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Ikea: Schöne, heile Welt

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Enthüllungsbuch über Ingvar Kamprad Insider giftet gegen Ikea-Gründer

Johan Stenebo war der engste Mitarbeiter von Ikea-Gründer Ingvar Kamprad, jetzt erhebt er in einem Enthüllungsbuch schwere Vorwürfe gegen seinen früheren Mentor. Es geht um Lügen, Rassismus und angebliche Stasi-Methoden. Viele Schweden sind verunsichert - doch wie glaubwürdig ist der Insider?

Ikea-Gründer Ingvar Kamprad ist einer der reichsten Menschen der Welt, trotzdem gilt er als bescheiden und irgendwie normal. So wie seine Möbel: einfach, ehrlich, etwas hölzern. Das öffentliche Bild Kamprads ist geprägt von Anekdoten wie der, dass der alte Schwede aus Småland in seinem Wohnzimmer ein 30 Jahre altes Sofa namens "Klippan" stehen habe - wie das Bücherbord "Billy" ein früher Klassiker des Möbelriesen. Eine Anekdote, die sowohl Kamprads an Geiz grenzende Bescheidenheit illustrieren soll als auch die unschlagbare Qualität seiner unfassbar günstigen Möbel.

Der Mann, der dieses Bild von Grund auf ändern will, heißt Johan Stenebo und kommt aus Stockholm. Stenebo fing vor 20 Jahren bei Ikea an, als Trainee im Warenhaus Kaltenkirchen nördlich von Hamburg. Seine Karriere sollte ihn bis ins absolute Top-Management des Konzerns führen: zunächst als Chef der Ikea-Tochter "Greentech" und schließlich sogar als persönlicher Assistent Ingvar Kamprads.

Vor neun Monaten verließ Stenebo jedoch den Konzern im Streit und schrieb sein Enthüllungsbuch "Die Wahrheit über Ikea", das jetzt in Schweden für Aufregung sorgt. Es ist das erste Mal in der über 60-jährigen Ikea-Geschichte, dass ein leitender Angestellter mit negativen Äußerungen an die Öffentlichkeit tritt.

Es ist eine Abrechnung, so viel steht fest. Ein Verriss, ein riesiger Berg persönlicher Schmutzwäsche in 14 Kapiteln.

"Ich wollte nicht länger mitmachen"

Viele Schweden stellen sich nun die Frage nach dem Warum: Was um Himmels willen hat der mittlerweile 83-jährige Ingvar Kamprad eigentlich angestellt, dass Ex-Manager Stenebo nach so vielen Jahren an der Seite des Firmenpatriarchen plötzlich die Seiten wechselt?

Um Moral sei es ihm gegangen, behauptet Stenebo: "Ich wollte nicht länger mitmachen, und schweigen konnte ich auch nicht mehr." Darin schwingt Pathos, und so ist dem Buch auch eine Widmung vorangestellt, in der Stenebo seiner Mutter Christina dafür dankt, dass sie ihn "alles über die Kraft des guten Gewissens gelehrt" habe.

In "Die Wahrheit über Ikea" wird die landläufige Vorstellung von Ikea und Kamprad als Unwahrheit dargestellt. Das ganze Firmenkonstrukt erscheint als ein engmaschiges Netz aus wohlgehüteten und kalkulierten Lügen. Das fängt schon mit dem alten Sofa an. Anekdoten dieser Art seien von Kamprad frei erfunden und würden bewusst mit Hilfe willfähriger Medien in aller Welt verbreitet, schreibt Stenebo. Nur: Was will er mit diesem Vorwurf sagen?

"Die Firma lässt sich besser steuern, wenn Kamprad sich selbst als asketischen und etwas dümmlichen Greis darstellt", sagt Stenebo. "Außerdem drückt die kleinbürgerliche Fassade die Einkaufspreise bei den Zulieferern." An deren Stelle frage man sich sonst, ob man sich ein so niedriges Preisniveau aufzwingen lassen solle, nur um einen der reichsten Männer der Welt "und seine Söhne zu mästen".

Ist das Buch nur eine persönliche Abrechnung?

Die Söhne - das sind Mathias und Peter Kamprad, die seit fünf Jahren in die Konzernleitung aufgerückt sind. Vor allem Peter, der ältere der beiden, werde seitdem als Kronprinz aufgebaut. Einen "inkompetenten Rassisten" nennt Stenebo ihn. Wer Peter jedoch wegen seines Chauvinismus kritisieren wolle, den mache Übervater Ingvar mundtot. Eine gefährliche Entwicklung im Möbelreich - Erbfolge statt Generationswechsel.

Das sind harte und irgendwie auch ganz unschwedische Worte. Ist das Buch lediglich eine persönliche Abrechnung?

Stenebo weist diesen Verdacht empört von sich. Er sei es, der sich vor Kamprads bevorstehender Rache fürchten müsse. Denn Ikea, so Stenebo, sei nicht irgendein globaler Multi. Der Konzern mit seinen 135.000 Angestellten in 44 Ländern sei schließlich im Alleinbesitz der Familie und werde vom allmächtigen Ingvar Kamprad geführt wie eine Sekte: "Es gilt ein ungeschriebenes Gesetz für das höhere Management bei Ikea - Loyalität zu Ingvar bis in den Tod."

Das sei einer der Gründe dafür, dass selten Kritik an Kamprad und Ikea laut werde. Stenebo nennt Ikea "eine der verschlossensten Firmen der Welt". Zum Leidwesen der schwedischen Presse gibt Ingvar Kamprad so gut wie nie Interviews, und wenn, dann nur ausgewählten Journalisten, die - sagt Stenebo - pflichtschuldig das Understatement betrieben, das Kamprad von ihnen fordere. So werde das Außenbild des Möbel-Milliardärs mit Rührstorys über dessen angebliche Schreib- und Leseschwäche oder periodischen Alkoholismus auf gewünschtes Kleinbürgermaß gestutzt.

"Ich liebe Ingvar und bewundere sein Genie"

Doch ist das wirklich so schlimm? Und unterscheidet sich das davon, wie andere Großfirmen mit einer starken Einzelpersönlichkeit an der Spitze funktionieren?

Wenn das die ganze "Wahrheit über Ikea" sein soll, dann scheinen die Kamprads zumindest etwas schrullige Vorstellungen von einem guten Ruf zu haben. Gewöhnliche Superreiche jedenfalls fallen lieber durch dicke Autos, schöne Geliebte oder Wohltätigkeit auf als durch Schnaps und Legasthenie. Doch Stenebos angebliche Enthüllungen folgen der Logik eines verlorenen Sohnes: "Ich liebe Ingvar und bewundere sein einzigartiges Genie", sagt er. Ihm gehe es um die Zukunft des Konzerns. Denn es sei Gefahr im Verzug.

Stenebo wirft Ikea Stasi-Methoden vor. Detailliert schildert er ein vermeintliches engmaschiges Netzwerk an Informanten, die direkt per Telefon und Fax in Kamprads Schweizer Privatresidenz Meldung gemacht haben sollen. Dabei handele es sich um regelmäßige Stimmungsberichte und persönliche Kolportagen - "IM Billy" lässt grüßen. So soll die schwedische Ikea-Zentrale Ende der neunziger Jahre von einem Machtkampf erschüttert worden sein, in dem "die Spione aktiv eingriffen, um Mitarbeiter auf Kamprads Seite zu ziehen". Der Konflikt sei so weit gegangen, dass man zeitweise das Gefühl gehabt habe, der ganze Konzern sei "in Fraktionen für und gegen Ingvar zersplittert". Das kommt im konsenssüchtigen Schweden gar nicht gut an.

Angeblich geht es um Blut und Boden

Ausländer würden auf der Chefetage immer wieder abfällig als "Neger" bezeichnet, die keine Chance auf Aufstieg hätten. Dafür sei Kamprads bedenklich zunehmende Paranoia verantwortlich. Ikea, immerhin der größte Möbelkonzern der Welt, werde ausschließlich von Menschen geführt, die aus Älmhult kämen, dem kleinen Ort in der schwedischen Landschaft Småland, in dem auch Ingvar selbst aufwuchs. "Auf dem Hof geboren" nennt man das in Schweden, und der Bezug auf Blut und Boden sei kein Zufall. Es herrsche unverhohlener Rassismus.

Ikea wird in aller Welt gerne als Vorbild eines guten globalen Unternehmens genannt. Das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" nannte die Schweden daher ironisch in einer Titelstory "The Teflon Company", da kein Dreck an ihr hängen bleibe. Doch das lässt sich, sagt Stenebo, weniger auf nachhaltiges Wirtschaften als auf hinterhältiges und zynisches Taktieren zurückführen.

Umweltorganisationen im Visier

Stenebo wirft Ikea vor, der Konzerne überprüfe - so wie auch andere Großunternehmen - seine Lieferanten nicht sorgfältig genug und mauschele mit Umweltschützern. Ikea wolle in Umweltfragen eine weiße Weste vorzeigen können - und gleichzeitig sicheren Zugang zu Holzvorräten bekommen. "Ikeas Schlüssel zu niedrigen Preisen ist die Versorgung mit billigen Rohstoffen", sagt Stenebo. "Und Ikeas Möbel bestehen nun mal größtenteils aus Holz."

Daher sei die Zusammenarbeit mit Umweltgruppen in Zeiten politischer Korrektheit nicht nur eine Frage der Reklame. Viele holzproduzierende Länder stünden unter ständigem Druck der Weltöffentlichkeit. Inzwischen beziehe Ikea einen erheblichen Teil seiner Holzprodukte komplett aus China: "Ich weiß, dass man nicht einmal in China legal Holz für den Preis bekommen kann, den wir dort bezahlt haben", sagt Stenebo.

Immer gehe es nur um den schönen Schein - ob bei den lebendig gerupften Gänsen, deren Daunen angeblich das Kopfkissen "Gosa" (schwedisch für Kuscheln) und die Decke "Mysa" (auch Kuscheln) füllen, oder den Teppichen der Reihe "Barnslig" (schwedisch für Kindisch), von denen es immer wieder heißt, sie würden tatsächlich von pakistanischen Kindern geknüpft. Auch hier bringe Ikea durch geschickt platziertes Sponsoring von Kinderhilfsorganisationen wirksam seine Verteidigung in Stellung: "Tatsache ist, dass eine Firma mit Ikeas enormen Ressourcen sich seine Lieferanten frei aussuchen kann. Doch statt die besten zu nehmen, nimmt man die billigsten." Und Gemeinnutz sei immer noch billiger als ein reines Gewissen und könne außerdem von der Steuer abgesetzt werden.

Ikea spricht von "Ansichten einer Privatperson"

Und warum jetzt diese Abrechnung? Stenebo erzählt, vor Monaten habe es eine schwere Auseinandersetzung zwischen ihm und Peter Kamprad, dem Kronprinzen, gegeben. Da sei ihm plötzlich klar geworden, dass er ein Gewissen habe, das er nicht länger unterdrücken könne: "Wirtschaftliche Macht bedeutet Verantwortung den Menschen und der Umwelt gegenüber. Das versteht Peter nicht. Frauen und Ausländer werden ausgeschlossen, die Umwelt bewusst mit Füßen getreten."

Ikeas Pressestelle nennt das Buch auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE "Ansichten einer Privatperson". Zu Details kein Kommentar.

Und was sagt Ingvar Kamprad? Ebenfalls kein Kommentar.

Stenebo gibt sich jedoch überzeugt, dass der Alte das Buch längst auf dem Nachttisch liegen hat: "Ingvar liest das Buch mit seinen Chamäleon-Augen. Er hasst mich und er liebt mich."

Der Stolz in Stenebos Stimme ist nicht zu überhören.


Widerruf

SPIEGEL ONLINE hat in einer ersten Version dieses Artikels vom 11. November 2009 berichtet,

- Ikea habe Greenpeace mit "Maulkorbgeld" ausgestattet;

- Greenpeace habe von Ikea viel Geld für ein Medienprojekt bekommen, in dem andere Multis wie der finnische Papiergrossist 'Stora Enso' an den Pranger gestellt wurden;

- Als Ikea kurz darauf riesige Areale im malayischen Teil der Urwaldinsel Borneo abgeholzt haben soll, habe Greenpeace dann seinen Teil des perfiden Deals erfüllt und die Schweden in aller Öffentlichkeit verteidigt;

- Greenpeace stehe neben weiteren weltbekannten NGOs auf Ikeas großzügiger Spendenliste.

Diese Behauptungen sind unwahr und werden hiermit widerrufen. Die Redaktion.

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