SPIEGEL ONLINE

Ex-Boeing-Manager über den Flugzeugbauer "Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt"

346 Menschen starben bei zwei Abstürzen, nun attackiert ein früherer Boeing-Mitarbeiter den Flugzeughersteller vor dem US-Kongress. Angestellte seien übermüdet gewesen, das Management habe Warnungen ignoriert.

Gut ein Jahr nach dem ersten Absturz einer Boeing 737 Max gerät der US-Flugzeughersteller immer mehr in Bedrängnis. Die US-Luftfahrtbehörde FAA kündigte am Mittwoch Untersuchungen der Fertigung bei dem Airbus-Rivalen an, nachdem ein ehemaliger Boeing-Manager scharfe Kritik an den Produktionsabläufen geübt hatte.

"Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt", sagte der Manager, Ed Pierson, bei einer Anhörung vor US-Abgeordneten. Termindruck und die Erschöpfung von Arbeitern seien zulasten von Qualität und Sicherheit gegangen. Er selbst, so der Whistleblower, habe die Vorgesetzten vor dem ersten Absturz mehrfach schriftlich über seine Beobachtungen informiert. Doch die Warnungen seien ignoriert worden. Vor dem zweiten Unglück habe er erneut Probleme gemeldet, doch keiner seiner Hinweise habe etwas bewirkt.

Ed Pierson, ehemaliger Topmanager bei Boeing: "Das Flugzeug kann noch so gut konzipiert sein"

Ed Pierson, ehemaliger Topmanager bei Boeing: "Das Flugzeug kann noch so gut konzipiert sein"

Foto: Tasos Katopodis/ AFP

Boeing steht im Verdacht, die Unglücksflieger überstürzt auf den Markt gebracht und die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Der Konzern streitet dies ab, hat aber Fehler bei der 737 Max zugegeben.

"Das Flugzeug kann noch so gut konzipiert sein, von den besten Ingenieuren und von den begabtesten Piloten geflogen", so Person. Das alles nütze aber wenig, wenn man einen übermüdeten Mechaniker an die Maschine lasse. Oder einen Elektriker, der gestresst sei, weil er sich vor lauter Arbeit nicht um seine Familie kümmern könne. All das habe er bei Boeing als systematisches Problem beobachtet.

Der Konzern stellt die eigene Reaktion positiv dar

Boeing hielt dem entgegen, dass der Konzern regelkonform mit Sicherheitsmaßnahmen und Software-Updates auf den Absturz im Oktober 2018 reagiert habe. Knapp fünf Monate später stürzte eine zweite 737 Max in Äthiopien ab.

Bei der Anhörung vor einem Kongressausschuss ging es auch um die Rolle der US-Luftfahrtaufsicht FAA. Sie steht wegen der Zulassung der 737 Max ebenfalls stark in der Kritik. FAA-Chef Steve Dickson verteidigte die Behörde, räumte aber ein, dass das sehr zögerlich verhängte Flugverbot für die 737 Max aus heutiger Sicht zu spät kam.

Nach der Anhörung erklärte die FAA, dass die 737 vor Jahresende keine Starterlaubnis mehr bekämen. Vor einer erneuten Zulassung seien fast ein Dutzend Punkte zu bearbeiten, sagte Dickson.

Boeing drohten zudem Strafzahlungen, falls Informationen über Probleme bei den Modellen nicht rechtzeitig weitergegeben worden seien. Bei den beiden Abstürzen waren insgesamt 346 Menschen ums Leben gekommen.

jok/dpa