EZB und die Aktienmärkte Tanzen, bis es kracht

Brexit? Trump? Italien? Völlig egal. An den Aktienmärkten schauen alle nur auf Mario Draghi. Der EZB-Chef soll noch länger billiges Geld in die Märkte pumpen. Doch diese Haltung ist gefährlich - und könnte in einem Crash enden.
EZB-Chef Mario Draghi

EZB-Chef Mario Draghi

Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

Bei Licht betrachtet war 2016 ein Horrorjahr - auch aus Sicht der Wirtschaft. Da beschließen die Briten mal eben das Ende des europäischen Binnenmarktes, wie wir ihn kannten. Da poltert sich in den USA ein unberechenbarer Narzisst mit Parolen gegen den Freihandel an die Macht. Da stürzt in Italien ein Regierungschef, der noch bis vor Kurzem als letzte Hoffnung für die chronisch schwächelnde drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone galt.

Und was passiert an den Aktienmärkten? Nichts. Es geht einfach weiter nach oben. Der deutsche Leitindex Dax   stieg zuletzt auf den höchsten Stand des Jahres. Und in den USA steht der Dow-Jones-Index   sogar so gut da wie nie zuvor in der Geschichte. Angst? Zweifel? Offenbar Fehlanzeige. Wie es scheint, kann die reale Welt die Börsen nicht mehr schrecken.

Der Schutzheilige der Finanzmärkte

Ein Grund dafür dürfte auch in der Vorweihnachtszeit der tiefe Glaube der Investoren sein - der Glaube an Mario Draghi. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) ist in den vergangenen Jahren zu einer Art Schutzheiligem der Finanzmärkte geworden. Solange er weiter kräftig Geld in die Märkte pumpt, steigen auch die Kurse. Egal, was sonst noch so passiert.

Nur Draghis scheinbarer Allmacht ist es zu verdanken, dass es die Eurozone überhaupt noch gibt. Hätte er im Sommer 2012 nicht klargemacht, strauchelnde Eurostaaten mit allen Mitteln vor der Pleite zu bewahren, wäre vermutlich ein Land nach dem anderen aus der Währungsunion ausgeschieden. Draghi sei Dank, dass das nicht passiert ist.

Doch seitdem steckt er in der Rolle des Schutzpatrons fest. Was immer auch kommt: Draghi wird es schon richten. Und so dürfte es auch an diesem Donnerstag wieder kommen, wenn der Italiener die Verlängerung des umstrittenen Anleihekaufprogramms verkündet, das eigentlich im März auslaufen sollte. Weitere Milliardenspritzen haben die Investoren längst eingepreist.

Das heißt: Es wird noch sehr lange sehr viel billiges Geld im Umlauf sein. Und ein großer Teil davon dürfte auch weiter in die Aktien- und Immobilienmärkte fließen. Steigende Preise sind da programmiert.

Doch die Nebenwirkungen dieser Politik werden immer gravierender. Wenn es immer nur aufwärts geht, hat der Preismechanismus seine regulierende Funktion verloren. Von einer ausgleichenden Wirkung, wie sie die liberalen Vordenker der Marktwirtschaft einst beschrieben, kann derzeit keine mehr Rede sein. Der Markt ist kaputt.

Wohin das führen kann, hat sich schon oft gezeigt - und es endete nie gut. Ob Tulpenspekulationen im 17. Jahrhundert, die Dotcom-Blase in den Neunzigerjahren oder der absurde US-Immobilienboom in den Nullerjahren - immer, wenn sich die Preise an den Finanzmärkten dauerhaft zu weit von der wirtschaftlichen Realität entfernt hatten, krachte es. Und zwar gewaltig.

Dass dieses Schicksal auch jetzt wieder drohen könnte, dämmert mittlerweile auch vielen großen Investoren. Doch es wird sie kaum davon abhalten, die Kurse noch etwas weiter in die Höhe zu treiben. Wenn die Konkurrenten Gewinne machen, kann man es sich kaum leisten, auszusteigen. Wie lange das noch so geht, kann keiner sagen. Monate? Vielleicht sogar Jahre?

"Solange die Musik spielt, musst Du aufstehen und tanzen", sagte der damalige Chef der US-Bank Citigroup, Chuck Prince, als im Sommer 2007 die Finanzkrise dämmerte. Kurz darauf begann der Absturz.

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