Kampf gegen hohen Wechselkurs Der Fluch des starken Euro

Der Euro stand kurz vor dem Kollaps, erst zwei Jahre ist das her. Jetzt ist der Wechselkurs der Währung so hoch gestiegen wie selten zuvor. Doch für die Krisenländer im Süden ist die neue Stärke eine Horrornachricht.
EZB-Chef Draghi: Am schwächsten Glied der Kette orientieren

EZB-Chef Draghi: Am schwächsten Glied der Kette orientieren

Foto: dapd

Hamburg - Mario Draghi versucht derzeit alles, um Investoren den Euro madig zu machen. Am Wochenende schlug er besonders prominent zu. "Die Stärkung des Wechselkurses würde eine weitere Anpassung der Geldpolitik nötig machen", drohte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) bei der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington.

Es war ein Signal an die Anleger: Wenn ihr den Euro-Kurs weiter so hochtreibt, werden wir euch das Investment mit niedrigen Zinsen vermiesen.

Was zunächst wie ein weiteres Kapitel im weltweiten Währungskampf klingt, ist in Wahrheit ein bemerkenswerter Kursschwenk. Das gilt noch mehr, da Draghi seine Warnung ausgerechnet bei der Tagung des IWF ausgesprochen hat - einer Institution, die eigentlich jegliche Wechselkursmanipulation ablehnt. So hatte IWF-Chefin Christine Lagarde noch ein Jahr zuvor bei gleichem Anlass die japanische Politik der Yen-Schwächung verdammt.

Dieses Mal hatte Lagarde offenbar kein Problem mit Draghis Ankündigung. "Die EZB hat in Washington einen Freibrief bekommen, den Euro zu schwächen", sagt Hans Redeker von der US-Bank Morgan Stanley. Die Lage in Europa scheint so ernst zu sein, dass sie sich nur noch mit extremen Mitteln lösen lässt.

Tatsächlich ist das vielleicht größte Problem des Euro derzeit seine Stärke. Dümpelte der Wechselkurs zum Dollar Mitte 2012 noch bei 1,20 Dollar, kratzt er mittlerweile wieder an der Marke von 1,40 Dollar.

Euro-Kurs seit Mitte 2012: So stark wie selten zuvor

Euro-Kurs seit Mitte 2012: So stark wie selten zuvor

Foto: SPIEGEL ONLINE

Das hört sich erst mal toll an, ist aber in Wahrheit ziemlich gefährlich. Denn für die Wirtschaft der meisten Euro-Staaten ist der Kurs deutlich zu hoch. Durch die starke Währung werden ihre Produkte im Ausland zu teuer und verkaufen sich deutlich schlechter.

Das trifft vor allem solche Länder, die ohnehin seit Jahren in der Krise stecken und eigentlich gerade dabei waren, kleine Fortschritte zu machen: Spanien etwa, Portugal oder Griechenland. Es trifft aber auch zwei ökonomische Schwergewichte der Euro-Zone, die derzeit immer tiefer in die Misere rutschen: Italien und Frankreich.

Für die meisten Länder ist der Euro viel zu teuer

Morgan-Stanley-Ökonom Redeker hat ausgerechnet, welcher Euro-Kurs für die einzelnen Länder der Währungsunion eigentlich passen und ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht gefährden würde. Dabei hat er die Lohnstückkosten als Maßstab der Wettbewerbsfähigkeit genommen, also die Arbeitskosten im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Das Ergebnis ist besorgniserregend: Ein Euro-Kurs von 1,38 Dollar wäre etwa für Spanien 8 Prozent zu hoch, für Frankreich 11, für Italien 15 und für Griechenland sogar sagenhafte 26 Prozent (siehe Tabelle).

Diesen Wechselkurs vertragen die Euro-Staaten

Deutschland 1,52
Irland 1,39
Österreich 1,36
Finnland 1,27
Spanien 1,27
Portugal 1,27
Frankreich 1,23
Niederlande 1,22
Belgien 1,20
Italien 1,18
Griechenland 1,02
Real effektiver Wechselkurs Euro in Dollar
Quelle: Morgan Stanley

Für Deutschland ist der Euro demnach eher zu schwach. Erst bei einem Kurs von 1,52 Dollar bekäme die hiesige Exportwirtschaft Probleme.

So ähnlich sieht es auch Volker Treier, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). "Für die deutsche Wirtschaft ist der aktuelle Euro-Kurs kein Problem", sagt Treier. Bei den meisten deutschen Exportgütern wie zum Beispiel hochwertigen Maschinen seien die "Kosten weniger entscheidend als das Qualitätsversprechen". Anders ist die Lage in Ländern wie Spanien, Italien oder Portugal, die viele Lebensmittel oder Textilien exportieren, und wo die Kosten eine größere Rolle spielen.

Für die Unternehmen in diesen Ländern wird das neu gewonnene Vertrauen der Finanzmärkte und der damit einhergehende Euro-Kursanstieg zum echten Problem - oder wie Treier es formuliert: "Alles Gute bringt auch ein bisschen Schlechtes mit sich."

Fotostrecke

Gefährlicher Preisverfall: Wie Deflation entsteht

Foto: SPIEGEL ONLINE

Das dürfte durchaus noch untertrieben sein, denn hinter der Wechselkurs-Gefahr lauert noch eine deutlich größere: die Deflation. In einigen Euro-Ländern fallen die Preise bereits. Wenn dort nun noch ein dauerhaft zu hoher Wechselkurs hinzukommt, hemmt das die Wirtschaft weiter. Es droht eine Spirale aus niedrigeren Investitionen und sinkenden Löhnen, aus der man nur schwer wieder rauskommt. "Wenn man nicht aufpasst", warnt Redeker, "hat man schnell eine langfristige Veränderung des wirtschaftlichen Verhaltens."

Dieses Risiko hat auch EZB-Chef Draghi im Auge, wenn er Schritte gegen den starken Euro-Kurs ankündigt. Ob die Worte reichen, oder Draghi tatsächlich Taten folgen lassen muss, ist offen. Auf der Sitzung des Notenbankrats Anfang April holte sich der EZB-Präsident jedenfalls schon mal Rückendeckung für ein mögliches Anleihekaufprogramm, das die Zinsen drücken und damit auch den Euro unattraktiver machen würde.

Doch wie tief müsste der Wechselkurs fallen, um eine Deflation sicher zu vermeiden? "Die EZB sollte sich am schwächsten bedeutenden Glied der Kette orientieren, also an Italien", meint der Banker Redeker. "Tut sie das nicht, besteht die Gefahr, dass die Kette bricht."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.