Kritik an Facebook-Gründer Zuckerberg "Fast wie bei Fidel Castro"

"Imperator auf Lebenszeit": Yale-Professor Jeffrey Sonnenfeld glaubt, dass der interne Kult um Firmenchef Mark Zuckerberg den aktuellen Datenskandal erst ermöglicht hat und das Geschäftsmodell zerstören kann.

Jeffrey Sonnenfeld, Jahrgang 1954, ist Professor für Management an der US-Eliteuniversität Yale. Sein Forschungsschwerpunkt: Seit Jahrzehnten schaut er Amerikas Top-Firmenvorständen auf die Finger, den CEOs der großen Konzerne.

Über Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat Sonnenfeld schon einmal den wenig schmeichelhaften Satz gesagt, der Gründer des Netzwerks demonstriere die "unfassbare Kühnheit, nicht zu lernen und nicht zuzuhören".

Jeffrey Sonnenfeld

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Foto: AP/The Womens Forum of New York)

Sonnenfeld sieht sich nun bestätigt angesichts des Skandals um die Nutzung von Millionen Facebook-Nutzerdaten durch die zwielichtige Kampagnenfirma Cambridge Analytica - und angesichts des verheerenden Krisenmanagements des Konzerns.

Im Interview erklärt der Forscher, warum Zuckerberg zum größten Problem für seine eigene Firma wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie Facebooks Krisenmanagement im Datenskandal?

Sonnenfeld: Die Leiter des Unternehmens haben die Tragweite des Skandals völlig falsch eingeschätzt. Sie haben es wie ein reines PR-Problem angesehen, aber es geht um den Kern des Geschäftsmodells von Facebook: den Umgang mit Daten.

SPIEGEL ONLINE: Was lief schief?

Sonnenfeld: Zuckerberg hat Tage gebraucht, bis er sich überhaupt geäußert hat. Dabei ist der Missbrauch von Daten durch Cambridge Analytica doch nur die Spitze des Eisbergs. Facebook hat viele Probleme mit russischen Einflussoperationen, mit Fake News. Ihr eigener Sicherheitschef hat sie 2015 darauf aufmerksam gemacht. Aber das Management hat es bis zuletzt öffentlich geleugnet.

SPIEGEL ONLINE: Sind das Anzeichen für tiefer liegende, strukturelle Probleme in der Unternehmensführung?

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Sonnenfeld: Wir sehen bei der Führung von Facebook eine gewisse Selbstgefälligkeit. Sie glaubt offenbar, über jeden Zweifel erhaben zu sein. Da ist diese kulthafte, fast religiöse Überzeugung, dass alles gut sei, was man tut. Aber keine Technologie ist nur gut. Eine angemessene Verwendung muss garantiert werden, und Facebook ist damit leichtsinnig gewesen. Dennoch bestreitet das Unternehmen jede Verantwortung für den Datenmissbrauch.

SPIEGEL ONLINE: Zuckerberg hat doch einen langen Post auf Facebook veröffentlicht und Fernsehinterviews gegeben.

Sonnenfeld: Aber es gab nur unzureichende, erbärmliche Antworten, anstelle einer angemessenen Erklärung, warum das Unternehmen nach dem internen Bekanntwerden des Datenmissbrauchs durch Cambridge Analytica keine unabhängige Überprüfung der Vorgänge eingeleitet hat.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Sonnenfeld: Das ist der Nachteil, wenn man einen charismatischen Gründer wie Zuckerberg hat, der zugleich Vorstandschef und Chef des Aufsichtsrates ist und auch noch 60 Prozent der Stimmrechte kontrolliert. Es ist das Modell "Imperator auf Lebenszeit", fast wie bei Fidel Castro. Solche Strukturen sind nicht nachhaltig, Zuckerberg muss stärker rechenschaftspflichtig werden.

SPIEGEL ONLINE: Folgt Facebook nicht dem gleichen Skript wie andere große Konzerne mit vergleichbaren Skandalen? Volkswagen zum Beispiel räumt im Abgasskandal ja auch immer nur das ein, was nicht mehr zu leugnen ist.

Sonnenfeld: Bei Facebook geht es nicht wie anderswo nur um inkompetentes Management. Der Konzern war in gewissem Ausmaß Mittäter.

SPIEGEL ONLINE: Wie sähe kluges Krisenmanagement aus?

Sonnenfeld: Nehmen sie zum Beispiel General-Motors-Chefin Mary Barra: Sie kam ziemlich plötzlich auf ihren Posten, weil ihr Vorgänger Gesundheitsprobleme hatte. Kaum im Amt, musste GM fast 30 Millionen Autos zurückrufen...

SPIEGEL ONLINE: ...wie ging sie vor?

Sonnenfeld: Ihre Reaktion war brillant, obwohl sie nie zuvor mit einer vergleichbaren Krise konfrontiert war: Sie stellte umgehend ihre besten Leute zusammen. Eine Gruppe fokussierte sich auf den Umgang mit bereits geschädigten Kunden, die nächste schaute nach potenziell Geschädigten, eine andere kümmerte sich um die Händler. Zuckerberg hat es immer abgelehnt, vor dem Kongress auszusagen. Barra ist damals hingegangen und hat gesagt, sie fühle sich verantwortlich, auch wenn sie damals noch nicht im Amt gewesen war.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es noch weitere positive Beispiele?

Sonnenfeld: Der Spielzeughersteller Mattel war mal wegen gesundheitsgefährdender Farbe in den Schlagzeilen. Der Konzern hätte die Schuld auf den chinesischen Lieferanten schieben können. Stattdessen sagte der Vorstand: Es ist unser Fehler, es liegt in unserer Verantwortung, die gesamte Lieferkette zu kontrollieren.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zu Facebook. Liegen die Probleme in Zuckerbergs Charakter begründet oder eher in der Struktur der Firma?

Sonnenfeld: In beidem, und es ist schwer zu sagen, was zuerst da war. Bei Facebook sieht man klar Anzeichen für eine Art Kultur der Arroganz. Auch Sheryl Sandberg ist eine echte Enttäuschung, sie hat keinerlei Führungsstärke gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Viele IT-Riesen werden doch auch geprägt von sehr erfolgreichen Gründerfiguren. Ist jemand wie Amazons Jeff Bezos wirklich weniger selbstherrlich als Zuckerberg?

Sonnenfeld: Bezos ist selbst sein größter Kritiker, er ist immer auf der Suche nach konstruktivem Widerspruch. Auf der anderen Seite hat Amazon bislang natürlich auch noch keine solche Katastrophe erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Entwickeln sich Zuckerberg und die von Ihnen angeführte "Kultur der Arroganz" womöglich zur größten Gefahr für Facebook?

Sonnenfeld: Oh ja. Das bisherige Geschäftsmodell ist bedroht, und ich kann nicht erkennen, dass das Unternehmen sich um eine Antwort darauf kümmern würde. Die Europäische Union hat die Datenschutzstandards verschärft - aber Facebook passt sich nicht an. Wir sehen, dass einige große Unternehmen sich von Facebook zurückziehen, Elon Musks SpaceX zum Beispiel. Facebook ist bei jüngeren Nutzern auch immer weniger beliebt.

SPIEGEL ONLINE: Wer kann Druck auf Zuckerberg ausüben?

Sonnenfeld: In gewissem Maß institutionelle Investoren: Blackrock zum Beispiel. Sie haben die Möglichkeit, Abstand zu nehmen von ihren Investments. Dann gibt es den Aufsichtsrat: Der wird zwar von Zuckerberg geleitet, aber in dem Gremium sitzen genug kritische Leute. Kenneth Chenault, der Ex-Chef von American Express, genießt großes Renommee. Man müsste ihn morgen zum Aufsichtsratschef berufen.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir in nächster Zeit einen Wandel bei Facebook sehen?

Sonnenfeld: Wenn der öffentliche Druck bleibt und sich der Aktienkurs nicht erholt, wird das zu Veränderungen führen. Zuckerberg wird sicher nicht zurücktreten. Das muss er auch nicht. Er ist jung, er kann noch lernen. Das sollte er auch.

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