EY und Wirecard Schweigende Wirtschaftsprüfer verärgern Politik und Kollegen

Welche Rolle spielte EY im Wirecard-Skandal? Die Wirtschaftsprüfer wollen dazu vor dem Untersuchungsausschuss vorerst schweigen. Das sorgt für Boykottdrohungen im Bundestag – und Kritik aus der eigenen Branche.
EY-Logo in Zürich

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Foto: ARND WIEGMANN / REUTERS

Die Ankündigung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY (vormals Ernst & Young), ihre Mitarbeiter vorerst nicht umfassend vor dem Wirecard-Ausschuss aussagen zu lassen, trifft in Fachkreisen auf Kritik. »Der Fall Wirecard belastet auch die Reputation der Wirtschaftsprüfer in der Öffentlichkeit«, sagt Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW), dem SPIEGEL. »Wir teilen deshalb auch die Erwartung der Abgeordneten im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, dass die Wirtschaftsprüfer im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten bei der Aufklärung des Skandals mitwirken.«

Prüfer von EY hatten mehr als zehn Jahre lang die Bilanzen von Wirecard abgesegnet, bevor das Unternehmen infolge eines milliardenschweren Bilanzskandals in die Insolvenz rutschte. Vergangene Woche entband Insolvenzverwalter Michael Jaffé vier Vertreter des Unternehmens von der Schweigepflicht. Für Donnerstag wurden sie vor den Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags geladen.

Aus Sicht von EY reicht die Entbindung aber nicht aus, für die Mitarbeiter bleibe ein hohes persönliches Rechtsrisiko. Das Unternehmen betont, man sei grundsätzlich zur Aussage bereit, wolle aber erst eine juristische Klärung abwarten. Dafür will EY offenbar auch ein Zwangsgeld in Kauf nehmen, das dann vor dem Bundesgerichtshof (BGH) angefochten werden könnte.

Auch die zwei verbliebene Vorstände von Wirecard, Susanne Steidl und Alexander von Knoop, segneten gegenüber dem Untersuchungsausschuss eine Aussage der Wirtschaftsprüfer ab, wie ein dem SPIEGEL vorliegendes Schreiben zeigt. EY begrüßte das. Für Rechtssicherheit müsse die Entbindung aber durch die Aufsichtsrats- und Vorstandsmitglieder erfolgen, »die in dem betreffenden Jahr den Auftrag an den Abschlussprüfer erteilt haben beziehungsweise Vorstandsmitglieder waren«.

»Welche Konsequenzen befürchten sie eigentlich?«

An der EY-Argumentation zweifelt Fritz Güntzler, CDU-Vertreter im Untersuchungsausschuss und selbst Wirtschaftsprüfer. »Ich bedauere, dass die Kollegen von EY nicht die Gelegenheit nutzen, umfassend Rede und Antwort zu stehen«, sagte er dem SPIEGEL. Die Begründung für die Weigerung zur Aussage wirke »doch vorgeschoben. Welche Konsequenzen befürchten sie eigentlich?«.

»Warum mauern, wenn man meint, nichts falsch gemacht zu haben?«, fragt auch die SPD-Abgeordnete Cansel Kiziltepe. Sie verweist auf Treuhänderkonten in Asien, die Wirecard nach SPIEGEL-Informationen auf Empfehlung von EY einrichtete. »Statt zu prüfen hat EY wohl beraten«, so Kiziltepe. »EY muss sich dazu äußern. Wir können keine öffentlichen Aufträge an ein Unternehmen vergeben, dass der Öffentlichkeit die Aufklärung verwehrt.«

Boykottdrohungen kommen inzwischen auch vom Koalitionspartner. Es sei »klar, dass eine Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft, die einen solchen Blockadekurs unterstützt, kein Geschäftspartner mehr für die Bundesregierung sein kann«, sagte CSU-Finanzpolitiker und Ausschussmitglied Hans Michelbach der »Augsburger Allgemeinen«. Es solle »unter fadenscheinigen Vorwänden eine Aufklärung des Wirecard-Skandals blockiert werden«.

IW-Vertreter Naumann hält EY zugute, dass es tatsächlich unterschiedliche Rechtsauffassungen darüber gebe, ob die Entbindung von der Verschwiegenheitspflicht durch den Insolvenzverwalter ausreichend ist. »Die älteren Urteile haben verneint, dass die Verschwiegenheit durch den Insolvenzverwalter aufgehoben werden kann«, so Naumann. Doch die jüngeren Urteile hätten die Prüfer von ihrer Verschwiegenheit entbunden. »Diese Auffassung halte ich für sachgerecht.«

Hinter dem Ärger über den Blockadekurs von EY steht auch ein Ringen darum , welche der Beteiligten am Wirecard-Skandal am Ende Konsequenzen zu spüren bekommen. Während das CDU-geführte Wirtschaftsministerium Reformen der Wirtschaftsprüferaufsicht blockiert, hat das SPD-geführte Finanzministerium bisher ein hartes Durchgreifen bei der Finanzaufsicht Bafin verhindert. Deren Chef Felix Hufeld und andere Mitarbeiter standen im Bundestag aber immerhin Rede und Antwort. Natürlich würden »Mitarbeiter öffentlicher Behörden solche Spielchen nicht spielen«, sagt SPD-Obmann Jens Zimmermann mit Blick auf EY.

Wieland soll Geheimdienstspuren untersuchen

Bei einem anderen Thema ist der Untersuchungsausschuss einen Schritt weitergekommen. Die Obleute einigten sich nach SPIEGEL-Informationen auf einen Sonderermittler, der die Geheimdienstverstrickungen des Unternehmens aufklären helfen soll. Dabei fiel die Wahl auf den ehemaligen Grünen-Abgeordneten Wolfgang Wieland, der auch Justizsenator in Berlin war.

Wieland soll untersuchen, ob der Wirecard-Vorstand Jan Marsalek Hilfe von Geheimdiensten bei seiner Flucht bekam. Auch soll er klären, ob Marsalek möglicherweise Mitarbeiter des österreichischen Geheimdiensts war. Zudem gibt es immer wieder Vermutungen, er könnte Unterstützung von russischen Diensten etwa bei Geschäftsaktivitäten in Libyen erhalten haben. Der ehemalige Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung, Klaus-Dieter Fritsche, hat zudem für Wirecard in seiner ehemaligen Arbeitsstätte lobbyiert. Zur bevorstehenden Ernennung Wielands sagte der Grünen-Obmann Danyal Bayaz dem SPIEGEL: »Wir werden seine Unterstützung brauchen, dann ich habe das Gefühl, dass wir hier erst die Spitze des Eisbergs sehen.«