Henrik Müller

Enttäuschende Wirtschaftsentwicklung Hurra, wir werden produktiver!

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Die Wirtschaft wächst nur noch, weil immer mehr Menschen arbeiten, nicht weil sie produktiver würden. Ein schwaches Bild für unser Gesellschaftsmodell. Nun könnte sich allerdings einiges zum Besseren wenden.
Pendler in Peking: Auch China hat das demografische Optimum hinter sich gelassen

Pendler in Peking: Auch China hat das demografische Optimum hinter sich gelassen

Foto: Kevin Frayer / Getty Images

Wir haben enttäuschende Jahrzehnte hinter uns, man kann es nicht anders sagen. Eigentlich hätte es nicht so weit kommen sollen. Wir sollten längst wohlhabender sein. Aber wer weiß, vielleicht bringen die Nach-Covid-Jahre ja noch einige positive Überraschungen.

So ist die Lage: Überall im Westen steigt die Produktivität der Beschäftigten kaum noch. In vielen Schwellenländern geht die Entwicklung inzwischen in die gleiche Richtung. Das ist schlecht: Letztlich hängt der Wohlstand einer Gesellschaft von der Wertschöpfung der Beschäftigten ab. Bei steigender Produktivität gibt es mehr zu verteilen. Mehr Output pro Arbeitsstunde ermöglicht steigende Wohlstandsniveaus, vor allem kräftige Lohnsteigerungen.

John Maynard Keynes, der britische Jahrhundertökonom, sagte um 1930 so rapide Produktivitätssprünge vorher, dass im Jahr 2030 die Leute nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten  müssten. Das Hauptproblem der Menschen werde darin bestehen, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen. »Die wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Enkel«, schrieb Keynes, würden so grandios sein, dass es für sie kaum noch die Notwendigkeit gebe zu arbeiten.

Davon sind wir weit entfernt. Das Wirtschaftswachstum der Vor-Covid-Jahre basierte auf mehr Arbeit, nicht auf mehr Produktivität. Im vorigen Jahrzehnt war die vergleichsweise gute Entwicklung in Deutschland vor allem die Folge von mehr Werktätigkeit. Zwischen 2010 und 2019 stieg die Zahl der Beschäftigten in Deutschland um rund vier Millionen, auch durch Zuwanderung aus dem übrigen Europa. Das gesamte Arbeitsvolumen erreichte zum Ende des Jahrzehnts den Rekordwert von 62,6 Milliarden Stunden jährlich . In der Eurozone verlief die Entwicklung mit Zeitverzögerung ähnlich. Das Sozialprodukt stieg, weil mehr und mehr Leute arbeiteten – nicht, weil die Beschäftigten in der gleichen Zeit mehr geschafft hätten.

Ein ziemlich schwaches Bild für ein Gesellschaftsmodell, das sich gern dem Rest der Welt überlegen fühlt.

Der Fortschritt kommt zum Erliegen – ernsthaft?

In früheren Jahrzehnten legte die Arbeitsproduktivität in den G7-Volkswirtschaften im Schnitt um etwa zwei Prozent pro Jahr zu. Die Rate sackte bereits über die 2000er-Jahre hinweg ab. Seit der Finanzkrise von 2008/09 dümpelt sie in den etablierten Volkswirtschaften um die Nulllinie, wie aus Zahlen der Weltbank hervorgeht. China und Indien haben zwar in den Jahren vor der Corona-Krise noch jährliche Steigerungsraten zwischen sechs und sieben Prozent zustande gebracht. Aber auch dort waren die Zahlen schon mal deutlich höher. Rund um den Globus scheint der Fortschritt allmählich zum Stillstand zu kommen.

Wie kann das eigentlich sein? Hätte nicht eigentlich die Globalisierung die Produktivität steigen lassen sollen, wie es die ökonomische Theorie verspricht? Leben wir nicht in einer Ära technologischer Durchbrüche? Warum zeigen sich Internet, Smartphones, Biotechnologie, erneuerbare Energien und all die anderen grandiosen Innovationen der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte überall, bloß nicht in den Produktivitätsstatistiken?
Weil es dafür bislang keine Notwendigkeit gab. Aber das wird sich in diesem Jahrzehnt grundlegend verändern.

Es gibt eine Menge Versuche, das Abflauen der Produktivitätsdynamik zu erklären. Hier ist eine Auswahl:

  • Alle nützlichen Dinge sind bereits erfunden worden.

  • Alternde Gesellschaften sind weniger innovativ und neigen zu »säkularer Stagnation«.

  • Die Fortschritte durch die Digitalisierung werden von den üblichen Wirtschaftsstatistiken nicht erfasst.

  • Der Turbokapitalismus hat dafür gesorgt, dass Unternehmen lieber Geld an ihre Aktionäre ausschütten als zu investieren.

  • Die Niedrigzinspolitik, die die Notenbanken seit Jahren betreiben, wirkt wie eine Subvention für schnelles Zocken, sodass zu wenig langfristig in neue Produkte und Prozesse investiert wird.

  • Die Finanzkrise von 2008/09 hat die Banken derart belastet, dass Unternehmen jahrelang kaum an Kredite für produktivitätssteigernde Investitionen kamen.

  • Die Staaten haben die öffentliche Infrastruktur kaputtgespart, sodass die private Wirtschaft unter ihren Möglichkeiten blieb.

  • Soziale Sicherungsnetze unterminieren das Unternehmertum, doch ohne Entrepreneure kann keine Gesellschaft aufblühen.

An vielen dieser Argumente mag was dran sein. Aber sie übersehen einen fundamentalen internationalen Trend der vergangenen Jahrzehnte: die dramatische Ausweitung des Arbeitsangebots. Zugespitzt formuliert: Das Zusammentreffen von Globalisierung und günstiger Demografie hat Produktivitätsfortschritte überflüssig gemacht.

Wenig Kinder, wenig Alte, viele Werktätige

Vor anderthalb Jahrzehnten beschrieb der Harvard-Ökonom Richard Freeman die »große Verdopplung« . Durch die Integration der Weltwirtschaft würde die Zahl derjenigen, die sich an der internationalen Arbeitsteilung beteiligen, von etwa anderthalb auf drei Milliarden Menschen ansteigen, kalkulierte er.

Die Auswirkungen sind kaum zu überschätzen: Wenn irgendwo Arbeitskräfte knapp wurden, konnten Unternehmen ausweichen – auf andere Länder, andere Zulieferer, andere Betriebe. Menschen waren nicht knapp. Im Gegenteil. Es gab wenig Grund, auf mehr Effizienz zu setzen, wenn Werktätige reichlich und günstig zu haben waren.

Die Öffnung der Grenzen fand zu einer Zeit statt, da viele Länder ihr demografisches Optimum erreichten. Das heißt: Die Geburtenraten waren bereits gesunken, während die Zahl der Menschen im beschäftigungsfähigen Alter noch zunahm und der Anteil der Alten an der Bevölkerung noch niedrig war. Besonders ausgeprägt war diese Entwicklung in China.

Doch inzwischen hat eine Trendwende eingesetzt: In Europa und Japan geht die Zahl der Menschen im produktiven Alter bereits zurück. China hat sein Maximum gerade überschritten und steht vor einem drastischen Rückgang. Südamerika wird seinen demografischen Peak Ende des Jahrzehnts erreichen, Indien in drei Jahrzehnten. In den USA und Kanada steigt das Beschäftigtenpotenzial, dank Zuwanderung, nur noch leicht. Dazu kommt ein gehöriger Schuss Protektionismus und die sich verschärfende Rivalität der westlichen Großmächte mit China. Bislang offene internationale Märkte werden von neuen Grenzen durchzogen.

Weniger Köpfe, mehr Knowhow

Arbeitskräfteknappheit wird zur neuen Normalität. In den USA sind derzeit mehr als neun Millionen Stellen unbesetzt , in Deutschland immerhin mehr als 650.000 . Je mehr der Nach-Corona-Aufschwung Fahrt aufnimmt, desto schmerzhafter werden die Engpässe auf den Arbeitsmärkten spürbar sein.

Es wäre sehr überraschend, würden die Unternehmen diese Entwicklung einfach so über sich ergehen lassen. Sie werden versuchen, mit verstärktem Einsatz von Technik und neuen Organisationsstrukturen gegenzusteuern. Die Technologien dafür sind vorhanden: Die Digitalisierung ist ohnehin weit fortgeschritten und hat während der pandemiebedingten Shutdowns zusätzlich an Fahrt aufgenommen. Roboter werden vielfältiger und flexibler einsetzbar – im Haushalt, in der Gastronomie, im Handwerk. Künstliche Intelligenz unterstützt hochqualifizierte Dienstleistungsjobs. Ein Wiederanstieg der Arbeitsproduktivität  auf Raten um 2 Prozent sei möglich, hat vor einiger Zeit das McKinsey Global Institute geschätzt.

Eine Bedingung für erhöhte Produktivitätsdynamik sind Unternehmensinvestitionen. Um mehr aus den Beschäftigten herauszuholen, braucht es mehr Kapital und Knowhow. Genau das steht nun bei vielen Firmen auf der Agenda. Sie investieren wieder, stocken ihre Betriebsvermögen auf. »Red-hot« sei das Investitionsgeschehen, sagen Analysten von Morgan Stanley . Auch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung scheinen zu steigen, wie die Unesco beobachtet, ebenfalls ein Produktivitätstreiber.

Ein Aufschwung auf Anabolika könnte, wenn es gut läuft, tatsächlich für nachhaltige Wohlstandszuwächse sorgen und zugleich die Inflationsgefahren eindämmen. Manch alternde Gesellschaft könnte sich noch als ziemlich leistungsfähig erweisen.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Brüssel – Joe & Co. – Nato-Gipfel, erstmals mit US-Präsident Joe Biden, der sich bemüht, das transatlantische Bündnis zu stärken, gerade auch gegenüber den strategischen Herausforderern China und Russland.

Luxemburg – Verteilungsfragen – Treffen der EU-Arbeits- und Sozialminister. Unter anderem geht es um die Mindestlöhne in Europa.

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