Erfolgreicher Bürgerprotest Gazprom gibt Wolkenkratzer auf

Die Bevölkerung hat gesiegt: Nach jahrelangem Streit hat Gazprom ein Bauprojekt im Herzen St. Petersburgs aufgegeben. Der Energieriese wollte einen Wolkenkratzer in Form einer Gasflamme errichten - doch der Konzern stieß auf erbitterten Protest.

DPA / RMJM

Hamburg - Gazprom-Chef Alexej Miller hat sein persönliches Stuttgart 21 - nur hat, anders als in Deutschland, letztlich die Bevölkerung gesiegt: Nach jahrelangem Zoff mit dem Plebs hat der Energieriese den Kampf um den Standort für einen neuen Wolkenkratzer verloren, berichtet die "New York Times" am Freitag.

Nun lässt sich der Staatskonzern auf eine für seine Verhältnisse ungewöhnliche Aktion ein: Er probt den Kniefall vor der Bevölkerung. Der Plan, den Ochta-Turm, ein rund 400 Meter hohes Stahl- und Glasungetüm, in St. Petersburgs historischem Zentrum hochzuziehen, ist vom Tisch.

Gazoskryob nannten Gegner das Gebäude, den "Gaskratzer". Das Design wurde 2006 vom britischen Architekturbüro RMJM entworfen. Den Bauvisionären schwebte ein in sich verdrehter Stahlturm vor, dessen Form an eine flackernde Flamme erinnert. Direkt am Fluss Newa gelegen hätte der "Gaskratzer" einen monströsen Schatten über die umliegenden Gotteshäuser geworfen. Und er hätte die Isaakskathedrale und die Peter-und-Paul-Kathedrale um Längen überragt.

Gazprom-Chef Miller lobte den 77 Stockwerke starken Entwurf von RMJM, in dem einst die Erdöltochter Gazprom Neft über der Stadt thronen sollte. St. Petersburg sollte seine Kühnheit umarmen, sagte er. Sie sollten die Gasflamme als neues Symbol der Stadt akzeptieren. Dann gab Russlands heimlicher Präsident Wladimir Putin sein Plazet, und jeder weitere Protest gegen den Prestigebau schien zwecklos.

Doch die Mächtigen hatten die Bevölkerung unterschätzt. Die Meinung von Russlands Elite war weniger monolithisch als erwartet. Die Kultur-Elite verdammte die Gasflamme, stilisierte sie zum Emblem der russischen Energie-Hybris; der Direktor des Hermitage Museums protestierte gegen das Gebäude; der Kulturminister monierte, der Bau sei zu hoch, er verstoße gegen die städtischen Bauvorschriften. Dann drohte auch noch die Unesco, der Stadt St. Petersburg ihren Status als Weltkulturerbe abzuerkennen.

Schließlich knickte Gazprom ein. Der Wolkenkratzer wird jetzt woanders gebaut, sagte Bürgermeisterin Walentina Matwijenko. "Wir haben alle Vor- und Nachteile evaluiert, doch wir können nicht ewig diskutieren."

ssu



insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
eigene_meinung 10.12.2010
1. Putin
Vielleicht ist Putin doch ein lupenreiner Demokrat - jedenfalls verglichen mit unseren Politikern.
weltbetrachter 10.12.2010
2. woanders hin
Das DING passt auch viel besser in den Garten unseres Altkanzlers Schröder. Das wäre dann ein "ANGEMESSENES DANKESCHÖN" !
hansmaus 10.12.2010
3. :d
Zitat von eigene_meinungVielleicht ist Putin doch ein lupenreiner Demokrat - jedenfalls verglichen mit unseren Politikern.
*haha* vergliechen mit unseren Politikern fällt er nur dadurch auf das er sportlich ist, seine Politik unterscheidet sich nur unwesentlich von dem was hier so ab läuft. Dort heißt es "Oligarch" hier heißt es "Verband der Hoteliers" der Unterschied besteht nur darin das es hierzulande für lächerliche 100.000€ eine Steuererleichterung gibt da muss die russische Halbwelt schon tiefer in die Tasche greifen ;)
robr 10.12.2010
4. Und die Waldschlößchenbrücke?
jetzt noch Dresden zur Vernunft bringen!
Mohler 10.12.2010
5. Vorsicht: Ironie!
Genau! Die dresdner Waldschlösschen Brücke ist ja schließlich das mit dem Gazprom-Hochhaus Hochhaus zu vergleichen! Genau wie man Deutschland IMMER mit Russland vergleichen sollte. x-) Und jetzt mal ein Lehrbeispiel für Demokratie: Ich habe in einem Bürgerentscheid teilgenommen -und der ist für die Waldschlösschenbrücke entschieden worden. Über das Ergebnis kann man denken, was man will. Nun wurde von allen Seiten geredet, gestritten und gedroht. Am Ende kommt ein Kompromiss heraus, für oder gegen den ich überhaupt nicht gestimmt habe (die durchaus sinnvollen Treppen werden eingespart, die Straßenbahn wird nicht über die Brücke fahren und auf der Brücke soll es eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h geben). Am Ende bewahrheitet sich die Befürchtung der Gegener: "Oh Wunder, das Projekt wird teurer als ursprünglich geplant!" Was dann wieder als Inkompetenz der Politik ausgelegt wird. Und da wären wir auch schon bei Stuttgart 21: Das Hauptargument, dass das Projekt mehr Geld als geplant kosten wird, muss sich nun zwangsweise erfüllen. Schließlich soll der Bahnhof ja nun um 25 Prozent vergrößert werden, da einige Menschen den Unterschied zwischen Kopf- und Durchgangsbahnhof nicht verstehen. Dass man von dem Geld der nun nötigen, aufwändigen Umpflanzaktionen (Achtung: Übertreibung!) ganze Staaten bewalden kann, ist ja auch egal. Hauptsache ist, dass man "denen dort oben" mal ordentlich gezeigt hat, dass "wir kleinen Männer" die Verschwendung unserer Steuergelder nicht gefallen lassen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.