EZB-Entscheidung Warum Sparer auf höhere Zinsen noch lange warten müssen

Die Europäische Zentralbank leitet die Wende ein: Sie will ihr Anleihekaufprogramm bis zum Jahresende auslaufen lassen. Kommen die Zinsen jetzt zurück? Die wichtigsten Antworten im Überblick.
EZB-Präsident Mario Draghi

EZB-Präsident Mario Draghi

Foto: INTS KALNINS/ REUTERS

Steigt die Europäische Zentralbank (EZB) jetzt endlich aus ihrer expansiven Geldpolitik aus? Die EZB hat angekündigt, ihre monatlichen Käufe von Staatsanleihen bis zum Jahresende auslaufen zu lassen. "Es kommt etwas überraschend, dass sich die EZB so derart weit aus dem Fenster lehnt", sagte Holger Schmieding von der Berenberg Bank kurz nach der Entscheidung. Und Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, kommentierte: "Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung einer Normalisierung der Geldpolitik."

Doch was bedeutet die Entscheidung? Die wichtigsten Antworten.

Was hat der EZB-Rat beschlossen?

Die EZB hat beschlossen, ihre umstrittenen Anleihekäufe zum Jahresende auslaufen zu lassen. Außerdem halbiert sie das Volumen der monatlichen Käufe in den letzten drei Monaten des Jahres auf 15 Milliarden Euro. Aktuell kauft die Notenbank für monatlich 30 Milliarden Euro vor allem Staatsanleihen der Euroländer, um die Inflation im Währungsraum anzuschieben.

Geld aus auslaufenden Anleihen, die sich bereits in Besitz der EZB befinden, will die Notenbank allerdings noch so lange wie nötig in neue Wertpapiere investieren. Mit anderen Worten: Die EZB wird das Volumen der von ihr gehaltenen Anleihen ab 2019 nicht weiter erhöhen - aber es auch nicht reduzieren.

Warum kauft die EZB überhaupt massenhaft Anleihen?

Anfang 2015 hat die EZB damit begonnen, in großem Stil Anleihen aufzukaufen - vor allem Staatspapiere der Euroländer. Mehr als zwei Billionen Euro hat die EZB so in den vergangenen zweieinhalb Jahren bereits in das System gepumpt.

Die Idee hinter den Anleihekäufen ist, die Wirtschaft anzukurbeln. In der Theorie funktioniert das Grundprinzip des sogenannten Quantitative Easing so: Die EZB kauft Geschäftsbanken im großen Stil Staats- und Unternehmensanleihen ab. Die Banken und anderen Investoren bekommen durch den Verkauf von Anleihen frisches Geld gutgeschrieben. Mit diesem Geld können die Institute Anleihen oder Aktien von Unternehmen kaufen. Dadurch bekommen wiederum die Unternehmen frisches Geld, das sie zum Beispiel in neue Maschinen und Waren investieren können.

Das lässt, so die Hoffnung der EZB, die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen steigen - und damit auch die Verbraucherpreise.

Was bedeutet das Ende der Anleihekäufe?

Überraschend ist, wie klar die EZB die Zukunft ihrer Geldpolitik kommuniziert. Sie macht unmissverständlich klar, dass der Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik bald kommt: Die billionenenschweren Käufe werden definitiv enden. Danach ist der Weg frei für Zinserhöhungen.

Klar ist aber auch: Die Geldpolitik bleibt bis dahin expansiv. Denn die Alternative wäre gewesen, die Anleihekäufe schon im September enden zu lassen. Anleger reagierten deshalb hocherfreut auf die Entscheidungen: Die Aktienkurse legten in ganz Europa zu.

Ein weitere Möglichkeit für die EZB wäre gewesen, die Anleihekäufe gar nicht zu beenden und auf unbestimmte Zeit weiter laufen zu lassen, das hätte die Aktienkurse wohl noch stärker angetrieben. Aber hätte die Zentralbank mit einer Weichenstellung gezögert, hätte man das auch gut so verstehen können, dass sie sich von der jüngsten Entwicklung in Italien beeindrucken lässt. An den Finanzmärkten gab es jüngst Turbulenzen, weil die neue italienische Regierung aus Lega und Fünf-Sterne-Bewegung die öffentlichen Ausgaben in die Höhe treiben will. Mit ihrer Entscheidung an diesem Donnerstag hat die EZB deutlich gemacht, dass sie unbeirrt an ihrem Kurs festhält.

Denn die jüngsten Turbulenzen am Anleihemarkt waren laut EZB-Präsident Mario Draghi nur ein lokales Ereignis. Es habe keine Ansteckungsgefahren durch die jüngste politische Unsicherheit gegeben. "Die Nachrichten aus der Wirtschaft sind zwar nicht mehr so gut wie noch vor drei Monaten, aber sie sind noch überwiegend gut", sagte Draghi.

Trotz Handelskonflikt und Italienkrise kommt die EZB ihrem Inflationsziel von zwei Prozent langsam näher: Für das laufende Jahr erwartet die EZB nun eine Inflationsrate von 1,7 Prozent. 2019 und 2020 rechnen die Währungshüter ebenfalls mit 1,7 Prozent Preissteigerung.

Steigen jetzt die Zinsen wieder?

Bis die Sparer wieder mit deutlich höheren Zinsen rechnen können, dürfte es noch eine ganze Weile dauern. Denn die ultralockere Geldpolitik wird ja bis mindestens Dezember 2018 fortgesetzt.

Und es sind ja nicht nur die Anleihekäufe, die die Zinsen niedrig halten: Wohl noch wichtiger ist der sogenannte Leitzins, mit dem die EZB festlegt, zu welchem Zinssatz sich die Banken aus der Eurozone bei ihr Geld leihen können. Dieser Satz liegt seit März 2016 bei null Prozent - und soll mindestens bis Ende des Sommers 2019 auf seinem historischen Niedrigstand bleiben, wie Draghi ankündigte.

Das Beispiel USA zeigt, dass es auch dann noch ein bis zwei Jahre dauern kann, bis die Zinsen tatsächlich merklich steigen. Dort beendete die Notenbank Fed die Anleihekäufe im Oktober 2014, begann aber erst mehr als ein Jahr später mit einer vorsichtigen Mini-Zinserhöhung. Seit Mittwoch liegt der Leitzins wieder bei einer Spanne von 1,75 bis 2,0 Prozent - und auch das ist historisch gesehen noch sehr niedrig.