Anzeige

Eurokrise

"Die Lage in Frankreich ist sehr beunruhigend"

Kehrt die Eurokrise zurück? Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer warnt vor neuen Gefahren. Die Kritik der US-Regierung an Deutschlands Exportüberschüssen hält er für unbegründet.

Ein Interview von

AFP

Europäische Zentralbank in Frankfurt

Donnerstag, 16.02.2017   10:11 Uhr

Anzeige

SPIEGEL ONLINE: Deutschland exportiert so viel wie noch nie - und viel mehr als es importiert. Der Leistungsbilanzüberschuss ist der größte der Welt. Vor allem in den USA sorgt das für Unmut. Ein Berater von Präsident Trump sprach jüngst von Ausbeutung. Was ist da dran?

Krämer: Die Leistungsbilanzen bilden zum großen Teil zunächst nur die Kauf- und Sparentscheidungen der Verbraucher ab. Wenn sich die Amerikaner dazu entschließen, deutsche Autos zu kaufen, dann ist das so. Und wenn die Deutschen ihr Geld lieber sparen als für den Konsum ausgeben, dann sollte man das auch akzeptieren.

Anzeige

SPIEGEL ONLINE: Es sind ja nicht nur die Verbraucher, auf die es ankommt, auch die Unternehmen und der Staat investieren in Deutschland derzeit sehr wenig.

Krämer: Richtig. Und was den Staat betrifft, ließe sich das sicher ändern durch mehr öffentliche Investitionen, etwa in Infrastruktur oder Bildung. Aber schon bei den Unternehmen wird es schwierig. Wenn ich einem mittelständischen Firmeninhaber sage, er investiere zu wenig, wird der mir zu Recht antworten: Das lassen Sie mal meine Sorge sein. Ich investiere genau so viel, wie ich es als Unternehmer für richtig halte.

Anzeige

SPIEGEL ONLINE: Die USA behaupten auch, Deutschland manipuliere die eigene Währung. Ein schwacher Euro helfe deutschen Firmen, ihre Produkte günstiger im Dollar-Raum zu verkaufen.

Krämer: Das stimmt nicht. Der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands gegenüber den USA ist im Vergleich zu vor 20 Jahren gestiegen, obwohl der Wechselkurs des Euro heute in etwa da steht, wo er auch damals stand. Es muss also andere Gründe geben.

SPIEGEL ONLINE: Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ist aber nach allgemeiner Überzeugung derzeit viel zu locker für Deutschland. Die Wirtschaft wächst hierzulande kräftig, entsprechend müssten die Zinsen längst wieder steigen. Tun sie aber nicht.

Krämer: Ja, die Leitzinsen für Deutschland müssten eigentlich bei 2,5 oder 3 Prozent liegen. Stattdessen liegen sie bei null Prozent. Das heizt die Preise für Aktien und Immobilien an. Ich halte das Risiko für real, dass wir in ein paar Jahren eine Immobilienblase haben, deren Platzen großen Schaden anrichten könnte.

SPIEGEL ONLINE: Die EZB kann die Zinsen aber nicht anheben, weil die Wirtschaft in anderen Ländern, wie etwa Italien, schwächelt und die Preise sogar fallen. Hinzu kommt eine neue politische Unsicherheit durch die anstehenden Wahlen in den Niederlanden und Frankreich, wo Rechtspopulisten an die Macht kommen könnten. Wie stabil ist die Eurozone?

Krämer: Die Lage in Frankreich ist natürlich sehr beunruhigend - für die gesamte Eurozone. Das sieht man auch an den Risikoaufschlägen für Staatsanleihen. Der Zinsabstand zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen ist so groß wie im Krisenjahr 2012.

SPIEGEL ONLINE: Damals drohte die Eurozone auseinanderzubrechen. Auch jetzt wetten einige Hedgefonds schon wieder darauf. Ist das ein realistisches Szenario?

Krämer: Die Wahrscheinlichkeit ist nicht bei null, aber ich glaube nicht, dass die Währungsunion auseinanderfällt. Da hängt einfach zu viel dran. Und die EZB hat scharfe Waffen, das hat sie schon 2012 gezeigt. Die Frage ist nur, welche Art von Währungsunion wir bekommen, wenn die EZB diese Waffen dauerhaft einsetzen muss. Und ob die Wähler das wollen.

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung