Geldpolitik EZB warnt vor Turbulenzen an den Finanzmärkten

Die Lage an den europäischen Finanzmärkten ist vergleichsweise ruhig - doch das könnte sich bald ändern: Die Europäische Zentralbank sieht in ihrem Bericht zur Lage des Finanzsystems große Gefahren heraufziehen.

Händler an der Frankfurter Börse: Freude über EZB-Pläne
REUTERS

Händler an der Frankfurter Börse: Freude über EZB-Pläne


Die Gefahr abrupter Veränderungen an den Finanzmärkten ist laut Europäischer Zentralbank (EZB) gestiegen. Die größten Gefahren gingen von plötzlichen Umschwüngen an den Märkten aus, hieß es bei der Vorstellung des Finanzstabilitätsberichts der Notenbank. Das könne etwa durch einen Anstieg der Zinsen in den USA ausgelöst werden. Auch die Anfälligkeit der Schwellenländer - insbesondere China - spiele eine Rolle.

Die Währungshüter schätzen die Risiken für die Finanzstabilität im Währungsraum insgesamt momentan allerdings als gering ein. "Es gibt im allgemeinen ein niedriges Niveau an systemischen Risiken in der Eurozone", sagte EZB-Vizechef Vítor Constâncio.

Die EZB veröffentlicht zweimal im Jahr einen Bericht zur Lage des Finanzsystems im Währungsraum. Nach Einschätzung der Zentralbanker leiden die Banken in der Eurozone nach wie vor unter schwacher Profitabilität und einer nur schleppenden Erholung der Konjunktur. Von China ausgehende Turbulenzen an den Finanzmärkten und die Unsicherheiten der Griechenlandkrise hätten die Banken im zweiten Halbjahr aber gut verkraftet.

Bundesbank warnt EZB vor weiterer Geldflut

Die am 3. Dezember anstehende Zinsentscheidung der Notenbank wird sich laut Constâncio kaum auf die Stabilitätsrisiken auswirken. Im EZB-Rat wird diskutiert, noch mehr Staatsanleihen zu kaufen. Zentralbank Mario Draghi scheint entschlossen, damit die geringe Inflation bekämpfen zu wollen. "Die niedrige Inflation beeinflusst die Finanzstabilität", sagte EZB-Vize Constâncio. Unter anderem steige die reale Last des Schuldendienstes - sowohl für Staaten als auch für private Schuldner.

An der Frankfurter Börsetrieben die Spekulationen über noch mehr billiges Geld den Dax am Mittag wieder über die 11.000-Punkte-Marke. Der Kurs des Euro rutschte zur Freude der exportorientierten Wirtschaften Europas auf unter 1,06 Dollar - ein Siebenmonatstief.

Die Bundesbank warnte bei der Vorstellung ihres Stabilitätsberichts dagegen vor Risiken einer noch größeren Geldflut der EZB. "Je länger niedrige Zinsen andauern, umso mehr bestehen für die Marktteilnehmer Anreize, erhöhte Risiken einzugehen", sagte Vizepräsidentin Claudia Buch.

Gefährliche Übertreibungen kann die Bundesbank auf dem deutschen Finanzmarkt bisher aber nicht erkennen. So gebe es etwa bei Wohnimmobilien keine Preisblasen. Das liege auch daran, dass die Preissteigerung nicht auf Pump finanziert werde und Immobilienkredite weiterhin auf moderatem Niveau wüchsen. Derzeit sei das Risiko massiver Kreditausfälle bei einem Sinken der Preise gering, sagte Buch.

Somit halten sich für Deutschlands Banken die negativen Folgen der niedrigen Zinsen noch in Grenzen. Nur für kleinere und mittlere Institute könnten sie "zu einer ernsten Gefahr werden", warnte Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret. Anderes gelte für Lebensversicherer. Bei ihnen sei die Gefahr groß, dass sie Zinsversprechen künftig womöglich nicht mehr einhalten können.

apr/Reuters/dpa-AFX

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Seite 1
salkin 25.11.2015
1.
Eigentlich gehören die Aussagen der EZB in den Bereich der Satire. Was soll der Spruch "Die niedrige Inflation beeinflusst die Finanzstabilität". Auch eine geringe Inflation ist eine Inflation. Was passiert denn, wenn wegen der Nahostkrisen plötzlich der Ölpreis steigt und im Gefolge die Inflation? Erhöht dann die EZB die Zinsen? Dann kommt zu den Problemen der Wirtschaft noch ein dickes Problem wegen der Abschreibungen auf die Finanzanlagen hinzu. Dann müssen wieder Banken gerettet werden. Die EZB bringt sich mit ihrer Geldpolitik in die Situation zunehmend Staatsfinanzierer zu sein. Die im QE erworbenen Anleihen sind die Eurobonds von morgen.
axcoatl 25.11.2015
2. Ich warne auch - vor unsinnigen Schlagzeilen. ;-)
EZB warnt vor Risiken, Bundesbank warnt vor EZB - ich warne vor Zeitverschwendung durch leden dieses Artikels: Schlagzeile und Inhalt passen kaum zusammen. ;-)
Newspeak 25.11.2015
3. ...
"Es gibt im allgemeinen ein niedriges Niveau an systemischen Risiken in der Eurozone", sagte EZB-Vizechef Vítor Constâncio. Man kennt die systemischen Risiken doch gar nicht. Man will sie gar nicht kennen. Die ganzen faulen Bilanzen. An den Ursachen der letzten Finanzkrise hat sich kaum etwas geändert. Es gibt immer noch zuwenig Regulation und zuviel aufgeblasene Spekulation. Und ewiges Wachstum wird es auch morgen nicht geben, egal was "Finanzexperten" heute für feuchte Träume haben. Morgen erklären uns dieselben Leute mit denselben Daten die nächste Krise. Dieses System wird implodieren. Es fehlt nur ein äußerer Anlaß. Aber vielleicht wird ja noch das ein oder andere Kampfflugzeug abgeschossen...die Welt ist momentan so wahnsinnig, da würde mich gar nichts mehr wundern...
marthaimschnee 25.11.2015
4.
Jetzt hätte ich doch mal eine Frage an die Bundesbank: Wenn die Unmengen an Geld nicht in die Wirtschaft fließen (tun sie nachweislich nicht), nicht an die Verbraucher fließen (auch das tun sie nachweislich nicht), und keine Übertreibungseffekte an Immobilien- und Aktienmärkten hervorrufen, WAS ZUM TEUFEL PASSIERT DANN MIT DEM GELD??? Die propagieren hier einen Zustand, als würde dieses Geld gar nicht existieren! Man kann aber keine Billionen in Umlauf bringen, ohne daß das irgendeinen Effekt hat, denn irgendwer muß irgendwas damit machen und sei es nur, es irgendwo auf einen Haufen zu werfen, aber selbst das würde man sehen.
Peter Bernhard 25.11.2015
5.
Zitat von salkinEigentlich gehören die Aussagen der EZB in den Bereich der Satire. Was soll der Spruch "Die niedrige Inflation beeinflusst die Finanzstabilität". Auch eine geringe Inflation ist eine Inflation. Was passiert denn, wenn wegen der Nahostkrisen plötzlich der Ölpreis steigt und im Gefolge die Inflation? Erhöht dann die EZB die Zinsen? Dann kommt zu den Problemen der Wirtschaft noch ein dickes Problem wegen der Abschreibungen auf die Finanzanlagen hinzu. Dann müssen wieder Banken gerettet werden. Die EZB bringt sich mit ihrer Geldpolitik in die Situation zunehmend Staatsfinanzierer zu sein. Die im QE erworbenen Anleihen sind die Eurobonds von morgen.
Mein Theorem geht dahin, dass der niedrige Ölpreis den Nullzins möglich macht - von der "Kein Staatsbankrott" abhängt. Eine Erhöhung des Zinzes würde den Staatsbetrieb zum Erliegen bringen. Was ich nicht als Satire abtun möchte:"reale Last des Schuldendienstes" steige bei Deflation. Was heißt das? Dass bei Inflation nominell die Steuereinnahmen ansteigen? So also die Staatsschulden entschuldet werden? In einer Inflation? Das kann dann also - nach diesem Prinzip also noch besser, noch effektiver - durch galoppierende Inflation erfolgen. Dann - an sich ein sehr interessanter Gedanke, ich hatte die Möglichkeit, dasss EZB Angekauftes wieder verkauft wohl schon praktisch verdrängt - sind die Eurobonds wohl keine mehr, sondern vielleicht "Neos" oder so.
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