Bilanzskandal Ex-Wirecard-Vorstand Marsalek auf den Philippinen gesucht

Im Wirecard-Bilanzskandal führen mehrere Spuren auf die Philippinen: Möglicherweise ist der flüchtige Ex-Vorstand Jan Marsalek dort untergetaucht. Während Behörden weltweit ermitteln, verliert Wirecard immer mehr Kunden.
Der Schriftzug von Wirecard an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters in Aschheim, Bayern

Der Schriftzug von Wirecard an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters in Aschheim, Bayern

Foto: Peter Kneffel/ DPA

Der gefeuerte Wirecard-Vorstand Jan Marsalek hält sich möglicherweise auf den Philippinen auf. Es gebe Hinweise, dass Marsalek weiterhin im Land sein könnte, sagte der philippinische Justizminster Menardo Guevarra am Mittwoch. Insidern zufolge droht Marsalek im Münchner Ermittlungsverfahren um den milliardenschweren Bilanzskandal des Zahlungsdienstleisters eine Verhaftung. Die Philippinen haben kein Auslieferungsabkommen mit Deutschland.

Etwas "Merkwürdiges" zu Marsalek in philippinischer Datenbank gefunden

Guevarra erklärte, Marsalek sei vom 3. bis 5. März auf den Philippinen gewesen. "Es gibt einige Hinweise, dass er vor Kurzem zurückgekehrt ist und sich immer noch hier aufhält." Die Philippinen wüssten nicht, ob Wirecard in dem Land tätig sei. Aber die Behörden hätten etwas "Merkwürdiges" zu Marsalek in der Datenbank der Einwanderungsbehörde gefunden. "Lassen wir es dabei bewenden", sagte der Justizminister nur. Die Philippinen ermittelten gegen Personen, die in den Wirecard-Bilanzskandal verwickelt seien. Dazu gehöre auch Marsalek. Er habe die Behöden instruiert, ihre Untersuchungen zu koordinieren.

Die Philippinen spielen in dem Bilanzskandal eine zentrale Rolle. Angeblich sollten sich die verschwundenen Milliarden auf Treuhandkonten bei zwei philippinischen Banken befinden. Doch entsprechende Dokumente erwiesen sich als Fälschung. Marsalek war jahrelang die rechte Hand von Wirecard-Chef Markus Braun und verantwortete auch das Asien-Geschäft. 

Seit Dienstagnachmittag ist Ex-Chef Markus Braun wieder auf freiem Fuß. Nach einer Nacht in Untersuchungshaft in München wurde er gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro freigelassen, sagten Brauns Rechtsanwalt und ein Sprecher des Amtsgerichts München am Mittwoch. Vor seiner Verhaftung hatte er einen Großteil seiner Aktien verkauft. Braun, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Bilanzfälschung und der Marktmanipulation ermittelt, muss sich wöchentlich bei der Polizei melden.

Uber-Konkurrent Grab springt ab

Unterdessen spitzt sich die geschäftliche Lage für Wirecard zu: Mit dem Uber-Konkurrenten Grab wandte sich am Mittwoch ein prominenter Kunde öffentlich von Wirecard ab. Das wertvollste asiatische Start-up erklärte, seine Partnerschaft mit Wirecard bis auf Weiteres auf Eis zu legen. Beobachter fürchten, dass weitere Kunden diesem Beispiel folgen. Aldi Süd erklärte mit Blick auf die Zusammenarbeit mit Wirecard: "Wir prüfen den Sachverhalt noch." Zu den Kunden gehören etwa auch die niederländische Airline KLM, das schwedische Möbelhaus Ikea oder Fedex. Von der Bereitschaft der Kunden, bei der Stange zu bleiben, hängt auch die Zukunft des Konzerns ab. Die Gespräche mit Gläubigerbanken zur Rettung von Wirecard laufen auf Hochtouren. Die Banken versuchen, sich einen Überblick über die Situation von Wirecard zu verschaffen.

Kritik an Finanzaufsicht Bafin

Der in den fast zwei Jahrzehnten unter der Führung von Markus Braun stark gewachsene Dienstleister für bargeldlose Zahlungen hatte Anfang der Woche eingeräumt, dass ein bilanziertes Vermögen von 1,9 Milliarden Euro auf Konten in Asien aller Wahrscheinlichkeit nach nicht existiert. Die Ermittler legen dem 50-jährigen Österreicher zur Last, allein oder mit weiteren Tätern die Bilanzsumme und den Umsatz durch vorgetäuschte Einnahmen aufgebläht zu haben. Die Gesellschaft habe so finanzkräftiger und für Anleger und Kunden attraktiver dargestellt werden sollen.

Auch die Finanzaufsicht Bafin geht inzwischen davon aus, dass die Bilanzen für die Jahre 2016 bis 2018 falsch sind. Sie hatte daher ihre Strafanzeige wegen des Verdachts der Marktmanipulation erweitert. Zudem wacht Insidern zufolge ein Sonderbeauftragter bei der Wirecard Bank AG darüber, dass die Gelder des Instituts nicht zum Stopfen der Finanzlöcher beim Mutterkonzern Wirecard genutzt werden. Sie wirbt seit Anfang des Jahres mit Kampfkonditionen um Kundengelder.

Die Bafin, die unter der Aufsicht des Finanzministeriums steht, sieht sich selbst massiver Kritik ausgesetzt, weil sie erst spät gegen das Unternehmen vorging. Der CDU-Finanzpolitiker Matthias Hauer sieht bei der Aufklärung des Bilanzskandals auch das Bundesfinanzministerium in der Pflicht. "Ich erwarte, dass der Skandal sowohl strafrechtlich als auch aufsichtsrechtlich konsequent und lückenlos aufgeklärt wird", forderte Hauer, der im Finanzausschuss des Bundestags für den Fall zuständige Berichterstatter der CDU/CSU-Fraktion. Die Rollen der Aufsichtsbehörde Bafin und des Finanzministeriums müssten hinterfragt werden. "Ziel muss sein, Lücken und Schwächen im Aufsichtsregime zu schließen. Ich begrüße daher, dass mittlerweile auch Finanzminister Scholz Fehler bei der von seinem Hause beaufsichtigten Bafin eingeräumt hat." 

caw/Reuters/dpa