Facebook kauft WhatsApp Mobile Zeitenwende

19 Milliarden Dollar für WhatsApp? Der Kauf des Chat-Dienstes lässt viele ratlos zurück, aber Facebook-Chef Mark Zuckerberg tat das einzig Richtige: Er übernahm einen übermächtigen Konkurrenten, solange er sich ihn noch leisten konnte.
Facebook kauft WhatsApp: Mobile Zeitenwende

Facebook kauft WhatsApp: Mobile Zeitenwende

Foto: Arno Burgi/ dpa

Berlin - Es ist eine der größten Übernahmen in der Geschichte der IT-Industrie. 19 Milliarden Dollar nimmt Facebook-Chef Mark Zuckerberg in die Hand, um den mobilen Handy-Dienst WhatsApp zu kaufen. Das ist fast so spektakulär wie eine andere Großfusion aus dem Jahr 2001: Seinerzeit übernahm der Computerbauer Hewlett-Packard für 25 Milliarden Dollar seinen Konkurrenten Compaq.

Zwölfeinhalb Jahre liegen zwischen den Deals, nach normalen Maßstäben nicht viel. In der IT-Welt sind es Äonen. Eine Software-Firma mit gut 50 Mitarbeitern ist jetzt fast so viel wert wie 2001 ein Computerbauer mit Zehntausenden Beschäftigten, Dutzenden Milliarden Dollar Umsatz und riesigen Fabriken. Selbst im Silicon Valley, dem Königreich der Finanzblasen und gigantomanen Firmenwerte, ist man baff. "Die haben wohl ein Komma nach der Eins vergessen", kommentiert ein Google-Manager. Ein Yahoo-Ingenieur hält den Deal für "durchgeknallt".

Man kann das auch anders sehen. Man könnte den Deal weitsichtig nennen. Oder, negativ ausgedrückt, einen Akt der Verzweiflung.

Der teure WhatsApp-Kauf durch Facebook wird verständlich, wenn man zwei parallele Entwicklungen nachvollzieht. Den Wandel der Endgeräte, mit denen Nutzer online gehen. Und die Art, wie das Internet das soziale Leben abbildet.

Die Evolution der Netz-Gesellschaft

2001 herrscht mit Blick auf die Endgeräte noch stationäre Steinzeit. Die meisten Nutzer haben einen PC-Turm unter dem Schreibtisch stehen und gehen per Netzwerkkabel online. Auf Reisen gehen sie ins Internet-Café. Der soziale Austausch beschränkt sich größtenteils auf E-Mails. PC und Handy sind getrennte Welten, doch verschickt man schon fleißig SMS.

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WhatsApp-Übernahme: Das sind die Profiteure des Deals

Foto: Justin Sullivan/ Getty Images

Wenige Jahre später beginnt bei den Endgeräten das nomadische Zeitalter. Immer mehr Leute besitzen einen Laptop, sie können sich unterwegs niederlassen, um damit zu arbeiten und online zu gehen, immer öfter auch per W-Lan. Gleichzeitig entstehen die ersten sozialen Medien. 2003 geht MySpace online, 2004 Facebook.

2007 bringt Apple sein iPhone heraus, und das mobile Zeitalter der Endgeräte beginnt. Gleichzeitig boomt das soziale Internet: 2008 vernetzt Facebook schon rund 150 Millionen Menschen miteinander. Rasch wird die Seite zum detaillierten Online-Abbild unseres Soziallebens - und zu dessen zentraler Plattform im Netz. Schell tummeln sich auf dieser Plattform Läden, Spiele und viele andere Dienste. Facebook kassiert kräftig mit.

Heute, im Jahr 2014, ist das soziale Internet fest etabliert. Gleichzeitig erleben die mobilen Endgeräte ihre Blütezeit. In immer mehr Ländern gibt es günstige Smartphones und Tablet-PC, erschwinglich für die breite Masse. Es gibt fast überall W-Lan, auch im Telefonnetz wachsen die Bandbreiten.

Mobiles Zeitalter

Für Facebook ist das eine ernste Bedrohung. Auf stationären und nomadischen Geräten war die Firma der Pionier der sozialen Medien. Auf den mobilen Endgeräte dagegen hinkt das Netzwerk der Konkurrenz hinterher. Messenging-Dienste bilden das soziale Leben auf dem Handy gleich aus mehreren Gründen besser ab als Facebook.

Zunächst sind sie die natürliche Fortführung der SMS-Kultur, einem seit der Handy-Anfangszeit etablierten Kommunikationsweg. Zudem sind die schlanken, hochspezialisierten Apps für kleine Handy-Bildschirme optimiert; Facebook dagegen versucht noch immer, das komplette Sozialleben eines Menschen abzubilden, die App wirkt schwerfällig und überladen. Chat-Dienste befriedigen ferner - zumindest oberflächlich - das Bedürfnis der Nutzer nach mehr Privatsphäre; auf Facebook dagegen soll möglichst viel öffentlich sein.

Der Siegeszug der Messenging-Dienste bedroht das Kerngeschäft von Mark Zuckerbergs Firma. Facebook könnte bald nicht mehr die zentrale Plattform für das soziale Leben im Netz sein. Rasch könnte dieser Status verlorengehen.

2013 nutzten nach Schätzungen des Marktforschungsunternehmens Ovum weltweit rund eine Milliarde Nutzer mobile Chat-Dienste; bis Ende 2014 könnte sich die Zahl verdoppeln. Die Zahl der mobil verschickten Chat-Nachrichten könnte im selben Zeitraum von 27,5 auf rund 71,5 Billionen wachsen.

Facebook hat davon nicht viel. Der hauseigene Messenger ging erst 2011 online und ist bislang nur in den USA und Kanada einigermaßen verbreitet. In anderen Ländern haben Dienste wie Weixin (China), Line (Japan), Kaokao (Südkorea) längst Hunderte Millionen aktive Nutzer an sich gebunden. WhatsApp wächst sogar global: Der Dienst ist in Brasilien und Indien ebenso populär wie in Europa, Australien oder Neuseeland, und er macht Facebook auch in Kanada und den USA Konkurrenz.

Schnell und schmutzig

Das Tempo der Veränderung ist gewaltig. Binnen vier Jahren hat WhatsApp rund 450 Millionen aktive Nutzer gewonnen - dreimal so viel wie es Facebook in seinen ersten vier Firmenjahren schaffte. Tendenz: stark steigend. Derzeit soll WhatsApp täglich eine Million Nutzer hinzugewinnen. Facebook-Chef Zuckerberg sieht den Dienst schon bald bei einer Milliarde Nutzern.

Auch die Monetarisierung der Chat-Dienste hat längst begonnen. Die App Kaokao beherbergt zahlreiche Online-Spiele und verdient mit diesen Hunderte Millionen Dollar. Die chinesische App Weixin ist für ihre mehr als 300 Millionen aktiven Nutzer auch ein alternatives Facebook: Nutzer posten dort ihre Statusmeldungen. Als nächstes will sich der Dienst auch noch zum zentralen mobilen Bezahldienst aufschwingen.

Facebooks Vorherrschaft ist also stark bedroht. WhatsApp könnte der Schlüssel sein - weltweit. Der Deal mag teuer erscheinen. Doch vielleicht war er die einzige Chance, im mobilen Netz relevant zu bleiben. In einigen Monaten schon hätte sich Zuckerberg WhatsApp womöglich gar nicht mehr leisten können - und sein Daten-Imperium wäre nach und nach von den mobilen Emporkömmlingen erobert worden.

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