Facebook-Chef vor dem US-Kongress Zuckerberg und Peitsche

Diesmal wirkte er menschlicher: Sechs Stunden lang stellte sich Mark Zuckerberg dem Kongress. Vor allem die Demokraten machten aus dem Termin eine Generalabrechnung mit Facebook und seinem Chef.
Zuckerberg im US-Kongress: "Mir geht es okay"

Zuckerberg im US-Kongress: "Mir geht es okay"

Foto: MICHAEL REYNOLDS/EPA-EFE/REX

Eines weiß man mit Sicherheit nach der sechsstündigen Anhörung von Mark Zuckerberg in Washington: Er ist ein menschliches Wesen. Als der Facebook-Chef zuletzt vor 18 Monaten vor dem US-Kongress ausgesagt hatte, war in den sozialen Netzwerken der Verdacht aufgekommen, dass es sich bei ihm nicht um einen Menschen, sondern einen Android handelt. Zuckerberg zuckte über lange Strecken mit keinem Augenlid, das Video, in dem er wie ein ferngesteuerter Roboter am Wasserglas nippte, wurde zum Klickhit.

Seitdem hat der Facebook-Gründer offenbar den öffentlichen Auftritt trainiert: Er trank ostentativ aus der Flasche und bat zwischendurch sogar um eine Pause, um menschliche Bedürfnisse zu erledigen. Geblieben ist Zuckerbergs fransige Ratzfatz-Frisur, die die Abgeordnete Katie Porter zu der Bemerkung veranlasste, als Mutter eines Teenagers sei sie dankbar, dass jemand den Kurzhaarschnitt hoch halte. Zuckerberg lächelte an dieser Stelle - fast jedenfalls.

Viel zu lachen hatte der Gründer des Tech-Konzerns an diesem Tag nicht.

Vor allem die Demokraten nutzten die Befragung zum Projekt der Digitalwährung Libra zur Generalabrechnung mit dem sozialen Netzwerk und seinem Chef - sowie zur ausführlichen Selbstdarstellung. Es begann mit einer fünfminütigen Wutrede der Ausschussvorsitzenden Maxine Waters, die Zuckerberg neben vielem anderen vorwarf, Politikern eine "Lizenz zum Lügen" ausgestellt zu haben. Die Demokraten laufen Sturm gegen die Entscheidung von Facebook, sein Faktencheck-Verfahren nicht auf politische Anzeigen oder Aussagen von Politikern anwenden zu wollen. Sie fürchten, dass US-Präsident Donald Trump den Freibrief zur Desinformation der Wähler im Präsidentschaftswahlkampf 2020 reichlich ausnutzen wird.

Tatsächlich strauchelte Zuckerberg beim Versuch, kohärent zu erklären, in welchen Fällen und nach welchen Kriterien Facebook Beiträge zensiert oder auch nicht. Ob sie Anzeigen schalten könnte, mit der erfundenen Behauptung, dass ein republikanischer Kandidat ihren Klimaplan Green New Deal - Teufelszeug in den Augen der Konservativen - unterstütze, fragte Alexandria Ocasio-Cortez. "Ich weiß es nicht", musste Zuckerberg zugeben.

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Im dunklen Anzug und mit Krawatte war der 35-Jährige in den Kongress gekommen. Saß der Milliardär zu Beginn vor den Abgeordneten wie ein Pennäler bei der Strafpredigt des Schuldirektors, gewann er im Laufe der Stunden zunehmend an Sicherheit.

Das dürfte auch daran gelegen haben, dass eine Reihe republikanischer Parlamentarier sich geradezu darin überschlug, ihn als fantastischen Entrepreneur zu feiern. Oder die Gelegenheit nutzte, über Risiken von Impfungen oder andere Lieblingsthemen zu monologisieren. Mehrfach schnitten die Befrager ihrem Zeugen bei der Antwort das Wort ab, als stehle er ihnen wichtige Kamerazeit. Zuckerberg ersparte das, zu sehr ins Detail gehen zu müssen. Dafür beteuerte er, dass er nur das Gute wolle und steuerte Plattitüden bei wie die, dass sich " prinzipiell alle Unternehmen an Gesetze halten sollten". Stets aber bedankte er sich für die Frage und vergaß nie, die Politiker respektvoll zu titulieren.

Zuckerberg kurz vor Beginn der Anhörung

Zuckerberg kurz vor Beginn der Anhörung

Foto: Win McNamee/ AFP

Ins Schwimmen allerdings geriet der Unternehmenschef bei Themen, die er selbst nicht als wesentlich für sein Geschäftsmodell wahrzunehmen scheint: Zum Beispiel bei der Frage, wie viele der 21 Mitglieder der Libra-Association von Frauen oder Mitgliedern der LGBTQ+-Community geführt würden. Auch konnte Zuckerberg keine Mitglieder seiner mit Tamtam gegründeten Taskforce für Bürgerrechte benennen.

Facebook muss sich rechtfertigen

Der Tag zeigte: Facebook steht wie die anderen Tech-Riesen zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Auf beiden Seiten der politischen Lager in Washington herrscht Einigkeit darüber, dass die Plattform noch viele Versäumnisse abzuarbeiten hat, was den Datenschutz und den Umgang mit Hasspropaganda angeht. Zuckerberg gab sich verständig, versicherte aber, dass man seit den Wahlkampfmanipulationen Russlands 2016 viel Geld und Mühe in die verbesserte Sicherheit des Datennetzwerks investiert habe.

Seine Verteidigungslinie: Wir wollen das Gute, es geht uns nicht ums Geld.

Den massiven Widerstand nicht nur der Demokraten, sondern auch der US-Regierung gegen das neue Zahlungssystem Libra versuchte er mit der Versicherung zu kontern, dass Facebook das Projekt ohne die Zustimmung der US-Aufsichtsbehörden nicht starten werde. Bei den Republikanern scheint dabei vor allem das Argument anzukommen, dass China den USA den Rang ablaufen könnte: "Unsere Führungsrolle im Finanzsystem ist nicht garantiert", warnte der Facebook-Chef. Mehrere Abgeordnete forderten ihn auf, nicht die Schweiz, sondern die USA zum Sitz des Libra-Projekts zu machen. "Bringen Sie es heim und sorgen Sie dafür, dass es amerikanisch bleibt", bat der Texaner Lance Gooden.

Zuckerberg nahm das so stoisch hin wie das vergiftete Lob eines Republikaners, der Tech-Gründer aus dem Valley habe doch viel mit dem Unternehmer Trump gemein. Der CEO, der öffentliche Auftritte lange möglichst gemieden hat, hat akzeptiert, dass er das Gesicht von Facebook ist: Für die einen als der Erfinder eines der erfolgreichsten Unternehmen Amerikas. Für die anderen als sozialer Brandstifter. Facebook "taucht systematisch an jedem Ort des Verbrechens auf", sagte der Demokrat Gregory Meeks. "Glauben Sie, das ist Zufall?"

"Naja", antwortete Zuckerberg. "Wir sind ja auch in fast allen Ländern der Welt vertreten." Er war in der Defensive, und nicht nur an diesem Tag. Facebook spürt heftigen Gegenwind in Amerika. 47 Bundesstaaten haben gemeinsam Ermittlungen wegen möglichen Verstößen gegen das Kartellrecht eingeleitet. Die aussichtsreiche Präsidentschaftsbewerberin der Demokraten, Elizabeth Warren, propagiert die Zerschlagung des Unternehmens.

Zuckerbergs Charmeoffensive

Der Chef höchstpersönlich betreibt deswegen inzwischen Lobbyarbeit - öffentlich und hinter den Kulissen. Zu seiner Charmeoffensive gehört, dass er in den vergangenen Monaten mehrere Abgeordnete und Senatoren beider Parteien zum Dinner in eines seiner Domizile in Kalifornien bat. Und er versucht den Vorwurf zu entkräften, dass das Netzwerk zu Lasten der Konservativen agiert. Zuckerberg hat nicht nur Trump getroffen, sondern auch dessen einflussreichen Schwiegersohn Jared Kushner. Er traf konservative Journalisten und gab Trumps Haussender Fox ein Interview.

Er sei "im Moment nicht der ideale Botschafter" für das umstrittene Libra-Projekt, erklärte Zuckerberg im Kongress. Vielleicht aber stimmt auch das Gegenteil: "Sie sind vermutlich die richtige Person zur richtigen Zeit, um die Schläge einzustecken", so der kalifornische Volksvertreter Juan Vargas. Andere ließen gar so etwas wie Mitleid erkennen. Wie es ihm gehe, fragte ein Abgeordneter den Zeugen. "Es geht mir okay", antwortete Zuckerberg nach kurzem Zögern. "Das war ehrlich. Danke", konstatierte der Frager.

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