Weltenergiekongress in Südkorea Siemens prophezeit Erderwärmung um bis zu 4,5 Grad

Wie stark wird die Erderwärmung ausfallen? Der Chef der Energiesparte von Siemens hat darauf eine Antwort: deutlich höher als befürchtet - das hätten Berechnungen des Konzerns ergeben. Die deutsche Energiepolitik hält der Manager für "grotesk".
Siemens-Energiechef Süß: "Erderwärmung von 4,5 Grad Celsius"

Siemens-Energiechef Süß: "Erderwärmung von 4,5 Grad Celsius"

Foto: Jeon Heon-Kyun/ dpa

Viele Experten erwarten, dass der Klimawandel weit stärker ausfallen wird, als es sich die Weltgemeinschaft erhofft, doch auf Seiten der Industrie hat das selten jemand so deutlich ausgesprochen wie Michael Süß. "Das Zwei-Grad-Klimaziel ist nicht erreichbar", sagt der Siemens-Vorstand und Chef der Energiesparte des Konzerns am Dienstag auf dem Weltenergiekongress im südkoreanischen Daegu SPIEGEL ONLINE. "Je eher wir uns das eingestehen, desto besser."

Süß stützt seine Aussagen auf Berechnungen von Siemens zur Entwicklung der weltweiten Energieversorgung. Der Konzern hat die Businesspläne im Energiesektor von 108 Ländern zusammengetragen. Kernfragen waren: Welche Kraftwerke sind bis 2030 jeweils geplant? Auf welche Technologien setzen die Regierungen? Wie verändert sich der Energiemix?

"Rechnet man die Investitionspläne zusammen, kommt man auf eine globale Erderwärmung von 4,5 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts", sagt Süß. Das wäre mehr als doppelt so viel wie die von der Weltgemeinschaft angestrebte Höchstmarke.

Der Siemens-Manager bewegt sich mit seiner Prophezeiung am oberen Rand der Prognosen des Uno-Klimarats IPCC. Im jüngst veröffentlichten Weltklimareport gehen die Wissenschaftler davon aus, dass der Treibhauseffekt die Lufttemperatur auf der Erde um 1,5 bis 4,5 Grad Celsius erhöhen könnte.

Hauptgrund für die Siemens-Vorhersage sind laut Süß die hohen Zubauraten für Kohle. "Jeder Staat versucht zunächst, seinen Wohlstand und seine Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. So funktioniert die Welt nun einmal. Nur wenn wir uns das ehrlich eingestehen, können wir wirksam gegensteuern und den Schaden auf ein Minimum begrenzen."

"Wir haben zwei Systeme, die sich gegenseitig kannibalisieren"

Europa komme dabei eine Kernrolle zu. "Wir müssen stärker Technologien erforschen, entwickeln und exportieren, die die Klimabilanz anderer Länder rasch verbessert", sagt Süß. "Es bringt nichts, Entwicklungsländern Technologien anzubieten, die sie sich nicht leisten können. Das ist wie einem armen Mann einen Bugatti zu verkaufen und ihm zu sagen, der löse sein Mobilitätsproblem."

Zur Reduzierung der Erderwärmung bewirbt Siemens wenig überraschend vor allem die eigenen Technologien. Eine Option sei, Kohlemeiler zusehends durch Gaskraftwerke zu ersetzen, heißt es. Im Idealfall ließen sich jährlich rund 4000 Megatonnen Kohlendioxid einsparen, wären 2030 weltweit nur noch Gaskraftwerke am Netz. Das entspricht in etwa dem gesamten CO2-Ausstoß der EU.

Was der Konzern nicht erwähnt: Wenn die Bedeutung von Gas im globalen Energiemix steigen soll, werden neue Fördertechniken wichtiger - vor allem das in Deutschland und anderen europäischen Ländern umstrittene Fracking.

Damit die Energiewende in Europa vorankommt, hält Süß zudem ein Umsteuern in Deutschland für nötig. "Wir haben neben unserem bestehenden konventionellen Versorgungssystem ein zweites aus erneuerbaren Energien aufgebaut", sagt Süß. "Doch wir haben ihr Zusammenspiel kaum koordiniert. Jetzt haben wir zwei Systeme, die sich gegenseitig kannibalisieren. Und da die Strompreise nicht mehr sicher sind, beginnt ein drittes System zu entstehen, in dem die Verbraucher versuchen, sich selbst zu versorgen. Das ist einfach grotesk."

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