EZB senkt Zins auf Null Volles Risiko

Ist das Mario Draghis letzte Schlacht? Der EZB-Chef überschüttet die Banken mit Geld zum Nullzins - und legt noch was drauf, wenn sie es endlich verleihen. Das klingt nach einer Verzweiflungstat.
EZB senkt Zins auf Null: Volles Risiko

EZB senkt Zins auf Null: Volles Risiko

Foto: Fredrik von Erichsen/ picture alliance / dpa

Die Tragweite der Entscheidung war Mario Draghi kaum anzumerken. Mit seinem typischen Spitzbubenlächeln verkündete der EZB-Präsident am Donnerstag ein Paket, das die klassische Finanzwelt auf den Kopf stellt. Das eherne ökonomische Gesetz, dass Zinsen erhält, wer anderen Geld leiht, ist weitgehend gekippt - mit allen Konsequenzen.

Die Erwartungen an Draghi waren hoch. Er müsse "die alte Magie wieder herstellen", hatte noch am Mittwoch ein Finanzanalyst auf dem Finanzsender Bloomberg TV gefordert. Schließlich sei Draghi das Wichtigste, was Europa noch zu bieten habe.

Der Mann dürfte nicht enttäuscht worden sein. Das Paket, das Draghi am Donnerstag verkündete, geht weit über das hinaus, was die meisten Beobachter erwartet hatten:

  • Der Leitzins, zu dem sich Banken kurzfristig Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) leihen können, wurde überraschend gesenkt - von bisher 0,05 auf nun 0,00 Prozent (siehe Grafik). Ein kleiner Schritt nur, aber ein symbolisch wichtiger. Denn die Finanzinstitute bekommen jetzt offiziell Geld zum Nulltarif - und zwar so viel, wie sie wollen.

  • Damit nicht genug: Auch langfristige Kredite können sich die Banken künftig für lau bei der EZB abholen. Im Juni soll das erste Programm starten, indem die Notenbank Vierjahresdarlehen vergibt. Wie viel Geld sich jede Bank dabei leihen kann, wird davon abhängig gemacht, wie viele Kredite sie selbst an Unternehmen und Verbraucher vergibt. Erreicht sie bei der Kreditvergabe eine bestimmte Schwelle, sinkt der Zinssatz für das von der EZB erhaltene Darlehen unter Null. Das heißt: Die Bank bekommt zusätzlich zum Kredit noch Geld geschenkt. Insgesamt sollen vier solcher Langfristprogramme laufen. Das letzte endet im März 2021.

  • Auch umgekehrt gilt mittlerweile der Minuszins. Wenn eine Bank überschüssiges Geld bei der EZB parkt, muss sie dafür als Strafe Negativzinsen zahlen. Das gilt schon seit Mitte 2014. Nun wurde der sogenannte Einlagensatz aber noch einmal gesenkt - von -0,3 auf -0,4 (siehe Grafik).

  • Zu guter Letzt wird auch das Anleihekaufprogramm der EZB massiv ausgeweitet. Bisher kauft die Notenbank Wertpapiere im Volumen von 60 Milliarden Euro pro Monat am Markt auf - vor allem Staatsanleihen. Ab April erhöht sich die Summe auf monatlich 80 Milliarden Euro. Bis Ende März 2017 will die EZB so Anleihen im Volumen von gut 1,7 Billionen Euro aufkaufen. Und damit es auch noch genug Papiere auf dem Markt gibt, die die Notenbank kaufen kann, weitet sie das Programm auf Anleihen von Unternehmen aus. Sie kauft also Schulden von privaten Firmen - ein massiver Eingriff in das Wirtschaftsgeschehen.

Mit den Maßnahmen wollen Draghi und seine Kollegen die Banken dazu bringen, mehr Kredite zu vergeben. Dann, so die Hoffnung der Notenbanker, werde auch das Wirtschaftswachstum wieder anziehen und die Preise werden wieder steigen.

Und genau das ist das erklärte Ziel der Notenbanker: Sie wollen eine Deflation verhindern, in der Preise und Löhne dauerhaft sinken und die Wirtschaft lähmen. Deshalb haben sie sich eine Marke von "knapp unter zwei Prozent" als Ziel gesetzt: So stark sollen die Verbraucherpreise jedes Jahr steigen - nicht mehr, aber auch nicht viel weniger, um nicht in die Nähe sinkender Preise zu geraten.

Genau das ist aber das Problem: In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat die EZB dieses Ziel nicht einmal mehr annähernd erreicht. Zwischendurch sanken die Preise sogar. Im Februar etwa lagen sie 0,2 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor - für die EZB ein absolutes Alarmzeichen und offenbar ein Grund, nun umso entschlossener zu handeln.

Umstritten ist allerdings, wie weit die Maßnahmen der EZB überhaupt dabei helfen können, die Kreditvergabe anzuregen - und ob sie im Verhältnis zu ihrer Wirkung nicht zu viele und zu starke Nebenwirkungen mit sich bringen.

"Die Maßnahmen der EZB werden immer verzweifelter, aber nicht besser", meint etwa Jörg Rocholl, Präsident der European School of Management and Technology (ESMT). "Es drängt sich zunehmend der Eindruck auf, dass die EZB sich mit ihren Maßnahmen verhebt." Sie greife zu "immer größeren Kalibern statt einzugestehen, dass die Grenzen der Geldpolitik erreicht sind".

Tatsächlich gibt es mehrere Kritikpunkte, die gegen Draghis Programm sprechen:

  • So ist zum einen fraglich, ob es wirklich am Preis des Geldes liegt, wenn viele Unternehmen nicht genügend Kredite aufnehmen, um zu investieren. Oder ob es nicht vielmehr an der hohen Unsicherheit über die Lage der Weltwirtschaft und den hohen Schulden liegt, die nicht nur die Staaten, sondern auch Unternehmen und Verbraucher in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten angehäuft haben.

  • Manche Experten sehen zudem gerade in den Strafzinsen für Banken ein katastrophales Instrument, weil es die ohnehin schwachen Banken der Eurozone noch weiter schwäche. Denn um die Kosten für die Strafzinsen zu tragen, haben die Banken nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie holen es sich über höhere Gebühren von ihren Kunden, oder sie knappsen das Geld von ihren ohnehin niedrigen Gewinnmargen ab. Beides hilft der Wirtschaft kaum weiter.

  • Hinzu kommen die verheerenden Nebenwirkungen des Billiggelds auf die Finanzmärkte. Jeder Sparer dürfte bereits gemerkt haben, dass er für sein Geld praktisch keine Zinsen mehr bekommt. Sollte dieser Zustand von Dauer sein, wird auch die Altersvorsorge in Form von Lebens- und Rentenversicherungen dramatisch dahinschmelzen.

  • Dagegen profitieren die Aktien- und Immobilienmärkte. Dorthin fließt das billige Geld, das Draghi und seine Kollegen in die Welt pumpen - und dort steigen auch die Preise, und zwar kräftig. Laut dem Flossbach von Storch Research Institute legten die sogenannten Vermögenspreise allein im vergangenen Jahr um knapp acht Prozent zu. Experten warnen bereits seit Längerem davor, dass die EZB durch ihre Zinspolitik die Preise verzerre - und damit gewaltige Spekulationsblasen aufpumpe. Wenn diese Blasen platzen, könnte die Welt in eine neue, schwere Finanzkrise taumeln.

Zusammengefasst: Die Europäische Zentralbank (EZB) und ihr Chef Mario Draghi haben fast alle Experten überrascht: Das Programm, mit dem sich Draghi gegen die Gefahr fallender Preise stellt, ist deutlich größer und radikaler als gedacht. Faktisch schafft die EZB den Zins damit weitgehend ab - zumindest vorübergehend. Ob diese Politik hilft, ist unklar. Sicher ist jedoch, dass sie viele Risiken birgt.

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