Globaler Boom In der Ökostrombranche könnte es bald fast 40 Millionen Jobs geben

Rund 13 Millionen Menschen arbeiteten Ende 2021 in der globalen Erneuerbare-Energien-Branche. 2030 dürften es schon dreimal so viele sein. Welche Staaten profitieren besonders?
Beschäftigte in der Solartechnik in Nairobi

Beschäftigte in der Solartechnik in Nairobi

Foto: Thomas Imo/photothek.net / imago/photothek

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Die weltweite Beschäftigung im Bereich der erneuerbaren Energien hat im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht. 12,7 Millionen Menschen arbeiteten Ende 2021 in der Branche, 700.000 mehr als im Vorjahreszeitraum. 2030 könnten es rund 38,2 Millionen Stellen sein.

Das geht aus einer Studie der International Renewable Energy Agency (Irena) und der International Labour Organization (ILO) hervor, die dem SPIEGEL vorab vorliegt. Die Institute messen einmal im Jahr gemeinsam Trends auf dem globalen Jobmarkt und im weltweiten Erneuerbare-Energien-Sektor und denken diese in Analysen und Szenarien zusammen.

»Der Anstieg der Stellen hängt vor allem mit der wachsenden Nachfrage nach Windkraft, Solarstrom, Solarthermie, Bioenergie und Wasserkraft zusammen«, sagt Irena-Chef Francesco La Camera dem SPIEGEL. Zahlreiche Staaten und Konzerne investieren inzwischen große Summen in erneuerbare Energien. »Keine Krise der Welt, egal wie schwer, scheint daran etwas zu ändern.«

Regierungs- und Wirtschaftschefs treibe vor allem die Sorge über den Klimawandel und die brüchigen Lieferketten an – was zu einer Renationalisierung von Schlüsselindustrien und mehr Autonomiestreben im Energiesektor  führe. Hinzu komme die wirtschaftliche Erholung nach der Coronapandemie. Von all dem profitierten die Erneuerbare-Energien-Märkte. Allerdings nicht überall gleichermaßen.

Die Jobs sind der Studie zufolge ungleich über die verschiedenen Kontinente verteilt. Fast zwei Drittel der Ökostrom-Arbeitsplätze befinden sich in Asien. Allein auf China entfallen 42 Prozent der weltweiten Gesamtmenge. Die EU und Brasilien kommen auf je zehn Prozent, die USA und Indien auf jeweils sieben Prozent.

Deutschland habe in den vergangenen Jahren sogar Jobs im Erneuerbare-Energien-Sektor verloren, heißt es in der Studie. Die Bundesrepublik liege mit etwa 344.300 Arbeitsplätzen deutlich unter dem nationalen Allzeithoch von rund 416.000 Stellen, das vor genau einer Dekade im ersten Solarboom erreicht worden war. Allerdings konnte der Jobmarkt zuletzt wieder etwas zulegen.

Der mit Abstand jobstärkste Bereich der erneuerbaren Energien ist die Solarindustrie. Rund 4,3 Millionen Menschen arbeiteten Ende 2021 in dieser Unterbranche. Auch bei der Wasserkraft wuchs die Zahl der Jobs zuletzt kräftig.

In den Erneuerbare-Energien-Industrien gibt es ebenfalls große globale Ungleichgewichte. In der Region Südostasien – allem voran in China – finden sich die meisten Produktionszentren für Fotovoltaik. Brasilien ist führend bei Biokraftstoffen. Europa ist mit einem Anteil von rund 40 Prozent auf dem Weltmarkt der Windkraftanlagen führend.

Durch den Trend zur Renationalisierung wächst nun der Konkurrenzkampf in all diese Unterbranchen. So bauen auch die USA und China inzwischen eine heimische Industriebasis für Offshore-Wind auf. Und die EU will wieder eine eigene Solarindustrie hochziehen. 

Die Qualität der Arbeitsplätze im Ökostromsektor variiert stark – was vor allem an unterschiedlichen Gesetzen und Standards in verschiedenen Ländern liegt. Vor allem bei der Förderung bestimmter Rohstoffe für Ökostromanlagen gibt es große Defizite  bei Arbeitsplatzsicherheit und Umweltschutz.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr rund 257 Gigawatt an neuen Anlagen zur Ökostromproduktion installiert. Sonne und Wind machten mit 133 und 93 Gigawatt den Großteil dieses Zubaus aus. Insgesamt waren Ende 2021 weltweit Ökostromanlagen mit einer Kapazität von 3068 Gigawatt installiert. Dadurch bekommen teils auch Menschen Strom, die bisher von einer konstanten Energieversorgung abgeschnitten waren.

Allein in Entwicklungsländern bezogen geschätzt 2,6 Millionen Klein- und Kleinstunternehmen Strom aus Anlagen abseits des Netzes (Off-Grid). Die Zahl der direkt Beschäftigten lag in diesem Bereich bei mehr als 80.000 in Indien, bei je 50.000 in Kenia und Nigeria, bei fast 30.000 in Uganda und bei fast 14.000 in Äthiopien.

Eine solche dezentrale Energieversorgung steigert nicht nur die Lebensqualität. Sie ermöglicht auch den Aufbau von Stellen in anderen Wirtschaftssektoren. Allein in Äthiopien könnten dank Off-Grid-Lösungen schon 190.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden sein. Solche indirekten Effekte sind in der Studie von Irena und ILO noch gar nicht berücksichtigt.

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