EU-Sanierungsfall Iren begrüßen ausländische Retter

Für Irland schlägt die Stunde der Wahrheit: An diesem Mittwoch legt die Regierung ihren Vierjahressparplan vor. Das Volk sieht die drakonischen Einschnitte fatalistisch. Die politische Führung gilt als unfähig und ohnmächtig - IWF und EZB werden als Retter empfangen.

Demonstrant in Dublin: Protest richtet sich fast ausschließlich gegen Regierung und Banker
dpa

Demonstrant in Dublin: Protest richtet sich fast ausschließlich gegen Regierung und Banker

Aus Dublin berichtet


Das Schlimmste sind die internationalen Schlagzeilen. Von der "Schmach" und der "Demütigung" der Iren ist da zu lesen, weil sie nun bei anderen Ländern um Geld betteln müssen. Wer an den Zeitungsläden der Dubliner Innenstadt vorbeiläuft, wird unvermeidlich mit dem neuen Image Irlands in Europa konfrontiert.

"Ich schäme mich sehr", sagt Patricia Shaw. Die 59-jährige Buchhalterin hätte nicht gedacht, dass sie das noch einmal erleben müsste. In den siebziger Jahren war sie auf der Suche nach einem Job nach London ausgewandert - wie so viele ihrer Landsleute. 2002 war sie zurückgekehrt, angelockt vom irischen Wirtschaftsboom.

Und nun das.

Von der "Republik des IWF" sprechen die Kommentatoren bissig. "Unter neuem Management", ätzte der Cartoonist des "Irish Independent" und zeichnete die neuen Herren der grünen Insel: Dicke Nadelstreifen-Beamte der EU und des Internationalen Währungsfonds, die über den ohnmächtigen Premierminister Brian Cowen wachen.

Am Sonntagabend war die irische Regierung nach wochenlangem Widerstand eingeknickt und hatte Hilfe aus dem europäischen Rettungsfonds von IWF und EU beantragt. Damit wurde der einst stolze keltische Tiger nach Griechenland zum zweiten offiziellen Sanierungsfall Europas. Das irische Paket (bis zu 90 Milliarden Euro sind im Gespräch) ist gemessen an der Wirtschaftsleistung sogar noch größer als das griechische.

Selbst von den Briten, von denen die Iren einst vor 88 Jahren die Unabhängigkeit erkämpft haben, müssen sie sich nun wieder finanzieren lassen. Der große Nachbar hat sich bereit erklärt, sieben Milliarden Euro beizusteuern. Was Irland für die Hilfe im Gegenzug zu opfern hat, wird gerade noch mit den IWF-Experten verhandelt.

"Besser Chopra als unser hoffnungsloser Haufen"

Auf Dublins Straßen hält sich der Ärger über die Bevormundung aus dem Ausland jedoch in Grenzen. Die Passanten in der Fußgängerzone sind eher erleichtert, dass endlich jemand der konservativ-grünen Regierung auf die Finger schaut. "Ich bin sehr froh, dass der IWF hier ist", sagt die Zahnärztin Margaret Shannon. "Die Regierung ist inkompetent und korrupt."

"Die Leute sind begeistert, dass nun die Experten das Sagen haben", bestätigt Brian Lucey, Volkswirt am Trinity College Dublin. Nach Zeichen des Protests muss man in der irischen Hauptstadt daher länger suchen. Ein einsames Plakat der sozialistischen Partei hängt an einem Laternenmast vor dem Parlament und lädt zu einer "öffentlichen Versammlung" gegen die IWF-Rosskur ein.

Der Volkszorn richtet sich vor allem gegen die Regierung von Premierminister Cowen, die am Mittwochnachmittag ihren Vierjahressparplan vorlegen will. Der konservative Politiker hat jegliches Vertrauen verspielt. Nachdem der grüne Juniorpartner ihm am Montag die Gefolgschaft aufkündigte und ihn so zur Ankündigung von Neuwahlen Anfang 2011 zwang, erscheint Cowens Rücktritt nur noch als eine Frage der Zeit.

In den vergangenen Tagen hatte sich die Verzweiflung über die politische Führung vereinzelt Bahn gebrochen: Minister, die in ihren Dienstwagen vorfuhren, wurden beschimpft. Ein paar Dutzend Anhänger der Oppositionspartei Sinn Fein stürmten den Regierungssitz. Am Montagabend gab es in der Talkshow "Frontline" des irischen Senders RTE wütende Angriffe auf den grünen Energieminister Eamon Ryan. Für Samstag rufen die Gewerkschaften zu einer Großdemo mit mehreren zehntausend Teilnehmern auf.

Die Emissäre von IWF und EU hingegen werden eher als Retter wahrgenommen. "Besser Chopra als unser hoffnungsloser Haufen", fasste der "Irish Independent" den Tenor der Leserbriefe zusammen, die in der Redaktion eingegangen waren. Ajai Chopra ist der Leiter des IWF-Expertenteams in Dublin.

"Wir wissen, dass wir die Medizin schlucken müssen", sagt Shaw. "Wir haben jahrelang gefeiert, jetzt müssen wir dafür büßen. Es ist ein sehr katholisches Schuldgefühl."

Und so wird der Vierjahressparplan der Regierung mit einem gewissen Fatalismus erwartet. Die Rahmendaten sind bereits bekannt: 15 Milliarden Euro sollen bis 2014 eingespart werden, davon sechs Milliarden Euro allein im nächsten Jahr. Einzelne Details sind schon durchgesickert, die Einschnitte werden kaum eine Bevölkerungsgruppe verschonen:

  • Zum ersten Mal soll eine Grundsteuer erhoben werden.
  • Der Mindestlohn soll um einen Euro auf 7,65 Euro gekürzt werden.
  • Die Einschreibegebühr für Studenten soll von 1500 auf mehr als 2000 Euro pro Jahr steigen.
  • Die Einkommensteuerschwelle soll gesenkt werden.
  • Transferleistungen wie Kindergeld, Wohngeld und Arbeitslosengeld werden bis 2014 um elf Prozent gekürzt.
  • Im Öffentlichen Dienst sollen 20.000 Stellen abgebaut werden.

In anderen europäischen Ländern würden die Bürger vermutlich auf die Straße gehen. Nicht so in Irland: Die meisten haben längst resigniert. Stephen Geoghegan, 53, Gärtner am Trinity College in Dublin, richtet sich auf eine deutliche Gehaltskürzung ein. Derzeit bringt er 509 Euro pro Woche nach Hause. "Was soll ich machen?", fragt er. "Wir müssen es halt akzeptieren."

"Wieso müssen wir dich jetzt mitfinanzieren?"

Tatsächlich hat sich der irische Staat in den fetten Jahren einigen Luxus geleistet. Die öffentlich Bediensteten zählen zu den am besten verdienenden Beamten in Europa. Der Mindestlohn ist der zweithöchste in Europa, die Körperschaftsteuer für Unternehmen mit 12,5 Prozent die niedrigste.

Der Klempner Brian D., 50, hält einen radikalen Abbau des Sozialstaats daher für überfällig. "Die Regierung hat es den Leuten zu einfach gemacht, nicht zu arbeiten", sagt der Kleinunternehmer. "Sie haben den Sozialstaat immer weiter ausgebaut, um Wählerstimmen zu kaufen. Das muss jetzt wieder gekürzt werden. Dann sinken auch die Preise endlich."

Er begrüßt die IWF-Rettung, "wenn sie die Banken dazu zwingt, das Geld an Unternehmen und Privatleute weiterzugeben". Sein Geschäft sei fast zum Erliegen gekommen, weil es keine Kredite mehr für Hauskauf und Renovierung gebe.

Dass die irische Regierung nun Vorgaben aus Brüssel und Washington erhält, stört den Klempner nicht. "Wenn wir ehrlich sind, waren wir nie unabhängig", sagt er. Der Boom sei schließlich auch durch EU-Fördergelder und US-Investitionen finanziert worden.

Unangenehm ist vielen die Hilfe aus dem Ausland aber doch - auch weil sie die Kritik aus den Partnerländern laut und deutlich vernehmen. "Meine britischen Kollegen fragen mich: Wieso müssen wir dich jetzt mitfinanzieren?", erzählt Laura Geraghty, 21, die im nordirischen Belfast studiert und in einem Callcenter arbeitet.

Laut Finanzprofessor Lucey wird die Rettungsaktion jedoch nur Sinn machen, wenn der irische Bankensektor grundlegend restrukturiert wird. Seiner Vorstellung nach sollten am Ende nur wenige, dafür aber solide finanzierte Geldinstitute übrigbleiben - die vielleicht sogar im Besitz ausländischer Großbanken wie der Deutschen Bank oder der spanischen Santander sind.

Leider sehe es im Moment so aus, als wollten IWF und Europäische Zentralbank (EZB) primär sicherstellen, dass die internationalen Gläubigerbanken Irlands ihr Geld erhielten und die Kosten auf die irischen Steuerzahler abgewälzt werden, sagt Lucey. Die Gläubiger, darunter neben britischen vor allem deutsche Banken, müssten jedoch unbedingt an den Verlusten der irischen Immobilienspekulationen beteiligt werden. Lucey: "Es hilft nicht, wenn wir am Ende mit noch mehr Schulden dastehen."

insgesamt 57 Beiträge
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lemming51 24.11.2010
1. Oh ja !
Zitat von sysopFür Irland schlägt die Stunde der Wahrheit: An diesem Mittwoch legt die Regierung ihren Vier-Jahres-Sparplan vor. Das Volk sieht die drakonischen Einschnitte*fatalistisch. Die politische Führung gilt als unfähig und ohnmächtig - IWF und EZB werden als Retter empfangen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,730787,00.html
Oh ja, das würde ich als Otto Normalire wohl auch.
wintersommer, 24.11.2010
2. Zins
Schon nicht schlecht, wenn man den Zins als Risikoausschlag verkauft, und dann kein Risiko hat.
joswig 24.11.2010
3. .
Tja Wintersommer, Sie hätten ja irische Staatsanleihen kaufen können.
brux 24.11.2010
4. Nun ja
Da alle beim Boom kräftig mitgemischt haben, müssen einem die Iren nicht wirklich Leid tun. Aber erfrischend ist der Unterschied zu den Griechen schon: Die haben gelogen und betrogen und haben am Ende die Frechheit besessen, den IMF und die EU für ihre eigene Blödheit verantwortlich zu machen.
aristophanis, 24.11.2010
5. titel : feta bleibt griechisch
Zitat von sysopFür Irland schlägt die Stunde der Wahrheit: An diesem Mittwoch legt die Regierung ihren Vier-Jahres-Sparplan vor. Das Volk sieht die drakonischen Einschnitte*fatalistisch. Die politische Führung gilt als unfähig und ohnmächtig - IWF und EZB werden als Retter empfangen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,730787,00.html
ich glaube nicht dass das irische volk so dumm ist um die IWF zuhälter als retter zu sehen. ein propaganda mechanismus /meinungsmache in den massenmedien wurde im gang gesetzt um die iren ruhig zu halten. was die IWF in ein land bringt und wie die menschen danach reagieren zeigt das beispiel griechenland.
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