Ex-Lehman-Chef Fuld "Glauben die Leute, dass ich ein Vollidiot bin?"

Er meidet die Öffentlichkeit - aus Angst, dass ihm jemand eine Torte ins Gesicht wirft. Richard Fuld, der als Chef von Lehman Brothers die größte Pleite der Wirtschaftsgeschichte mitverursacht hat, hält sich noch immer für unschuldig. Er prophezeit: "Am Ende werden die Guten gewinnen."

Ex-Lehman-Chef Richard Fuld: Die Personifizierung von Arroganz und Gier der Wall Street
REUTERS

Ex-Lehman-Chef Richard Fuld: Die Personifizierung von Arroganz und Gier der Wall Street


New York - "Sie haben keine Pistole dabei - das ist gut" - mit diesen Worten begrüßt der ehemalige Lehman-Chef Richard Fuld die Reporterin, die ihn überraschend in seinem idyllischen Landhaus in Ketchum im US-Bundesstaat Idaho aufgespürt hat.

Der Druck des anstehenden Jahrestags lastet sichtlich auf Fulds Schultern. "Alle haben sie auf mich eingeprügelt, sie sind über mich hergezogen - und jetzt wird es wieder passieren", sagt der traurig und niedergeschlagen wirkende 63-Jährige, während er in Shorts und Sandalen auf seiner Auffahrt steht. "Ich kann das ertragen, sie können sich ruhig schon mal dafür anstellen." Irgendwann aber werde seine Unschuld bewiesen - davon bleibt Fuld überzeugt.

Der Ex-Banker - wegen seines aggressiven Geschäftsgebarens "Gorilla" genannt - personifizierte nach dem Zusammenbruch seines Geldhauses am 15. September 2008 wie kaum ein Zweiter die Arroganz und Gier der Wall Street und musste viel Schmach ertragen. Zum Jahrestag der Lehman-Pleite müsse er wieder als Sündenbock herhalten, klagt Fuld. "Jetzt wird wieder jemand gesucht, auf den man einschlagen kann - und das bin ich."

Fuld übernahm 1994 bei Lehman das Ruder und verwandelte das kriselnde Institut in eine der am meisten bewunderten Investmentbanken der Wall Street. Vor allem das hochprofitable Geschäft mit Hypotheken ließ die Konkurrenz vor Neid erblassen - dann jedoch wurde die Sparte der gesamten Bank zum Verhängnis und verursachte die größte Pleite der Wirtschaftsgeschichte.

Fuld: "Niemand will mich hören"

Fuld wurde schon wenige Wochen später bei einer Kongressanhörung gedemütigt, als ihn ein Politiker als "Bösewicht des Tages" bezeichnete und ihn Demonstranten anschrien und seine Verhaftung forderten. Bei der Anhörung klagte Fuld, bis er "unter die Erde komme" werde er nicht verstehen, warum die US-Regierung Lehman nicht geholfen habe, wie sie es bei so vielen anderen Firmen wie etwa dem Versicherungsgiganten AIG getan habe.

Damals machte Fuld unter anderem Spekulanten und unwahre Gerüchte für den Niedergang seiner Firma verantwortlich. Kritiker halten ihm jedoch vor, zahlreiche Warnungen ignoriert zu haben, weiter hohe Risiken eingegangen zu sein und deshalb zumindest eine Mitschuld am Kollaps zu tragen.

Seitdem hat Fuld die Öffentlichkeit gemieden. Auch jetzt weigert er sich, sein Vorgehen und damit seinen Ruf zu verteidigen. "Die Fakten liegen auf dem Tisch, aber niemand will das hören - vor allem nicht von mir." Die Vorwürfe machen ihn noch immer wütend: "Denken die Leute wirklich, dass ich ein Vollidiot bin? Dass ich plötzlich zwei Monate vorher aufgewacht bin und völlig unerwartet vor diesen ganzen Problemen stand?"

Der Pleitebanker soll eine Beratungsfirma gegründet haben

Er weigert sich auch hartnäckig, Aussagen über US-Notenbankchef Ben Bernanke und den ehemaligen Finanzminister Henry Paulson zu treffen, die sich damals gegen eine Rettung von Lehman sträubten. Angesichts der erhobenen Vorwürfe gegen ihn sinniert Fuld: "Ich bin überzeugt, dass am Ende die Guten gewinnen. Daran glaube ich."

Der Lehman-Zusammenbruch dürfte Fulds Vermögen um gut eine Milliarde Dollar geschmälert haben. Das Ehepaar Fuld verkaufte Luxusimmobilien und teure Kunstwerke. Auch die Flüge mit dem Privatjet sind offenbar vorüber - Fuld fliegt mit Delta Air aus Idaho zurück nach New York. Über seine gegenwärtigen Tätigkeiten will er nicht reden.

Freunde und Bekannte berichten, dass er eine eigene Beratungsfirma gegründet hat und ohne Entgelt bei der Abwicklung von Lehman behilflich ist. Den Kontakt zu vielen seiner Freunde an der Wall Street hält er aufrecht - etwa bei Mittagessen in teuren Restaurants.

Dabei will er jedoch nicht mehr wie früher die Tür im Blick haben, sondern sitzt einem früheren Weggefährten zufolge lieber im Abseits. "Es ist ihm peinlich, in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. Er hat Angst, dass ihm jemand eine Torte ins Gesicht wirft."

Von Clare Baldwin, Jui Chakravorty und Jonathan Spicer / Reuters

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meslier 08.09.2009
1.
Zitat von sysopZeitenwende auf den Finanzmärkten - am 15. September 2008 ließ die US-Regierung die Investmentbank Lehman Brothers Pleite gehen. Politiker und Banker verurteilen die Entscheidung heute als einen der größten volkswirtschaftlichen Fehler der Wirtschaftsgeschichte. Hat das Debakel die Finanzkrise ausgelöst - oder nur beschleunigt?
Dazu im Netz gefunden und als treffend empfunden: Die Krise war schon vor der Lehmannpleite da, der Zusammenbruch von Lehmann war nur ein Symptom. Der Zusammenbruch dieser Bank wird aber als Erpressungsmittel herangezogen, um den Steuerzahler möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Dabei war Lehmann als Investmentbank nur sehr beschränkt im Kreditmarkt der Realwirtschaft insolviert, die Folgen des Zusammenbruchs werden also extrem überzeichnet. Nicht überzeichnet ist aber die Krise an sich, die eine Folge der expansiven Geldpolitik ist, und deren Auswirkungen kurzfristig mit ebenfalls expansiver Geldpolitik zugedeckt werden. Notwendige Reformen unterblieben. Gerade das Letztere dieser Aussage garantiert eine deutlich schwerere Krise. Erst die wird uns das Wasser in die Augen treiben. Dann wird die Frage nach den Schuldigen unüberhörbar werden - zumal jetzt weitergezockt wird wie bisher, da die Notenbanken die Zocker fast in Liquidität ersäufen. Mir persönlich kann´s Recht sein. Ich lebe davon und nicht schlecht. Langsam wird es mir aber unheimlich, was die unteren Schichten angeht.
rabenkrähe 08.09.2009
2.
Zitat von sysopZeitenwende auf den Finanzmärkten - am 15. September 2008 ließ die US-Regierung die Investmentbank Lehman Brothers Pleite gehen. Politiker und Banker verurteilen die Entscheidung heute als einen der größten volkswirtschaftlichen Fehler der Wirtschaftsgeschichte. Hat das Debakel die Finanzkrise ausgelöst - oder nur beschleunigt?
..... Die Finanzkrise lief doch schon monatelang, ausgelöst von faulen Hypotheken, wackeligen Derivaten und rauschhaften Bankern. Lehman Pleite gehen zu lassen, war völlig okay, nicht allerdings, dies unreguliert zu tun. Es sieht eigenwillig aus, wenn diversen Banken und Versicherungen Milliardenbeträge hinterhergeworfen werden, während normale Anleger in die Röhre gucken. Fragwürdig auch, warum Lehman in die Pleite mußte, der viel größere Hasardeur, die AIG nämlich, jedoch nicht. rabenkrähe
xrmb 09.09.2009
3. Am Ende gewinnen die Guten...
Also wenn am Ende die Guten gewinnen, und Lehmann Brothers weg ist/verloren hat waren sie logischerweise die Boesen...
Adran, 09.09.2009
4.
Wieder mal Ursache und Wirkung vertauscht.. Wie immer.. Selten blöde frage sysop, als ob die Zeit von 2006, und 2007 ausgeblendet wird..
Volker Gretz, 09.09.2009
5.
Zitat von sysopZeitenwende auf den Finanzmärkten - am 15. September 2008 ließ die US-Regierung die Investmentbank Lehman Brothers Pleite gehen. Politiker und Banker verurteilen die Entscheidung heute als einen der größten volkswirtschaftlichen Fehler der Wirtschaftsgeschichte. Hat das Debakel die Finanzkrise ausgelöst - oder nur beschleunigt?
So aufgedeckt, dass die Verbrechen nicht mehr von Medien und Politik unter dem Mantel des Schweigens gedeckt werden konnten. Was seit 2003 das dümmste Tier in einem beliebigen Zoo wusste, dass wissen dann auch die Zuschauer des Bertelsmann-unterschichtensenders n.tv (und die Kanzlerette :-))
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