Facebook-Chefs Zuckerberg und Sandberg Beziehungsstatus: schwierig

Propaganda, Fake News, Datenleck: Wegen diverser Skandale hat Facebook zuletzt rund 240 Milliarden Dollar Börsenwert verloren. Erstes Opfer der Krise könnte Topmanagerin Sheryl Sandberg sein.
Sheryl Sandberg (l.) und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg

Sheryl Sandberg (l.) und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg

Foto: Drew Angerer/ Getty Images

Sheryl Sandberg war mal heilig. Die Facebook-Geschäftsführerin stilisierte sich mit "Lean In", ihrer Karrierebibel für Frauen, zur feministischen Ikone. Den Tod ihres Mannes verarbeitete sie später als Selbsthilfe-Handbuch für Trauernde. Als das warme Gesicht einer kalten Branche gab sie dem Silicon Valley einen guten Namen.

Doch plötzlich hat sich die Situation für die 49-Jährige gedreht. Denn Facebook leidet derzeit unter mehreren Krisen gleichzeitig. Konzernchef Mark Zuckerberg steht dabei zwar als Erster im Kreuzfeuer, aber da sein Status vorerst unantastbar bleibt, gerät zusehends seine Nummer zwei in die Schusslinie.

Sandberg und Zuckerberg im Jahr 2014

Sandberg und Zuckerberg im Jahr 2014

Foto: Andrew Gombert/ picture alliance / dpa

Seit 2008 ist Sandberg Zuckerbergs "Hitzeschild": Sie beschützt den 15 Jahre jüngeren Mann an der Spitze. Doch jetzt meldete das "Wall Street Journal", Zuckerberg habe Sandberg persönlich für Teile der Misere verantwortlich gemacht. Nach außen hin demonstriert das Führungsduo zwar weiterhin Geschlossenheit, doch allein dass eine solche Story lanciert wurde, offenbart die neue Brisanz.

Zwar wachsen Facebooks Nutzerzahlen weltweit weiter: Im vergangenen Quartal vermeldete der Social-Media-Gigant 2,3 Milliarden monatlich aktive User, zehn Prozent mehr als vor einem Jahr. Doch in Europa sinkt die Zahl seit Anfang 2018, anderswo bremst sich der Anstieg ab. Gleiches gilt für den Umsatz.

Am klarsten lassen sich die Turbulenzen am Börsenkurs ablesen: Seit ihrem Jahreshoch Ende Juli ist die Facebook-Aktie um fast 40 Prozent eingebrochen, stärker als der trudelnde Nasdaq-100, der Index der wichtigsten Werte an der Tech-Börse. Facebooks Marktwert ist damit um mehr als 240 Milliarden Dollar geschrumpft.

Facebook-Aktie an der New Yorker Börse

Facebook-Aktie an der New Yorker Börse

Foto: Drew Angerer/ AFP

Ein Skandal jagt den anderen. Facebooks Verstrickung in die Wahlmanipulation 2016 war da nur der Anfang - und ist seinerseits keineswegs ausgestanden.

  • Der Definers-Skandal
    Wie die "New York Times" enthüllte, vertuschte Facebooks Top-Management die wachsenden Probleme nicht nur, sondern versuchte, Kritiker mit perfiden Mitteln zu diskreditieren. Facebook gab zu, die PR-Agentur Definers Public Affairs engagiert zu haben. Laut "NYT" brachte Definers eine Anti-Facebook-Gruppe mit dem Milliardär George Soros in Zusammenhang, der schon oft zur Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen wurde - und neulich sogar zum Adressat einer Paketbombe. Sandberg übernahm vorige Woche verspätet Verantwortung für das Engagement der Agentur, von der sich Facebook mittlerweile getrennt hat.
  • Der Cambridge-Analytica-Skandal
    Der bisher folgenschwerste Skandal dreht sich um die politische Datenfirma Cambridge Analytica: Sie war an die Daten von fast 90 Millionen Facebook-Nutzern gekommen. Cambridge Analytica nutzte diese Daten unter anderem im US-Wahlkampf 2016, um Wähler zugunsten Trumps zu beeinflussen. Zuckerberg soll Sandberg für das Debakel direkt haftbar gemacht haben - auf so dramatische Weise, dass sie um ihren Job gefürchtet haben soll.
  • Der Daten-Skandal
    Im Oktober meldete Facebook, durch eine Verkettung von "Software-Fehlern" seien die persönlichen Daten von 30 Millionen Nutzern für Dritte zugänglich gewesen. Bei 14 Millionen Nutzern seien sensible Informationen abhandengekommen (Namen, Geburtstage, Arbeitsplätze, Wohn- und Aufenthaltsorte). Wie so oft gestand Facebook die Wahrheit erst viel zu spät.
  • Der Fake-News-Skandal
    Facebooks Bemühungen, Fake News in den Griff zu bekommen, sind bisher nur von durchwachsenem Erfolg gekrönt. So verbannte es den rechtskonservativen Verschwörungstheoretiker Alex Jones und seine "Infowars"-Seite, aber erst, nachdem andere Tech-Konzerne das auch getan hatten, zum Beispiel Apple. Hetzerische Posts von Trump - und vielen anderen - blieben dagegen bestehen.
  • Der Genozid-Skandal
    Die Vereinten Nationen beschuldigen Facebook, den Genozid an der muslimischen Rohingya-Minderheit in Myanmar indirekt mit angeheizt zu haben, durch die Weiterverbreitung einer Desinformationskampagne des dortigen Militärs. Facebook gab zu, dass seine Plattform bei der Fake-News-Propaganda eine Rolle gespielt habe, und löschte Accounts mit insgesamt 1,3 Millionen Followern.

Acht Parlamente weltweit nehmen Facebook inzwischen ins Visier, allen voran der US-Kongress. Das Repräsentantenhaus wird ab Januar zudem von den ermittlungsfreudigen Demokraten kontrolliert. "Auf Facebook ist kein Verlass, dass es sich selbst reguliert", twitterte der Abgeordnete David Cicilline, der wahrscheinlich den Kartell-Unterausschuss leiten wird, schon mal vorsorglich.

Zuckerberg dürfte trotzdem vorerst nicht gefährdet sein - auch dank eines Zwei-Klassen-Systems unter den Aktionären, dass Börseninvestoren vergleichsweise machtlos hält und dem Gründer immer noch eine Mehrheit der Stimmrechte garantiert.

Sandberg hingegen muss um ihren Job bangen. Der prominente CNBC-Börsenanalyst Jim Cramer prophezeite unlängst, dass Facebooks Aktie prompt steigen würde, sobald Sandberg das Unternehmen verließe oder gefeuert würde.

Scott Galloway, ein Marketingprofessor an der New York University, forderte sogar den Abgang beider, Zuckerbergs und Sandbergs. Der "NYT" sagte er: "Manager werden für einen Bruchteil dessen gefeuert, was diese zwei angerichtet haben."