FAA-Chef zum Boeing-Debakel Wenig Antworten - aber jede Menge Ausflüchte

In der Boeing-Krise steht auch die US-Flugaufsicht FAA in der Kritik. Jetzt musste sich ihr kommissarischer Leiter vor dem Senat verantworten. Die Zweifel konnte er nicht ausräumen.
Daniel Elwell kommt zur Senatsanhörung in Washington

Daniel Elwell kommt zur Senatsanhörung in Washington

Foto: Alex Brandon/ AP

Daniel Elwell ist ein altgedienter Pilot. Er absolvierte die Air Force Academy, die Eliteschule der US-Luftwaffe, flog Militärjets im Golfkrieg und dann 16 Jahre lang Zivilmaschinen für American Airlines, darunter Boeing 757 und 767, bevor er ins Management wechselte und schließlich zur staatlichen Luftaufsicht FAA.

Am Mittwoch jedoch kam Elwell ins Schwitzen, ohne den Boden zu verlassen: Zweieinhalb Stunden lang musste er vor dem US-Senat Rechenschaft ablegen zur kontroversen Rolle der FAA - die er kommissarisch leitet - in der Boeing-Krise.

Die Anhörung war bezeichnend für die gesamte Debatte seit den Abstürzen von zwei baugleichen Boeing-Jets  in Indonesien und Äthiopien, bei denen 346 Menschen umkamen: Es gab viele Fragen, wenig Antworten - doch jede Menge Ausflüchte.

Der FAA, die zum US-Verkehrsministerium gehört, wird unbotmäßige Nähe zur Branche vorgeworfen, die sie kontrolliert. Sie hatte das fragliche Boeing-Modell 737 Max und seine umstrittene Steuerungssoftware MCAS im Schulterschluss mit Boeing genehmigt und dann nach dem jüngsten Absturz länger als alle anderen Aufsichtsbehörden weltweit gewartet, um die 737 Max aus dem Verkehr zu ziehen.

Haben die Kontrolleure versagt? Gab es Kungeleien mit Boeing? War Geld wichtiger als die Sicherheit der Passagiere? Der Luftfahrt-Unterausschuss des Senats wollte das und noch viel mehr wissen und hatte Elwell als Zeugen vorgeladen - außerdem Robert Sumwalt, den Chef der Schwesterbehörde NTSB, die Flugzeugabstürze untersucht, und Calvin Scovel, den Generalinspekteur des Transportministeriums.

Die Herren hockten wie identische Drillinge da: straff gescheitelte Silberhaare, Brillen, dunkle Anzüge, rote Krawatten. Fast identisch waren auch ihre mal nichtssagenden, mal technokratischen Repliken auf die spitzen Vorwürfe der Senatoren, die sich ausnahmsweise einig waren, über alle Parteigrenzen hinweg.

Elwell, Sumwalt und Scovel (v.l.)& bei der Anhörung in Washington

Elwell, Sumwalt und Scovel (v.l.)& bei der Anhörung in Washington

Foto: Andrew Harnik/ DPA

"Wir müssen besser werden", sagte der Republikaner Ted Cruz in Richtung der Zeugen. Der Demokrat Richard Blumenthal zeigte sich "schockiert" über die laxe US-Flugaufsicht und warf der FAA vor, "den Bock zum Gärtner gemacht" zu haben, indem sie die Prüfung kritischer Systeme aus Kostengründen Boeing überlasse: "Wenn ich an Bord dieser Maschinen gewesen wäre, hätte ich einen Fallschirm haben wollen."

Dem hatten Elwell, Sumwalt und Scovel wenig entgegenzusetzen. Immer wieder wichen sie den - oft naiven - Fragen der Senatoren aus. Warum überlässt die FAA die Sicherheitsprüfung eines Produkts dem Hersteller? Warum erlaubt sie, dass Boeing einige Warnsysteme nicht automatisch ins Cockpit einbaut, sondern nur gegen eine Extragebühr - "à la carte", wie es Senator Ed Markey formulierte? Wie funktioniert MCAS überhaupt?

"Ich bin mir nicht sicher, was Sie meinen."

"Das muss ich Ihnen zu einem späteren Zeitpunkt herausfinden."

"Die Antwort darauf weiß ich nicht."

Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert

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Statt Antworten zu liefern, übte sich vor allem Elwell - dem langjährige Kontakte zu Industrie-Lobbyisten nachgesagt werden - in Eigenlob. "In den vergangenen zehn Jahren gab es im kommerziellen US-Flugverkehr nur einen Passagier-Todesfall", beteuerte er. Im April 2018 war das: Eine Frau kam um, als ein Triebwerk in der Luft explodierte und ein Fenster zerbersten ließ. Die betroffene Maschine: eine Boeing 737-700.

Die beiden anderen Zeugen fanden immerhin ein paar kritische Worte - für die FAA, für Boeing und für die Airlines. "Selbstgefälligkeit ist ein Feind, der nichts verzeiht", sagte NTSB-Chef Sumwalt. Sein Büro, so Generalinspekteur Scovel, habe "Schwachstellen bei der FAA" entdeckt. Ein kompletter Untersuchungsbericht, kürzlich in Auftrag gegeben von Transportministerin Elaine Chao, sei in Arbeit.

Chao - die Ehefrau des republikanischen Senatschefs Mitch McConnell - war kurz zuvor vor einem anderen Ausschuss erschienen. "Wir haben viele wichtige Fragen", sagte sie da und nannte die Vorwürfe gegen die FAA und Boeing "beunruhigend".

Seit Januar hat die Behörde ohnehin nur einen kommissarischen Leiter. US-Präsident Donald Trump, der erst seinen Ex-Privatpiloten zum neuen FAA-Chef machen wollte, hat jetzt immerhin den früheren Delta-Manager Steve Dickson nominiert. Zugleich will Trump das Budget der FAA aber noch weiter kürzen: In seinem neuen Haushaltsentwurf für 2020 hat er 17,1 Milliarden Dollar für die Flugaufsicht veranschlagt, das sind 400 Millionen Dollar weniger als im laufenden Jahr.

Kein Wunder also, dass die Behörde die Zertifikation der Boeing-Jets an den Konzern ausgesondert hat. Elwell verwies darauf, dass das seit gut 60 Jahren üblich sei und die FAA keine andere Wahl habe: Wenn sie das mit eigenen Mitteln machen müsste, würde das 1,8 Milliarden Dollar mehr kosten - und rund 10.000 zusätzliche Mitarbeiter.

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