Expansion nach Großbritannien Bahn spielt bei Milliarden-Zukauf auf Risiko

Es ist die größte Übernahme in der Geschichte der Deutschen Bahn - doch beim milliardenschweren Kauf des britischen Konkurrenten Arriva geht der Staatskonzern erstaunlich blauäugig vor. Das Motto lautet: blindes Vertrauen statt eingehender Prüfung.
Bahnchef Grube: "Durch den Kauf sparen wir Zeit und Geld"

Bahnchef Grube: "Durch den Kauf sparen wir Zeit und Geld"

Foto: JOHANNES EISELE/ REUTERS

Hamburg - Schluss mit dem Trübsinn! Monatelang musste Bahn-Chef Rüdiger Grube öffentlich leiden; die Pannenserie im Winter zwang ihn zu Demut ("In unserem Brot- und Buttergeschäft läuft vieles nicht rund"). Doch jetzt ist er wieder obenauf. Die geplante Übernahme des britischen Bus- und Bahnbetreibers Arriva euphorisiert Grube geradezu. Arriva biete "exzellente Chancen" im europäischen Geschäft, schwärmt der Manager. Um so weit zu kommen, "hätten wir sonst Jahre gebraucht", "durch den Kauf sparen wir viel Zeit und Geld".

Flott voran kommt der Konzern nun in der Tat, der Umsatz springt um 3,5 Milliarden Euro in die Höhe. Ob allerdings die 2,7 Milliarden Euro gut angelegt sind, die Grube für den teuersten Erwerb in der Geschichte der Deutschen Bahn (DB) ausgeben will, ist fraglich. Experten fürchten, der Kaufpreis könne arg hoch gegriffen sein. Durch eine nüchterne Analyse jedenfalls scheint er nicht gedeckt. Vertrauliche Aufsichtsratspapiere zum Arriva-Deal (Codename: "Projekt Blue") legen den Schluss nah, dass die Wertermittlung mehr auf Gutgläubigkeit und Phantasie beruht denn auf Wissen.

Tiefe Einblicke ins Zahlenwerk? Intime Detailkenntnisse? Was bei Transaktionen dieser Größenordnung zu erwarten wäre, fehlt offenkundig. "Die Unternehmensbewertung", heißt es in der Unterlage, "basiert weitestgehend auf den öffentlich verfügbaren Unternehmensinformationen sowie Annahmen von Brokern."

Zwar ist in dem Papier von einer "Due Diligence" die Rede, also einer eingehenden Prüfung. Einschränkend heißt es aber gleich darauf: "Der Business-Plan des Arriva-Managements wurde im Rahmen der 'Due Diligence' nicht bereitgestellt." Die Arriva-Führung war bei der Faktenfeststellung nur eingeschränkt hilfreich. Sie empfing die DB-Emissäre zwar und lobte das eigene Unternehmen in den höchsten Tönen.

Zu strahlend dargestellte Zukunft?

Doch sich festlegen, die Prognosen schriftlich manifestieren, wollten die Vorstände nicht. "Ein Großteil der erhaltenen Informationen", räumt das DB-Papier ein, "basiert auf mündlichen Aussagen des Managements." Die Briten hatten allen Grund, zum Kauf zu raten. Denn mit dem Eigentümerwechsel ist auch für sie eine erhebliche finanzielle Veränderung drin.

Die Arriva-Führung ist mit gleich drei Bonusprogrammen gesegnet. Sobald die Bahn Arriva übernimmt, hat der Vorstand das Recht, nach Belieben zu kündigen - und sämtliche Boni sofort mitzunehmen. Allein für Unternehmenschef David Martin würden 8,6 Millionen Euro herausspringen, für den Finanzchef wären es 5,7 Millionen Euro. Bislang heißt es zwar, das Management solle unbedingt an Bord bleiben. Es wäre aber keine Überraschung und reihte sich die gängige Erfahrung ein, wenn die Führungskräfte doch bald das Weite suchten - von Grund auf saniert.

Insgesamt setzt die Bewertung von Arriva auf eine strahlende, womöglich allzu strahlend dargestellte Zukunft. Das Bewertungsverfahren basiert auf zukünftigem Cash Flow, also den Rohertrag. Dies sei üblich, heißt es in dem Dokument, "wenn das zu bewertende Unternehmen sehr stark in Umsatz- und Ergebniswachstum investiert hat und sich das Wachstum noch nicht in den derzeitigen Zahlen widerspiegelt, wie dies bei Arriva der Fall ist". Frei übersetzt: Gelobt sei, was man nicht sieht. Allein die Schuldenlast ist schon jetzt deutlich auszumachen. Für Arriva lässt Grube alle Sparvorsätze fahren.

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