Geplanter Twitter-Börsengang Ein Tweet für die Wall Street

Twitter wird erwachsen: Der Kurznachrichtendienst will an die Börse und dabei die Fehler des Rivalen Facebook bei dessen Gang an die Nasdaq möglichst vermeiden. Doch noch ist völlig unklar, wie Twitter Geld verdient.

Twitter-Logo: "Jetzt zurück an die Arbeit"
AFP

Twitter-Logo: "Jetzt zurück an die Arbeit"

Von , New York


135 Anschläge waren nötig, fünf weniger als erlaubt. Mit einer Twitter-Kurznachricht, was sonst, kündigte Twitter seinen Börsengang an: Es habe bei der US-Börsenaufsicht SEC die nötigen Formulare eingereicht. Eine Minute später folgte ein zweiter Tweet, samt eines Fotos von Mitarbeitern in der Twitter-Zentrale in San Francisco: "Jetzt zurück an die Arbeit."

Allein der erste Tweet wurde in nur vier Stunden fast 11.000-mal weitergetwittert. Es war ein Zeichen für das große Interesse für diesen Initial Public Offering (IPO): Der erst sieben Jahre alte Microblogging-Dienst ist erwachsen geworden - und so selbstbewusst, dass er sich mit dem Erzrivalen Facebook misst.

An dessen Reichweite (fast 1,2 Milliarden Nutzer) und Marktwert (109 Milliarden Dollar) kommt Twitter zwar nicht heran. Doch mit 200 Millionen Nutzern - interne Memos sprechen angeblich sogar von bald 300 Millionen - sowie einem cooleren, jüngeren Image als Facebook ist es eine nicht zu unterschätzende Macht.

Die Wall Street fiebert Twitter schon lange entgegen. Als das Unternehmen im August auf einem anderen Netzwerk - LinkedIn - die Stelle eines Finanzmanagers für Börsengänge ausschrieb, kochte die Gerüchteküche so hoch, dass Twitter die Anzeige schnell wieder killte.

Aus den Facebook-Fehlern lernen

Einige staunen dennoch über die Bekanntgabe: "Es ist vielleicht ein bisschen früher als erwartet", sagte der Investmentbanker Carter Mack dem "Wall Street Journal". Unter Leitung der Großbank Goldman Sachs könnte der Twitter-Börsengang Ende dieses Jahres oder Anfang 2014 steigen. So oder so: Es dürfte die profilierteste Technologie-Premiere seit Facebook werden.

Vom Facebooks Börsendebakel hat Twitter gelernt. Es meldete die IPO "vertraulich" an, nach einer Regel für Unternehmen mit weniger als einer Milliarde Dollar Umsatz. Will heißen: Konkrete Zahlen über Umsätze, Wachstum, Prognosen oder Saläre muss Twitter erst drei Wochen vor der Börsenpremiere veröffentlichen - und kann die auch noch diskret abblasen, sollte die Nachfrage klemmen. Facebook hatte sich mit übertriebenen Versprechen im Vorfeld eines Börsengangs ja viel Ärger eingehandelt.

Über besagte Zahlen wird wild spekuliert. Wie Facebook hat Twitter eine eingebaute Fangemeinde. Wie Facebook ist es aus dem virtuellen Leben nicht wegzudenken. Und wie bei Facebook ist unklar, wie es Geld verdient.

Woher kommt dieses Geld?

Der derzeitige Wert von Twitter schwankt, je nachdem, wen man fragt, zwischen 9 und 10,5 Milliarden Dollar. Die "New York Times" meldet, es habe einem internen Memo zufolge voriges Jahr Gewinn gemacht, bei einem Umsatz von 100 Millionen Dollar im letzten Quartal. Dieses Jahr würden rund 600 Millionen Dollar Umsatz erwartet, 2014 bis zu einer Milliarde Dollar.

Woher kommt dieses Geld? Meist aus Werbung, die Twitter besser und gezielter anbringen kann als Facebook. Viele Facebook-Nutzer schauen nur sporadisch auf ihr "Newsfeed", während Twitters oft schnellerer Nachrichtenstrang bei vielen als "zweiter Bildschirm" läuft. Bezahlte Tweets bringen dem Unternehmen nach Angaben der Researchfirma EMarketer dieses Jahr 583 Millionen Dollar Werbeeinnahmen.

Vor allem in den USA nutzen Marken, Medien, Stars, Konzerte, TV-Shows und sogar Politiker den Dienst außerdem, um sich bei Events live "begleiten" zu lassen, und formen so enge Bande zu Fans, Zuschauern, Wählern - Zielgruppen. "Twitter verdient heute zwar nicht viel Geld", schreibt das Online-Magazin "Slate". "Aber es hat das Potential, in den kommenden Jahren ein viel größerer Akteur zu werden."

Facebook hat die Startschwierigkeiten überwunden

Andere berichten, dass manche Werbekunden Twitter noch mit Skepsis sehen - weil es so viel kleiner ist als Facebook, also weniger Menschen erreicht, und vergleichsweise rudimentär. Zumal sich die Tech-Branche konstant erneuert und das, was heute neu ist, schnell alt wird.

Der Zeitpunkt stimmt jedenfalls. Nach längerer Flaute haben sich die Börsenkurse der sozialen Netzwerke inzwischen wieder spürbar erholt. AlleinFacebook hat seine Startschwierigkeiten vom vorigen Jahr überwunden und im letzten Quartal um 88 Prozent zugelegt; am Donnerstag erreichte die Aktie mit 45,6 Dollar vorübergehend ihren bisherigen Höchstwert.

Zu den potentiellen Gewinnern eines Twitter-Listings zählen jedenfalls die allerersten Geldgeber. Darunter Venture-Firmen aus New York und dem Silicon Valley, die Tech-Investoren Ron Conway und Marc Andreessen - die beide auch früh auf Facebook setzten - sowie Amazon-Chef Jeff Bezos. Der hält sich alle Optionen offen und hat neulich ja auch die traditionsreiche "Washington Post" gekauft.

Wo Twitter sich listen lassen will, ist bisher nicht bekannt. An der Traditionsbörse New York Stock Exchange (NYSE) oder der Tech-Börse Nasdaq? Letztere hat sich mit dem Facebook-Flop und anderen Pannen in letzter Zeit ziemlich blamiert. "Twitter sollte sich das genau ansehen", sagte der Portfolio-Manager Brian Frank dem Online-Börsenmagazin "The Street".



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
kalim.karemi 13.09.2013
1. Nicht klar wie Twitter Geld verdient?
Zitat von sysopAFPTwitter wird erwachsen: Der Kurznachrichtendienst will an die Börse und dabei die Fehler des Rivalen Facebook bei dessen Gang an die Nasdaq möglichst vermeiden. Doch noch ist völlig unklar, wie Twitter Geld verdient. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/facebook-rivale-twitter-boersengang-an-der-wall-street-geplant-a-921996.html
Sie Glücklicher, mir hat sich noch nicht einmal der Sinn von Twitter erschlossen.
peter-k 13.09.2013
2. Twitter, 140 Zeichen der Zeit
Eines der Tools die wahrhaftig haargenau das Gegenteil von dem machen, was sie dem Benutzer versprechen. Twitter ist wahrscheinlich am effektivsten darin Kommunikation zu verstümmeln. Ich wüsste gerne, warum sich Menschen sowas hingeben. Peter Kroll, Singapur
susuki 13.09.2013
3.
Es ist völlig klar wie twitter Geld verdient. Sie machen es wie facebook. Sie verkaufen bunte Papiere an gierige Menschen. Diese verkaufen sie teurer an dummen Menschen und am alte Menschen. Im Westen nichts neues.
ReneMeinhardt 13.09.2013
4. Ein Ganz an die Börse
ist eigentlich das Gegenteil von Erwachsensein oder -werdens
klarschiff 13.09.2013
5. Millionen und Milliarden
Könnten Sie nicht mal genauer sein und ständig Millionen und Milliarden verwechseln.Sie schreiben Facebook hat 1,2 Milliarden Nutzer und 109 Millionen Marktwert...es sind natürlich 109 Milliarden.Ständig verwechseln Journalisten diese Begriffe...kommt es vielleicht daher, daß im amerikanischen Originaltext Billionen genannt werden, die Amerikaner kennen nur Millionen, Billionen und dann Trillionen....
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