Streit über deutsche Exporte Letzter Ausweg Einkaufszentrum

Mit einem Rekordüberschuss beim Export heizen die Deutschen die Diskussion wieder an, ob sie auf Kosten ihrer Nachbarn sparen. Dabei tragen die Bürger so viel Geld in die Läden wie schon lange nicht mehr - wenn auch nicht ganz freiwillig.

Einkaufen mangels Alternativen: Passanten in Berlin
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Einkaufen mangels Alternativen: Passanten in Berlin

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Hamburg - Menschen tanzen auf der Straße, gestandene Männer weinen vor Freude. Wer sich Bilder von den drei gewonnenen Fußball-Weltmeisterschaften ansieht, bekommt einen Eindruck davon, dass auch Deutsche zum Glücklichsein nicht völlig unbegabt sind.

Aus einer anderen Disziplin sind ähnliche Gefühlsausbrüche nicht überliefert: Dass Deutschland jahrelang Export-Weltmeister war, erfüllte Unternehmer und Wirtschaftspolitiker zwar mit einem gewissen Stolz. Doch der Normalbürger wird kaum von Rührung ergriffen, nur weil im Hamburger Hafen ein paar tausend Container mehr verladen werden. Erst recht, seitdem Deutschland diesen Weltmeistertitel an China verlor.

Umso höher schlagen die Wogen in anderen Ländern: Immer wieder wird dort kritisiert, dass Deutschland nach wie vor viel mehr Waren aus- als einführt. Zuletzt hielt US-Finanzminister Jack Lew den Deutschen vor, dass sie von Exporten abhingen, während das Wachstum ihrer inländischen Nachfrage "blutarm" sei. Das schade jenen Euro-Staaten, die unter dem Druck von Sparprogrammen derzeit selbst mehr exportieren sollen - nicht zuletzt nach Deutschland. Dass die deutsche Handelsbilanz im September mal wieder einen Rekordüberschuss verzeichnete, dürfte Kritiker wie Lew in ihrer Haltung bestärken.

Aber stimmt es, dass Deutschland noch immer auf Kosten der Nachbarn spart?

Ohne Frage weist die deutsche Leistungsbilanz, also die Summe aller Waren- und Zahlungsströme, ein dickes Plus auf. Im vergangenen Jahr betrug es 7,0 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Euro-Zone insgesamt kam hingegen nur auf 1,9 Prozent, die USA auf ein Minus von 2,7 Prozent. Selbst der neue Exportweltmeister China lag mit 2,3 Prozent weit unter dem deutschen Wert.

Überschuss gegenüber Euro-Ländern geht stark zurück

Für die kommenden Jahre aber erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) immerhin einen langsamen Rückgang, 2018 soll der deutsche Überschuss noch 4,6 Prozent betragen. Und gegenüber der Euro-Zone sinkt dieser bereits seit längerem. Nach Angaben von Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ist der Überschuss zwischen 2008 und 2013 gegenüber den Währungspartnern um satte 55 Prozent zurückgegangen. Neues Wachstum verzeichnen deutsche Unternehmen dagegen vor allem in Schwellenländern. Diese Entwicklung kritisierte US-Minister Lew bemerkenswerterweise nicht - möglicherweise, weil auch die amerikanische Wirtschaft hier ihre größte Chance sieht.

Auch für die EU-Partner sei der deutsche Exporterfolg aber grundsätzlich positiv, sagt Matthes - weil deutsche Unternehmen zur Produktion von mehr Waren auch mehr Material aus dem Ausland brauchen. In einer Studie kamen der IW-Forscher und seine Kollegin Galina Kolev zum Schluss, dass durch eine Steigerung der deutschen Ausfuhren um zehn Prozent die sogenannten Vorleistungsexporte von anderen EU-Ländern nach Deutschland um neun Prozent steigen.

Haben also am Ende Wirtschaftsvertreter wie Anton Börner recht? Der Präsident des Außenhandelsverbandes BGA konterte die Kritik aus den USA mit den Worten: "Wir haben deshalb Überschüsse, weil wir so gut sind." Doch so einfach ist es nicht. Deutschland hat auch deshalb Überschüsse, weil die Arbeitnehmer im vergangenen Jahrzehnt nur sehr bescheidene Lohnerhöhungen bekamen. Dadurch blieben die Unternehmer im Gegensatz zu den heutigen Krisenländern wettbewerbsfähig, die Bürger aber hatten weniger Geld in der Tasche - was die Importe schwächte.

Auch an dieser Entwicklung hat sich etwas geändert. Angesichts der guten Lage wurden in vielen Branchen zuletzt ordentliche Lohnerhöhungen vereinbart - etwa im Mai für mehr als drei Millionen Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie. Das Lohnplus tragen viele Deutsche in die Läden. So lag es allein am Wachstum des privaten Konsums, dass Deutschland Anfang des Jahres nicht in eine Rezession rutschte. Alle anderen Bereiche - auch die Exporte - waren rückläufig. Zum Jahresende sieht es ähnlich aus: Laut einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Ernst & Young wollen die Deutschen 19 Prozent mehr für Weihnachtsgeschenke ausgeben als im Vorjahr.

Der Verbraucher tut sozusagen, was er kann, um den deutschen Überschuss zu reduzieren. Das bedeutet aber nicht, dass nicht mehr drin wäre. Denn drei Jahre mit Lohnerhöhungen reichen nicht aus, um die Einbußen des vergangenen Jahrzehnts auszugleichen. "Wir liegen bei den Reallöhnen immer noch unter dem Niveau von 2000", sagt Reinhard Bispinck, Tarifexperte beim WSI-Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. "Die Schere zwischen privatem Konsum und Exporten hat sich keineswegs geschlossen."

Abzüglich der Inflation wird das deutsche Lohnplus nach Einschätzung von Bispinck in diesem und nächstem Jahr jeweils rund ein Prozent betragen. Dass von den Lohnerhöhungen nicht mehr übrig bleibt, liegt zum Teil daran, dass heute deutlich weniger Deutsche nach Tarif bezahlt werden und deutlich mehr in Mini-Jobs und oder im Niedriglohnsektor arbeiten als noch vor wenigen Jahren. Es liegt aber auch daran, dass sich die einseitige Stärke der deutschen Wirtschaft bei den Löhnen spiegelt: "Wir haben ordentliche Tarifabschlüsse in der exportorientierten Industrie und unterdurchschnittliche Abschlüsse bei den Dienstleistern", sagt Bispinck.

Im Griff der EZB

Dass die Deutschen trotzdem mehr konsumieren als früher hat noch einen anderen Grund: Sparen lohnt sich immer weniger. Gerade erst hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins auf ein Rekordtief gesenkt. Die Niedrigzinspolitik macht mittlerweile nicht nur Kleinsparern zu schaffen, auch das Geschäftsmodell vieler Lebensversicherer steht damit in Frage. Mit ihrer Politik signalisiert die EZB zudem, dass die Euro-Krise keineswegs vorbei ist - kein ermutigendes Signal an die Bürger.

Auch schnelle Entlastungen durch die Politik sind derzeit nicht absehbar: Während sie über mögliche Steuerreformen weiter streiten, scheinen sich Union und SPD bereits einig darüber, den Rentenbeitrag für Versicherte nicht zu senken - obwohl dies eigentlich automatisch geschehen müsste.

Doch auch ohne weitere Mithilfe der Konsumenten gäbe es eine Möglichkeit, den deutschen Überschuss weiter zu reduzieren: Die Unternehmen müssen mehr ausgeben. Viele Ökonomen warnen, dass die Investitionen in Deutschland weit hinter dem Bedarf zurückbleiben. Der DIW-Chef Marcel Fratzscher beziffert die Investitionslücke mit drei Prozent der Wirtschaftsleistung.

Warum aber investieren die deutschen Firmen nicht mehr - wo doch ihre Geschäfte mit dem Ausland so glänzend laufen? "Die Investitionsschwäche können wir uns nicht so recht erklären", räumt IW-Ökonom Matthes ein, obwohl sein arbeitgebernahes Institut eng mit Unternehmen zusammenarbeitet. Möglicherweise seien die Unternehmer unsicher, was mit der neuen Regierung in Sachen Energiewende und anderen Reformen auf sie zukomme.

Möglich aber auch, dass die Unternehmer mit wachsender Skepsis auf die Weltwirtschaft schauen: Der Boom der Schwellenländer ist zuletzt deutlich abgeflaut, in manchen Staaten gibt es bereits Anzeichen für eine Kapitalflucht. Spätestens wenn es bei den derzeit fleißigsten Käufern deutscher Waren zu einer echten Krise käme, könnte Deutschlands exportgetriebenes Wirtschaftsmodell auch im Inland für mehr Diskussionen sorgen.

insgesamt 207 Beiträge
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Seite 1
dani216 09.11.2013
1. Es wird bei dem im Artikel
Zitat von sysopDPAMit einem Rekordüberschuss beim Export heizen die Deutschen die Diskussion wieder an, ob sie auf Kosten ihrer Nachbarn sparen. Dabei tragen die Bürger so viel Geld in die Läden wie schon lange nicht mehr - wenn auch nicht ganz freiwillig. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/exportueberschuss-warum-deutsche-mehr-konsumieren-sollen-a-932612.html
als positiv bewerteten Tarifabschlüsse übersehen, dass immer mehr Firmen hergehen, und die Einstufungen der Tarifverträge schärfer auslegen. Das hat zur Folge, dass Stellen niedriger eingestuft werden und die hier genannten positiven Einkommensentwicklungen einfach verpuffen.
thunderstorm305 09.11.2013
2. Wir sind ja an allem schuld.
Wenn die Lohnentwicklung in Deutschland genauso gewesen wäre wie in den PIIG Staaten Europas, dann hätten wir nun das gleiche Problem. Einer Wirtschaft die nicht mehr konkurrenzfähig ist. Es ist deshalb schon etwas eigenartig, wenn man dies nun kritisiert. Schliesslich war nicht Deutschland für die Krise verantwortlich, sondern die südlichen Länder und deren Lohnpolitik. Gepaart mit einer Kreditvergabe, die Immobilienblasen entstehen liess. Und wenn Deutschland mit seiner Wirtschaftsstärke nicht wäre, würde es den Euroraum gar nicht mehr geben und Griechenland wäre schon längst pleite. Die Kritik dieser Finanzexperten die uns erst in die Finanzkrise geritten haben kann ich nicht mehr hören. Am Ende ist es der deutsche Sparer, der über Steuern die Bürgschaften der PIIG Staaten absichern muss und auch noch große Zinsverluste und eine unsichere Altersvorsorge aufgrund der EZB hinnehmen hinnehmen muss. Im Hinblick dieses skandalösen Zustand ist dieses Gerede geradezu zynisch.
mundusvultdecipi 09.11.2013
3. Man..
Zitat von sysopDPAMit einem Rekordüberschuss beim Export heizen die Deutschen die Diskussion wieder an, ob sie auf Kosten ihrer Nachbarn sparen. Dabei tragen die Bürger so viel Geld in die Läden wie schon lange nicht mehr - wenn auch nicht ganz freiwillig. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/exportueberschuss-warum-deutsche-mehr-konsumieren-sollen-a-932612.html
..sollte so weit wie möglich Konsumverzicht betreiben,bis Berlin begreift,dass Mindestlöhne eingeführt und Zeitarbeit/befristete Arbeitsverträge zurück gedrängt gehören!
cato-der-ältere 09.11.2013
4. Der Grund
Den preis den die Mehrheit in Deutschland gezahlt hat, Reallohnverlust und, bei Arbeitslosigkeit von mehr als einem Jahr, HarztIV-Elend, wird hier immerhin noch als DER Grund für die höhere Wettbewerbsfähigkeit behauptet. Das ist auch eher ein Mythos, ein Narrativ das Neoliberale weltweit erzählen. Wenn man die wirklichen Kosten die es für die Betroffenen bedeutet mal rational abwägen würde, mit dem Gewinn den es letztlich für die Betroffenen bedeutet (was immerhin die Mehrheit ist) dann sähe das anders aus. Auch streng wirtschaftswissenschaftlich betrachtet. In dieser Zeit sind andere Kostenfaktoren für den Export, , z.B. der Eurokurs stark geschwankt, ohne dass sich das dramatisch ausgewirkt hat. Der wichtigere Grund ist vor allem dass Deutschland gefragte Produkte und Leistungen am Markt bietet, und das ist eine kollektive Leistung.
Niamey 09.11.2013
5. Dummes angepasstes Gesabbere!
Zitat von sysopDPAMit einem Rekordüberschuss beim Export heizen die Deutschen die Diskussion wieder an, ob sie auf Kosten ihrer Nachbarn sparen. Dabei tragen die Bürger so viel Geld in die Läden wie schon lange nicht mehr - wenn auch nicht ganz freiwillig. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/exportueberschuss-warum-deutsche-mehr-konsumieren-sollen-a-932612.html
Wenn die Chinesen wie wild produzieren und exportieren, dann ist das toll für die Weltwirtschft denn die wird dadurch angekurbelt. Bei uns, und wir importieren ja die meisten Grundstoffe, ist das schlecht, weil die Nachbarn neidisch sind. Ich sage nur eins: Die Retourkutsche für 70 Jahre teuer erkauften Frieden wird bald kommen. Sinnbildlich gesprochen!
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