend wichtig wäre es, frühzeitig auszuschließen, dass grüne Energien ein System wirtschaftlicher Ausbeutung nutzen. "Die Energiewende", fordert Spiegel von Misereor, müsse "mehr umfassen als nur den Austausch der Energiequellen."

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