Euro-Debatte Warum die Angst vor Inflation unbegründet ist

Viele Finanzexperten warnen vor Inflation, dabei spricht derzeit nichts für eine schnellere Geldentwertung. Daran ändern auch die milliardenschweren Rettungsprogramme für Banken und Euro nichts. Im Gegenteil - Europa steht ein deutlich schlimmeres Szenario bevor: fallende Preise.
Von Gustav A. Horn
Euro: Die Inflationsrate liegt derzeit bei rund einem Prozent

Euro: Die Inflationsrate liegt derzeit bei rund einem Prozent

Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Inflation

Kaum eine Nachrichtensendung vergeht in diesen Tagen, ohne dass ein ernst blickender Experte mit Schauder in der Stimme vor und weichem Euro warnt. Kaum ein Wirtschaftsartikel erscheint, in dem nicht das grauenvolle Gemälde einer vom rasanten Preisanstieg geplagten Wirtschaft gezeichnet wird.

Europäische Zentralbank

Stehen wir also kurz davor, dass Einkommen und Vermögen dahinschmelzen, weil unser Geld von Tag zu Tag immer weniger wert wird? Spricht nicht auch die Flucht in das scheinbar wertbeständige Gold für die drohende Inflation? Und ist es nicht tatsächlich so, dass die Schleusen zum Gelddrucken geöffnet sind - jetzt, da die (EZB) Staatsanleihen aufkauft, um EU-Länder vor Spekulanten in Schutz zu nehmen?

So naheliegend ein dreifaches "Ja" auf diese Fragen auch ist - die Realität sieht anders aus. Die Inflationsrate liegt derzeit bei knapp einem Prozent, also sogar unterhalb des Ziels der EZB von zwei Prozent. Das gilt erst recht, wenn man den - ausschließlich von außen kommenden - Inflationsdruck durch steigende Rohstoffpreise abzieht.

In der Tat ist die Preisstabilität verletzt. Aber nicht etwa durch inflationäre Tendenzen, sondern weil der Preisauftrieb geringer ist als der Wert, den die Zentralbank für optimal hält. Steigen die Preise kaum, ist eher das Gegenteil von Inflation zu befürchten: eine Deflation - also eine Phase dauerhaft sinkender Preise.

Etwas mehr Inflation wäre derzeit wünschenswert

Die meisten Bürger und auch manche Ökonomen neigen dazu, die Deflation als das kleinere Übel einzuschätzen. Doch das ist ein fataler Irrtum. Eine Deflation ist extrem gefährlich, weil stetig fallende Preise dazu führen, dass private Haushalte ihren Konsum verschieben, das gleiche tun Unternehmen mit ihren Investitionen. Schließlich wird alles von Tag zu Tag billiger.

Wenn aber alle heute weniger ausgeben, nehmen auch alle weniger ein. Das Ergebnis ist eine tiefe Wirtschaftskrise, die nur schwer zu überwinden ist. Wir kennen diese Situation aus den frühen dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Um eine solche Situation zu vermeiden, strebt die EZB zu Recht an, die Inflationsrate in einem Sicherheitsabstand zur Nulllinie zu halten. Dieser ist im Moment nicht gewahrt, also wäre kurzfristig etwas mehr Inflation durchaus wünschenswert.

Die Inflations-Mahner schauen jedoch nicht auf die Gegenwart, sie blicken nur in die Zukunft. Dann, so ihre Angst, würde sich die enorme Liquiditätszufuhr, welche die EZB gegenwärtig durch den Kauf von Staatsanleihen erzeugt, in stark steigenden Preisen niederschlagen. Zudem sei die Glaubwürdigkeit der EZB dahin, da sie jetzt offensichtlich unter politischem Druck genau das tue, wogegen sie sich immer gewehrt habe, nämlich die Märkte mit Geld zu fluten.

Die entscheidende Frage ist also, ob und wie die hohe Liquidität sich in Inflation verwandelt. So ohne weiteres geschieht dies freilich nicht, denn allein das Vorhandensein von viel Geld lässt noch keine Preise steigen. Zu Preissteigerungen kommt es erst, wenn dieses Geld auch ausgegeben wird und die aktuelle oder erwartete wirtschaftliche Lage so gut ist, dass der Markt höhere Preise überhaupt zulässt.

Ein harter Sparkurs ist die größte Gefahr

Wenn private Haushalte also unbedingt konsumieren und Unternehmen unbedingt investieren wollen, werden die Preise steigen. Wenn dann noch die Beschäftigung steigt und die Gewerkschaften immer höhere Löhne durchsetzen, mit denen sie die Preissteigerungen zu übertrumpfen versuchen, dann sind alle Voraussetzungen erfüllt - und die reichlich vorhandene Liquidität mündet in eine Inflationsspirale.

Doch selbst die optimistischsten Prognosen gehen nicht davon aus, dass eine derartige Konstellation in absehbarer Zeit eintreten könnte. Das Produktionsniveau in Europa liegt noch weit unter dem Niveau vor der Krise. Die Kapazitäten sind nicht ausgelastet, die Arbeitslosigkeit ist hoch. In einer solchen Situation können weder die Unternehmen hohe Preissteigerungen noch die Gewerkschaften hohe Lohnzuwächse durchsetzen. Mit anderen Worten: Der Inflation fehlt jeglicher Nährboden.

Griechenland-Krise

Die größte Gefahr für die nahe Zukunft ist eine ganz andere. Sie besteht darin, dass unter dem Schock der in vielen EU-Ländern der Ruf nach einem überstürzten Sparkurs ohne Rücksicht auf Verluste zum Selbstläufer wird. Das vergrößert wiederum das Risiko deflationärer Entwicklungen, weil die Nachfrage wegbricht.

Die EZB kann die Inflation jederzeit im Keim ersticken

Die gegenwärtigen Inflationssorgen gründen sich denn auch eher auf den Erzählungen der Großeltern über die massive Geldentwertung nach dem Zweiten Weltkrieg und aus den Erfahrungen der siebziger und frühen achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Damals war die Lage aber jeweils völlig anders als heute. Nach dem Krieg waren die Produktionsanlagen zerstört, während die Geldmenge unverändert geblieben war. Die heutigen Produktionsanlagen sind aber noch am Markt und können genutzt werden. Und in den siebziger Jahren stand die Wirtschaft anders als heute lange unter Volldampf, so dass Lohn- und Preissteigerungen mühelos durchgesetzt werden konnten.

Bei alledem darf auch ein zentraler Aspekt nicht vergessen werden: Die EZB ist jederzeit in der Lage, eine Inflation im Keim zu ersticken. Sollten sich nur leichte Hinweise auf eine Inflationstendenz andeuten, kann sie die Liquidität, die sie dem Markt heute durch den Kauf von Staatspapieren zur Verfügung stellt, ohne weiteres durch deren Verkauf wieder entziehen. Im Fall des Bankensektors hat sie genau dies in den vergangenen Monaten bereits getan. Und niemand wird die EZB in Zukunft daran hindern.

Inflationsgefahren muss man ernst nehmen. Aber sie sind zurzeit wirklich nicht das Problem.

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