Mögliche Zahlungsausfälle von Evergrande Chinesische Behörde warnt Banken

Dem chinesischen Immobilienkonzern Evergrande droht das Geld auszugehen, Banken werden bereits vor Zahlungsausfällen gewarnt. Die Ratingagentur Fitch glaubt jedoch, dass Chinas Führung eine Eskalation verhindern wird.
Evergrande-Gebäude in Hongkong

Evergrande-Gebäude in Hongkong

Foto: Edmond So / imago images / ZUMA Wire

Vor dem Firmensitz des verschuldeten Immobilienriesen Evergrande protestieren wütende Demonstranten – und Anleger fürchten im Falle einer Pleite eine Finanzkrise. Nun wird publik, dass die chinesische Wohnbaubehörde Banken offenbar bereits vor Zahlungsausfällen gewarnt hat. Das berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Insider. Demnach werde Evergrande nicht in der Lage sein, die am 20. September fälligen Zinsen für Kredite zu bedienen. Das Unternehmen befinde sich schon seit dieser Woche in Gesprächen mit Finanzinstituten.

Auf dem chinesischen Immobilienriesen lasten Schulden von insgesamt mehr als 300 Milliarden Dollar. Doch die Ratingagentur Fitch beruhigt: Ihrer Meinung nach sind Zahlungsausfälle bei dem Immobilienkonzern für das chinesische Bankensystem in Gänze verkraftbar.

Jedoch dürften kleinere Institute einen deutlichen Zuwachs an faulen Krediten in ihren Bilanzen spüren, hieß es in einem Bericht von Fitch. Ein Stresstest der chinesischen Zentralbank habe ergeben, dass die durchschnittliche Eigenkapitalquote der rund 4000 Banken in der Volksrepublik nur geringfügig sinken würde, wenn die Zahl der ausfallgefährdeten Darlehen bei Immobilienkonzernen zunähme.

Auch die Auswirkungen auf die Häuserpreise bei einem möglichen Zusammenbruch des zweitgrößten Immobilienentwicklers Chinas seien gering, schreiben die Fitch-Analysten. Es sei davon auszugehen, dass sich die Regierung einschalten werde, um die Interessen der Haushalte zu schützen.

Fitch hatte das Rating von Evergrande vor einer Woche von der Note »CCC+« auf »CC« zurückgestuft. Das entspricht einem »sehr hohen Kreditrisiko« und bedeutet, dass die Experten der Ratingagentur die Wahrscheinlichkeit von Kreditausfällen höher einschätzten.

Am Mittwoch fielen die Aktien des Konzerns auf den tiefsten Stand seit 2014. Nach einem Kursrutsch von mehr als 20 Prozent wurde der Handel mit der bis Mai 2023 laufenden Anleihe von China Evergrande an der Börse Shenzen ausgesetzt. Auch andere Anleihen des Konzerns gaben nach, dürfen aber weiter gehandelt werden.

Konzern bietet Kunden Parkplätze statt Geld

In der südchinesischen Stadt Shenzhen versammelten sich am Mittwoch den dritten Tag in Folge Demonstranten vor dem Firmensitz des verschuldeten Immobilienriesen. Ein Firmenvertreter habe den verärgerten Geschäftspartnern statt Geld Wohnungen, Parkplätze oder Lagerräume angeboten, berichteten Demonstranten einer Reporterin der Nachrichtenagentur AFP. »Doch das können wir nicht brauchen. Keiner von uns hat zugestimmt«, sagte eine Frau namens Wang.

Demonstranten vor Evergrande-Zentrale in Shenzen

Demonstranten vor Evergrande-Zentrale in Shenzen

Foto: DAVID KIRTON / REUTERS

Wohnungskäufer, Lieferanten und Handwerker sowie Kleinanleger fürchten die Pleite von Evergrande. Am Dienstag warnte der Konzern, es gebe keine Garantie, dass das Unternehmen all seinen finanziellen Verpflichtungen werde nachkommen können.

Der Konzern ist in mehr als 280 chinesischen Städten präsent und eins der größten Privatunternehmen in der Volksrepublik. Ende Juni lag der Bestand an Wohnungen im Bau nach Angaben der Beratungsfirma Capital Economics bei 1,4 Millionen, ihr Wert bei umgerechnet 170 Milliarden Euro.

Immer mehr Kunden fürchten, dass die im Voraus bezahlten Wohnungen niemals gebaut werden. Lieferanten und Subunternehmen haben sich bereits wegen Zahlungsausfällen beschwert; auf Baustellen ruhen die Arbeiten.

Evergrande ist aber nicht nur in der Immobilienbranche tätig. 2019 gründete der Konzern den Elektroautohersteller Evergrande Auto, der bis heute allerdings kein einziges Fahrzeug verkauft hat. Auch in die Sektoren Tourismus, Internet, Digitalwirtschaft, Versicherungen und Freizeitparks investierte das Unternehmen. Zudem gehört dem Unternehmen der Fußballklub Guangzhou FC in Kanton.

Wie bei vielen chinesischen Großkonzernen sind die Beteiligungen Evergrandes an mehr als 200 Tochterunternehmen verschachtelt. Die Kredite und gegenseitigen finanziellen Verpflichtungen sind kaum durchschaubar. Um »alle möglichen Lösungen« zu erkunden, seine Liquiditätskrise zu mildern, heuerte Evergrande diese Woche die beiden Beratungsfirmen Houlihan Lokey und Admiralty Harbour Capital an, sich die Kapitalstruktur anzusehen.

Schuldner sollen demnach überzeugt werden, Zahlungsziele zu verschieben oder sich auf alternative Vereinbarungen einzulassen. Evergrande räumte ein, dass es nicht gelungen sei, »wesentliche Fortschritte« beim Verkauf von Anteilen zu machen.

Experten nennen mehrere Gründe für die Schwierigkeiten von Evergrande. Nach vielen Jahren des Booms auf Chinas Immobilienmarkt sehen Beobachter »Anzeichen eines Wendepunktes«.

Auch gehen Behörden gegen Spekulationen vor und wollen Luft aus der Immobilienblase nehmen. Mieten sollen nicht mehr so stark steigen. Aufsichtsbehörden gehen gegen ausufernde Kreditvergabe der Banken an Immobilienunternehmen vor, beschränken die Kreditaufnahme und legen Obergrenzen fest – auch um die wachsenden Risiken im Finanzsektor insgesamt einzudämmen.

Es ist Teil der Regulierungskampagne von Staats- und Parteichef Xi Jinping, der mächtige Techkonzerne, Onlinehandel und Finanzdienste, Gaming, Fahrdienste sowie die Unterhaltungs- und Bildungsindustrie wieder stärker kontrollieren will.

mmq/Reuters/dpa/AFP
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