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Gas aus der Tiefe: Unkonventionelle Vorkommen

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Erdgas Förder-Boom lässt Rohstoffjäger träumen

Gas galt als schwindender Rohstoff - doch jetzt machen verfeinerte Bohrmethoden neue Felder zugänglich. Ein weltweiter Megamarkt entsteht: Konzerne investieren Milliarden, Europa träumt von der energiepolitischen Entmachtung Russlands. Doch der Boom birgt gewaltige Risiken.

Hamburg - Die gegenwärtige Stimmung im Gasmarkt erinnert an den Goldrausch 1897 am Klondike. Neue Trecks von Glücksrittern ziehen in die Wildnis, um nach wertvollen Rohstoffen zu suchen. Verändert hat sich die Technik: Die Goldgräber siebten mit bloßen Händen im Flusssand, die Gasgräber schwärmen mit monströsen Maschinen aus.

Das Rohstofffieber bricht mal wieder aus - diesmal global. Weltweit wollen sich Energiemultis in den Untergrund bohren, an vielen Orten beginnt noch im laufenden Jahr die Suche nach neuen milliardenschweren Gasvorkommen.

Die Euphorie ist groß. Die Internationale Energieagentur (IEA) spricht von einer "Gasschwemme", der Energieanalyst Daniel Yergin von einer "Gasrevolution". Laut BP-Chef Tony Hayward könnten die Machtverhältnisse in der Branche erschüttert werden, laut dem polnischen Politiker Maciej Wozniak gar die Machtverhältnisse in der Welt. Gut möglich, dass der Energie-Hegemon Russland an Einfluss verliert, sagt Wozniak. Gut möglich, dass selbst Polen durch die Förderung neuer Gasvorkommen zur Energie-Mittelmacht wird.

Der Gasrausch, in den sich Wissenschaftler, Politiker und Konzerne derzeit steigern, hängt mit zwei technischen Neuerungen zusammen:

  • Neue Bohrverfahren (siehe Infobox links) machen die Förderung von sogenanntem unkonventionellen Gas in Permafrostböden und dichten Tonschichten, vor allem aber in Schieferschichten erschwinglich. Gasproduktion ist plötzlich in vielen Regionen möglich, die verfügbaren Vorräte steigen enorm: Die IEA schätzt, dass weltweit mindestens 921 Billionen Kubikmeter unkonventionellen Gases im Untergrund schlummern - fünfmal so viel wie in den konventionellen Reservoirs.
  • Die Verflüssigung von Gas zu sogenanntem Liquified Natural Gas (LNG) revolutioniert den Transport: Der Rohstoff wird ums 600-fache verdichtet und reist per Schiff viele tausend Kilometer, weiter als mit der längsten Pipeline, auf neuen, flexiblen Handelsrouten (siehe Infobox links).

Beides hat den Gasmarkt schon jetzt verändert, vor allem in Amerika. Dort hatte die Firma Mitchell Energy in den frühen neunziger Jahren die Technologie zum unkonventionellen Gasabbau entwickelt. Nach und nach wurde das Bohrverfahren durch steigende Rohstoffpreise, technologische Verfeinerung und Skaleneffekte profitabler, die Erdgasförderung aus unkonventionellen Vorkommen nahm kräftig zu. Machte sie vor 20 Jahren noch einen Bruchteil der amerikanischen Produktion aus, sind es inzwischen fast 40 Prozent.

Schubumkehr in Amerika

Auf den US-Markt hat das gewaltige Effekte. Die Produktion stieg so stark, dass die USA Russland 2009 als weltgrößten Gasproduzenten ablösten. "Inzwischen sind die Amerikaner praktisch unabhängig von Importen", sagt Joachim Müller-Kirchenbauer, Professor für Gasversorgungssysteme an der TU Clausthal.

Sichtbar wird diese Schubumkehr an der US-Küste, dort, wo seit Anfang des Jahrzehnts LNG-Terminals zum Import von Flüssiggas hochgezogen werden. Wegen technischer Probleme wurden manche von ihnen erst kürzlich fertig. Doch jetzt braucht sie keiner mehr für die Rohstoffeinfuhr. "Die amerikanische Import-Nachfrage ist durch den unkonventionellen Abbau drastisch geschrumpft", sagt Jonathan Stern vom Oxford Institute for Energy Studies (OIES). An einigen Orten gebe es schon Pläne, die LNG-Terminals von Im- auf Export umzustellen.

Amerikas Gasrevolution hat weltweite Konsequenzen. Sie vergrößert das globale Gasangebot - in einer Zeit, in der die Nachfrage aufgrund der Weltwirtschaftskrise ohnehin niedrig ist. Durch LNG gelangen riesige Rohstoffmengen jenseits der Pipelines in den Umlauf. Vorläufigen OIES-Berechnungen zufolge wurden im vergangenen Jahr 245 Milliarden Kubikmeter Flüssiggas verschifft - Tendenz steigend.

"Erstmals kann ein globaler Markt entstehen"

Neue Handelsrouten entstehen. Staaten mit Terminals zum LNG-Import werden unabhängiger von regionalen Großversorgern. Sie können ihr Gas jetzt aus der ganzen Welt importieren. "Erstmals in der Geschichte der Branche kann ein globaler Markt entstehen", sagt Müller-Kirchenbauer.

Dieser allerdings verschärft die Angebotsschwemme - zum Leidwesen der Exporteure. Katar etwa investierte Milliarden in den Ausbau von LNG-Terminals, um Gas nach Amerika zu schicken. Australien baute Gasverflüssiger für den Export nach China. Jetzt steigen die globalen LNG-Exporte, und die Länder werden ihre Lieferungen nur noch los, wenn sie die Preise drücken.

Die Exporteure spekulieren daher auf den Wirtschaftsboom in Asien. Der wachsende Gashunger von China und Indien soll die sinkende Nachfrage in Amerika ausgleichen. Hoffnung macht ihnen zudem eine OIES-Prognose, derzufolge Europas Binnengasversorgung ab 2012 sinkt.

Doch es ist möglich, dass das Gas-Überangebot im laufenden Jahrzehnt nicht wieder verschwindet, sondern weiter wächst. Auch in China und Europa gibt es gigantische unkonventionelle Gasvorkommen. Viele Investoren fragen sich: Lässt sich der amerikanische Gas-Traum auf anderen Kontinenten wiederholen?

Europa und Asien - die nächsten Gas-Dorados?

IEA-Schätzungen zufolge liegen in Europas Erdreich fast 50 Billionen Kubikmeter unkonventionellen Gases. An vielen Orten beginnt die Schatzsuche im Schiefer.

In Schweden und der Ukraine untersucht Shell   den Boden, in Polen sind die US-Konzerne Exxon  , ConocoPhillips   und Chevron   aktiv. Exxon will sich auch in Deutschland in den Untergrund bohren, in der Nähe Niedersachsens könnte ein gewaltiger Gasschatz schlummern. Total   und Statoil   sponsern Gas Shales in Europe (GASH), einen Forschungsverband zur Kartografierung und Bewertung von Europas Schiefergasvorkommen.

Shell forscht außerdem im Zukunftsmarkt China. Bis 2020 will die Regierung in Peking ein Zehntel ihres nationalen Energiebedarfs mit Gas decken. Heimische Energiekonzerne drängt sie, dem Schiefer jährlich 30 Milliarden Kubikmeter Gas abzupressen. An Chinas Küsten entstehen im Akkord neue LNG-Import-Terminals.

Die Neuvermessung der Welt schreitet im Eiltempo voran. Und vor allem die großen Mineralölkonzerne entfalten beachtlichen Pioniergeist. "In ihrem Heimatmarkt können sie kaum noch wachsen", sagt Oxford-Forscher Stern. Neue Mineralölquellen gebe es fast nur noch in politisch instabilen Regionen oder an schwer zugänglichen Orten wie der Tiefsee, wo die Förderung kaum erschwinglich ist. Also wildern die Ölriesen im Gasmarkt - und scheuen dabei keine Kosten: Exxon übernahm kürzlich das Unternehmen XTO, einen Spezialisten für unkonventionelle Gasförderung. Kaufpreis: 41 Milliarden Dollar.

"Der Kampf ums unkonventionelle Gas ist zurzeit vor allem ein Kampf um die Informationshoheit", sagt Müller-Kirchenbauer von der TU Clausthal. Jeder will als erster wissen, wo sich das Bohren lohnt. Und ihr Wissen über geeignete Förderplätze hüten die Energiemultis wie ein Staatsgeheimnis.

Gewaltige Risiken in Europa und Asien

Investitionssicherheit gibt es nicht. Auch wer seine Claims in Europa und Asien frühzeitig absteckt, geht hohe Risiken ein. "Es ist unklar, ob sich das amerikanische Geschäftsmodell auf andere Kontinente übertragen lässt", sagt Stern. In Europa und Asien fehlen mehrere Faktoren, die die amerikanische Gasschwemme begünstigt haben.

  • Unkonventionelle Gasförderung ist ein Risiko für die Umwelt, und die ökologischen Folgen der Technologie sind kaum erforscht. Um die Produktion am Laufen zu halten, müssen stetig neue Gesteinsschichten gesprengt werden. Ganze Landstriche werden zerstört. Auf einem großen, dünnbesiedelten Kontinent wie Amerika ist das leichter durchzusetzen als im kleinen, engen Europa.
  • Unkonventionelle Gasförderung verschmutzt große Mengen Wasser. Dieses kann zwar nachträglich wieder gereinigt werden, doch im Gegensatz zu Amerika ist Wasser in Europa und Asien ein rares Gut. Durch das Fracking besteht zudem die Gefahr, dass Chemikalien ins Grundwasser gelangen. Gegner der Fördertechnik dürften versuchen, ein Verbot zu erwirken.
  • Die europäischen Umweltauflagen sind strenger als die amerikanischen. In Texas dürfen Gasforscher sogar unter Städten bohren. In Europa ist das undenkbar.
  • In China regiert der Staat in die Wirtschaft hinein - für ausländische Firmen sind Investitionen riskant.

Es ist also unklar, ob sich der amerikanische Traum auf anderen Kontinenten wiederholen lässt. Es ist aber möglich, die Zukunft in Szenarien zu beschreiben. Denn so viel ist klar: Nach dem globalen Gas-Boom wäre die Welt eine andere - wirtschaftlich wie politisch.

Wie der Gas-Boom die Welt verändern würde

Sollten in Europa und Asien tatsächlich große Gasfelder erschlossen werden, hätte das weitreichende Folgen - drei Szenarien für die zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts:

1. Gazprom schrumpft, Russlands Wirtschaft stockt

Für den russischen Monopolisten Gazprom wäre eine anhaltende Gasschwemme ein gewaltiges Problem. "Das Geschäftsmodell des Staatskonzerns basiert auf der Annahme, dass die Nachfrage und der Gaspreis beständig steigen", sagt Michail Kortschemkin, Direktor des East-European-Gas-Analysis-Instituts. Während andere Energieriesen ihre operativen Kosten drücken, seien Gazproms Produktionsausgaben von Januar bis September 2009 um 35 Prozent gestiegen.

Auch beim Transport gebe der Konzern zu viel Geld aus. Manche Pipelines seien nur zur Hälfte ausgelastet, trotzdem baue Gazprom derzeit neue Röhren. Die Erschließung neuer Gasfelder in Jamal und Schtokman hat der Konzern bis auf weiteres verschoben. "Geht das so weiter, ist russisches Gas bald nicht mehr wettbewerbsfähig", sagt Kortschemkin.

Ein Wandel in der Konzernstrategie deutet sich bislang nicht an. Gazprom nennt die Erwartungen an unkonventionelles Gas überzogen. Man rechne weiterhin mit einer steigenden Nachfrage in Europa. Kortschemkin hält es allerdings für möglich, dass der Konzern doch noch reagiert. "Gazprom könnte eine Lobbyorganisation gegen Wasserverschmutzung ins Leben rufen, um die unkonventionelle Gasförderung zu bekämpfen."

Ein möglichst weitreichendes Förderverbot wäre auch im Interesse Russlands. Rund 20 Prozent des Staatshaushalts werden aus Gazproms Steuerzahlungen gespeist. Schrumpft der Energieriese, trudelt Russlands Wirtschaft. Sie kann erst wachsen, wenn Europas Gasnachfrage auf Vorkrisenniveau steigt.

2. Die geopolitischen Machtverhältnisse verschieben sich

Wenn es den Rohstoff Gas plötzlich überall gibt, taugt er nicht mehr als geopolitisches Druckmittel. Derzeit kann Russland noch Polen oder der Ukraine mit Lieferstopps drohen, nach dem Gasrausch ginge das nicht mehr. "Es besteht Hoffnung, dass sich der Gashandel deutlich entpolitisiert", sagt Müller-Kirchenbauer von der TU Clausthal.

Der polnische Regierungsberater Maciej Wozniak träumt laut "Capital" bereits davon, dass sein Land zum Gasexporteur aufsteigt. Polen, das seit jeher für seine Unabhängigkeit kämpft, könnte sich aus der Umklammerung des Gasexporteurs Russland befreien.

Doch auch ohne unkonventionelle Gasförderung in Europa dürften sich die Machtverhältnisse im kommenden Jahrzehnt ändern - durch LNG. Je mehr Gas per Schiff um die Welt reist, desto unabhängiger werden Länder ohne eigene Gasvorkommen von ihren regionalen Versorgern.

3. Der Niedergang der Kohleindustrie beschleunigt sich

Den Ölmultis bietet die unkonventionelle Gasförderung Wachstumschancen, für die Kohlekonzerne dagegen ist sie eine Bedrohung. Durch immer neue CO2-Auflagen sind Investitionen in neue Kohlekraftwerke schon jetzt riskant, in Zukunft bietet sich potentiellen Geldgebern eine attraktive Alternative. Eine globale Gasschwemme dürfte den Energiekonsum verändern.

Bislang sei Kohle der einzige Rohstoff gewesen, der fast überall verfügbar ist, sagt Oxford-Professor Stern. Durch LNG und unkonventionelle Förderung ändere sich das. "Europa etwa könnte künftig mehr Strom aus Gas produzieren, ohne sich zu stark von Russland abhängig zu machen."

Ihre CO2-Bilanz könnten die Staaten dadurch kräftig frisieren: Wer Energie aus Gas statt aus Kohle gewinnt, bläst nur etwa halb so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre. Das Einsparpotential ist groß: In Deutschland etwa wird gut die Hälfte aller Elektrizität in Kohlekraftwerken produziert.

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