Geldpolitik Was Draghis langsame Wende bedeutet

Die Europäische Zentralbank leitet die Wende ein: Sie will weniger Anleihen kaufen. Doch was heißt das für Wirtschaft, Verbraucher und Anleger? Kommen die Zinsen jetzt zurück? Die wichtigsten Antworten im Überblick.
EZB-Präsident Mario Draghi

EZB-Präsident Mario Draghi

Foto: Arne Dedert/ dpa

Ist das die Wende, die sich gerade viele deutsche Sparer wünschen? Die Europäische Zentralbank hat angekündigt, ihre monatlichen Käufen von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren ab kommendem Januar zu halbieren. "Heureka - es ist vollbracht", jubelte Volkswirt Uwe Burkert von der Landesbank LBBW. "Wir haben lange darauf gewartet, heute ist es endlich so weit." Doch was bedeutet die Entscheidung für Wirtschaft und Anleger? Die wichtigsten Antworten.

Was hat der EZB-Rat beschlossen?

Im 25-köpfigen EZB-Rat dürfte es am Donnerstag hoch hergegangen sein. Die Entscheidung sei "nicht einstimmig" gefallen, gab Präsident Mario Draghi zu. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich zum Beispiel der deutsche Vertreter, Bundesbankpräsident Jens Weidmann, einen schnelleren Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik gewünscht hätte.

Nun aber gibt es ein Ergebnis - und das ist zumindest eine vorsichtige Wende in der Geldpolitik: Die EZB will ihr eigentlich Ende 2017 auslaufendes Programm zum Ankauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren verlängern - allerdings in deutlich reduziertem Umfang. Statt 60 Milliarden Euro pro Monat will die EZB nur noch die Hälfte, also 30 Milliarden Euro für die Anleihekäufe ausgeben. Und das bis mindestens Ende September 2018. Dabei behält es sich die Notenbank vor, den Umfang und die Dauer des Programms jederzeit zu erhöhen, falls das erforderlich sei.

Warum kauft die EZB überhaupt massenhaft Anleihen?

Anfang 2015 hat die EZB damit begonnen, in großem Stil Anleihen aufzukaufen - vor allem Staatspapiere der Euroländer, aber auch Unternehmensanleihen oder sogenannte Covered Bonds, also gedeckte Schuldverschreibungen. Mehr als zwei Billionen Euro hat die EZB so in den vergangenen zweieinhalb Jahren bereits in das System gepumpt - und es wird noch mehr werden.

Die Idee hinter den Anleihekäufen ist, die Wirtschaft anzukurbeln. In der Theorie funktioniert das Grundprinzip des sogenannten Quantitative Easing so: Die EZB kauft Geschäftsbanken im großen Stil Staats- und Unternehmensanleihen ab. Die Banken und anderen Investoren bekommen durch den Verkauf von Anleihen frisches Geld gutgeschrieben. Mit diesem Geld können die Institute Anleihen oder Aktien von Unternehmen kaufen. Dadurch bekommen wiederum die Unternehmen frisches Geld, das sie zum Beispiel in neue Maschinen und Waren investieren können. Das lässt, so die Hoffnung der EZB, die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen steigen - und damit auch die Verbraucherpreise.

Zudem haben die Anleihekäufe einen Effekt auf die Zinsen: Denn durch den Aufkauf von Staats- und Unternehmensanleihen steigt die Nachfrage nach diesen Papieren. Das hat zur Folge, dass die Renditen sinken. Und sinkende Renditen für Staats- und Unternehmensanleihen verringern die Finanzierungskosten für die Unternehmen. Sie kommen also leichter an Kredite und können besser investieren.

Dieser Mechanismus funktionierte bisher nur teilweise. Viele Unternehmen halten sich mit Investitionen noch immer zurück.

Steigen jetzt die Zinsen wieder?

Bis die Verbraucher wieder mit deutlich höheren Zinsen rechnen können, dürfte es noch eine ganze Weile dauern. Denn die ultralockere Geldpolitik wird ja bis mindestens September 2018 fortgesetzt. Jede Anleihe, die die EZB bis dahin kauft, erhöht den Anleiheberg in der Bilanz der Notenbank weiter - zumal die Notenbank auch Rückzahlungen aus auslaufenden Anleihen reinvestieren will, und zwar sogar über den September 2018 hinaus.

Und es sind ja nicht nur die Anleihekäufe, die die Zinsen niedrig halten: Wohl noch wichtiger ist der sogenannte Leitzins, mit dem die EZB festlegt, zu welchem Zinssatz sich die Banken aus der Eurozone bei ihr Geld leihen können. Dieser Satz liegt seit März 2016 bei null Prozent - und wird dort wohl auch noch lange bleiben.

Denn die Reihenfolge ist klar: Zuerst müssen die Anleihekäufe auf null zurückgefahren werden, bevor die EZB die Leitzinsen wieder anheben kann.

Das Beispiel USA zeigt, dass es auch dann noch ein bis zwei Jahre dauern kann, bis die Zinsen tatsächlich merklich steigen. Dort beendete die Notenbank Fed die Anleihekäufe im Oktober 2014, begann aber erst Ende 2015 mit einer vorsichtigen Mini-Zinserhöhung. Erst seit vergangenem Juni liegt der Leitzins wieder über einem Prozent - und auch das ist historisch gesehen noch sehr niedrig.

Warum geht die EZB so langsam vor?

Viele Experten, vor allem in Deutschland, wünschen sich einen schnelleren Ausstieg der EZB aus der ultralockeren Geldpolitik. Sie fürchten nicht nur, dass die mickrigen Zinsen die Altervorsorge der Sparer gefährden. Das viele billige Geld führe auch zu gefährlichen Spekulationsblasen an den Aktien- und Immobilienmärkten.

Der EZB-Spitze sind diese Risiken zwar bekannt. Sie fürchtet aber, dass ein zu schneller Ausstieg die wirtschaftliche Erholung gefährden und die Finanzmärkte ins Chaos stürzen könnte.

Konkret sind es drei Gründe, die die EZB so vorsichtig agieren lassen:

  • Die Preise steigen zu langsam: Das Mandat der EZB lautet Preisstabilität - und die sehen die Währungshüter nach eigener Definition bei einer Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent gewährleistet. Lange Zeit war die Wirtschaft der Eurozone weit von diesem Ziel entfernt, doch seit einigen Monaten nähert sie sich an - sicher auch ein Verdienst der EZB-Politik. Im September lag die Rate immerhin bei 1,5 Prozent, in Deutschland sogar bei 1,8 Prozent. Für Draghi ist das allerdings nicht genug. Seine Ökonomen prophezeien sogar wieder einen Rückgang der Teuerung auf 1,2 Prozent im kommenden Jahr.
  • Die Löhne wachsen nur schwach: Ein großes Hindernis für eine schnellere Zinswende ist der vergleichsweise langsame Anstieg der Löhne. Bei einer so gut laufenden Wirtschaft wie derzeit in großen Teilen der Eurozone müssten nach ökonomischer Theorie eigentlich längst auch die Löhne kräftig anziehen - gerade in Deutschland, wo qualifizierte Arbeitskräfte schon knapp werden. Doch der Anstieg bleibt äußerst verhalten. Warum das so ist, können auch Experten nicht richtig erklären.
  • Die Finanzmärkte mögen keine Überraschungen: Draghi nimmt mit seiner behutsamen Linie sehr große Rücksicht auf die Empfindsamkeiten der Investoren an den Finanzmärkten. Bloß nicht erschrecken, heißt die Devise.

Geht der Boom an den Börsen jetzt weiter?

Vorerst wohl ja. Seit Jahren werden die europäischen Börsen durch die ultralockere Geldpolitik der EZB angetrieben und gestützt. Denn wegen der niedrigen Zinsen bringen Anleihen kaum mehr Rendite. Und das viele Geld, das die EZB durch ihr Programm in den Markt pumpt, geben Investoren aus, um Aktien zu kaufen. Das treibt die Kurse nach oben. Die Anleger reagierten auch am Donnerstag wieder hocherfreut auf die Ankündigungen aus Frankfurt. Der Dax stieg gleich nach der Entscheidung der Notenbanker.

Und so wird es erst einmal weitergehen. Denn bevor es zum endgültigen Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik kommt, dürften noch Jahre vergehen.

Klar ist aber auch: Aufgrund der hohen Bewertungen von Aktien müssen sich Anleger mit deutlich bescheideneren Renditeerwartungen zufriedengeben. Dass Aktien in den nächsten Monaten noch mal richtig kräftig steigen, gilt als unwahrscheinlich.

Trotz dieses geringeren Renditepotenzials gibt es zur Aktie nach wie vor keine Alternative, weil Staatsanleihen und Festgeld nur mickrige Renditen abwerfen. Dass große Investorengruppen anfangen, Aktien zu verkaufen, ist deshalb noch nicht in Sicht. Irgendwo müssen sie ihr Geld ja anlegen.

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